Foto: Courtesy of Niklas van Schwarzdorn

'HART' will Menschen die Angst vor dem Anderssein nehmen

Zwischen Post-Fetischismus und queerer Kultur: Die beiden Gründer des Berliner Magazins erzählen, was wir alle für Gleichberechtigung tun können.

von Juule Kay
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11 Juni 2019, 2:59pm

Foto: Courtesy of Niklas van Schwarzdorn

Stell dir vor, du lebst in einem Land, in dem du nicht lieben darfst, wen du willst. Bis vor 25 Jahren ging es homosexuellen Menschen in Deutschland so. Mindestens 64.000 Personen wurden wegen des sogenannten Schwulenparagrafen, § 175 des Strafgesetzbuchs, verurteilt, unzählige diskriminiert. Erst am 11. Juni 1994 wurde das Verbot abgeschafft. i-D und VICE feiern dieses Jubiläum in einer Themenwoche. Mit Geschichten von queeren Menschen, die damals wie heute für ihr Recht kämpfen, zu lieben, wen sie wollen. Hier geht es zu allen Artikeln der Serie.

"HART ist so wie das Leben – oder auch die Erektion im besten Falle." Mit diesen Worten beschreibt Niklas van Schwarzdorn, Mitgründer und Creative Director von HART, wofür das Berliner Magazin eigentlich steht. Ein Satz, den wir alle sehr gut nachvollziehen können. Schließlich ist es nicht immer ganz einfach, das Leben jeden Tag aufs Neue zu bestreiten – weder heute noch vor 25 Jahren. "Wir sollten uns öfter bewusst sein, was für ein Glück wir in Berlin eigentlich haben", erklärt er weiter. Schließlich wird die deutsche Hauptstadt nicht ohne Grund gerne als queeres Mekka betitelt. Hier scheint die Welt noch in Ordnung, die Freiheit grenzenlos. Doch wagt man einen Blick außerhalb der eigenen Blase, sieht das schon wieder anders aus: In Brandenburg zählt die AfD zur stärksten Partei bei den Europawahlen 2019. Ein erschreckendes Ergebnis.

Zum Glück gibt es Publikationen wie HART, die einen Funken Hoffnung an Orte bringen wollen, an denen queere Kultur vielleicht noch nicht so ausgelebt werden kann. Gemeinsam mit seinem Ehemann Léon C. Romeika, der sich bereits einen Exklusiv-Vertrag mit Gucci krallte, hat Niklas im April letzten Jahres das Magazin für Post-Fetischismus und queere Kultur gegründet. Was aus einem Uniprojekt entstand, steht mittlerweile vor der dritten Ausgabe. "Damals wollten wir ein Shooting machen, das die Ästhetik von Fetisch genauer erkundet", erzählt der 24-Jährige weiter. "Bis wir gemerkt haben, dass es zu Fetisch für eine Mode- und zu wenig sexuell für die 'richtige' Fetischrichtung war." Warum also nicht gleich ein eigenes Magazin gründen? Und genau das haben die beiden getan.

Wir haben die Drag Queens getroffen, um mehr über HART, Misogynie in der Schwulenszene und Gleichberechtigung in Deutschland zu erfahren.

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Foto: HART Issue 3

Wofür steht HART in euren eigenen Worten?
Niklas: HART ist so wie das Leben – oder auch die Erektion im besten Falle. Es zeigt queere Kultur in ihrer vollsten Form und will einen Funken Hoffnung an Orte bringen, an denen queere Kultur vielleicht noch nicht so ausgelebt werden kann. Viele Leute haben immer noch diese Angst vor dem Anderen. Ich sage nicht, dass sie es direkt verstehen müssen, aber wir versuchen, ihnen zu helfen, es zu tun.
Léon: Gleichzeitig soll HART Leuten eine Plattform geben, die in dieser Kultur schon kleine Superstars sind, aber vielleicht noch nicht unbedingt außerhalb davon.
Niklas: Ich verstehe uns schon fast als Kuratoren.

Berlin wird gerne nachgesagt, die lebendigste queere Stadt zu sein. Würdet ihr dem zustimmen?
Niklas: Derzeit noch ja. Ich bin ein Landbursche – nach Berlin zu kommen, war für mich schon ein "Wow"-Moment. Ich kam hierher mit einer XL-Jeans, weil ich nicht wollte, dass man meinen "schwulen Gang" bemerkt. Und ich kam hierher, da wusste ich noch gar nicht, was Drag überhaupt ist. Für mich wird Berlin immer dieses queere Mekka bleiben. Viele Leute kommen hierher – nicht um zu bleiben, aber um ungefähr fünf gute Jahre zu haben. Und in diesen geben sie so richtig Gas. Man muss auch immer zwischen der queeren und schwulen Szene unterscheiden. Die queere Szene ist viel inklusiver und offener … nicht so oberflächlich und misogyn wie die Schwulenszene.

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Foto: HART Issue 3

Wenn wir schon beim Thema Ausgrenzung sind. Welche Diskriminierungserfahrungen habt ihr selbst machen müssen?
Léon: Ich komme aus einer wirklich kleinen Stadt in der Nähe von Hannover. In meinen ersten Jahren in Berlin hatte ich immer das Gefühl, dass ich so viele Narben aus dieser Zeit mit mir herumtrage. Damals war es überhaupt nicht möglich für mich, eine schwule oder queere Identität auszuleben. Ich kannte niemanden, der sich als schwul bezeichnet hätte. Hatte nie Kontakte, keine Vorbilder oder Wege, die man gehen könnte. Für mich bestand die Diskriminierung mehr im Totschweigen. Ich habe mich mit 16 geoutet, doch so richtig anerkannt hat es niemand. Auch wenn ich vielleicht der einzige Schwule in meiner Stadt war, ich wollte zumindest sichtbar sein.
Niklas: Für mich war es in Berlin am Anfang innerhalb der Schwulenszene immer schwer als sehr femininer Mensch. Einerseits wirst du als Drag Queen auf der Bühne gefeiert, aber sobald man runter geht, ist das anders. Dann hörst du Sätze wie "Ich bin schwul, ich stehe auf Männer". Das ist schon eine Form der Diskriminierung, die meiner Meinung nach mit Misogynie zu tun hat.
Léon: Das hat auch viel mit Vorbildern zu tun. Für uns gibt es zum Beispiel nicht wirklich eines, wie man eine schwule Ehe bis an sein Lebensende führen kann – wir gehen unseren Weg in dieser Hinsicht vorbildslos. Und wenn wir doch welche haben, sind es heterosexuelle Männer oder "männliche" Männer.
Niklas: Das hat viel mit gegenseitiger Bewertung zu tun. Du bist besser, weil du muskulöser, erfolgreicher, größer bist. Bei Drag ist es mittlerweile auch schon so, dass es zu einem Schönheitswettbewerb geworden ist. Dabei ist Drag eigentlich die Speerspitze für die Sichtbarkeit der LGBTQIA-Community.
Léon: Drag ist eine Möglichkeit für mich, die Idee von mir selbst nach außen zu kehren und verstehbarer zu machen.

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Wo steht Deutschland eurer Meinung nach hinsichtlich Gleichberechtigung, vor allem hinsichtlich der LGBTQIA-Community?
Léon: Deutschland steht zwischen Extremen. Berlin ist diese Insel in Brandenburg.
Niklas: Manchmal fällt es schwer, aus seiner eigenen Blase auszubrechen. Wir sollten uns öfter bewusst machen, was für ein Glück wir hier eigentlich haben. Dass wir so rumlaufen können, wie wir es tun. Schwul- und Anderssein war vor noch nicht allzu langer Zeit ein wahnsinniges Tabu – und ist es leider teilweise leider immer noch. Wenn man dann aus Brunei hört, wird man sich dessen erst wieder bewusst.
Léon: Man muss kleine Schritte gehen und jedem seine Zugeständnisse geben. Für meine 15-jährige Schwester aus meinem Heimatdorf ist es zum Beispiel absolut selbstverständlich, dass es Schwule und Lesben in ihrem Jahrgang gibt.
Niklas: Und auch Social Media hat einen großen Teil dazu beigetragen. Es hilft dir schon als 13-Jähriger, wenn du im Internet siehst, dass es auch andere Leute gibt, die so gefeiert werden, wie sie sind.

Was können wir alle für Gleichberechtigung tun?
Niklas: Gleichberechtigung heißt, dass ich alle Menschen gleich behandle. Wenn wir darüber reden, wie wir gleichberechtigender sein können, sollten wir nicht mehr unterscheiden. Wir müssen die Menschen hinter ihren Sexualitäten sehen. Ich möchte nicht, dass jemand anders mit mir redet, nur weil ich jetzt queer oder schwul bin. Es geht nicht darum, uns auf ein Podest zu stellen, sondern Sexualität wieder etwas in den Hintergrund zu rücken. Was man wirklich aktiv machen kann, ist präsent zu sein. Viele Leute fragen mich: "Niklas, warum bist du eigentlich so schwul?" Und ich antworte immer: "Weil ich’s kann und weil ich’s muss". Ich will, dass die Leute mich sehen und denken: "Wenn die Oide das kann, kann ich das vielleicht auch und traue mich auch etwas mehr".

@hart.magazine

Am 12. Juni findet die Ausstellung zur HART Issue 3 in Berlin statt inklusive Drag Performance und queerer Kunst. Alle weiteren Informationen findest du hier.