Foto: über i-D UK

Wie TikTok die Gen Z von Schönheitsnormen befreit

Die Zeit der Instagram-Influencer ist vorbei. Die E-Girls stehen bereit, die Weltherrschaft zu übernehmen.

von Roisin Lanigan
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30 Juli 2019, 7:29am

Foto: über i-D UK

Die Schreckensherrschaft der Influencer ist vorbei. Endlich können wir uns wieder nach draußen wagen, in die 'echte' Welt, wo es keine FaceTune-App gibt, die unsere Cellulite retuschiert. Denn: Instagram-Influencer influencen anscheinend niemanden mehr. Die Engagement Rate ist seit Kurzem komplett in den Keller gesunken; laut einer neuen Facebook-Studie ist sie sogar so schlecht wie noch nie. Und mit der News, dass Instagram bald in einigen Ländern die Likes unter den Beiträgen abschafft, sieht die virtuelle Welt nicht so rosig aus für all die Personen, die der digitalen Community zwanghaft Entschlackungstees, Zahnweißmittelchen oder Anti-Akne-Cremes andrehen wollen.

Es scheint, als hätten wir genug von dem perfekt kuratierten Universum der Influencer. Als hätten wir endlich realisiert, wie künstlich und schädlich das Ganze ist – sogar Instagram gesteht, dass die App schlecht für die mentale Gesundheit ihrer User ist. Auf Reddit und Accounts wie Celebface werden die modifizierten Bilder Prominenter diskutiert und auf Photoshop-Einflüsse analysiert. Und der Anstieg an Follower auf diesen Plattformen spricht für sich. Instagramreality auf Reddit zählt bereits stolze 504 Tausend Mitglieder, die Inhalte von Celebface verfolgen sogar 1,1 Millionen Menschen.

Die Antwort auf die Instagram-Krise heißt TikTok. Während Instagram-Millennials mit Style- und Beauty-Inspiration versorgte, macht TikTok nun dasselbe für die Gen Z – nur eben in einer Weise, die interessanter und unterstützender wirkt.

Hier drüben, bei TikTok, gibt es kein missglücktes Influencer-Marketing (man denke an #CoralLiebtDeineKleidung) und #Werbung im Überfluss, hier regiert das E-Girl. Wahrscheinlich sind dir schon ein oder zwei von ihnen über den Weg gelaufen (wie könnte man sie auch übersehen). Für alle, die bisher noch nicht in den Genuss kamen: du erkennst sie an dem ausgestellten Tennisrock, der T-Shirt-über-Longsleeve-Kombi, kleinen Zöpfchen, Overknee-Socken und an ihren extrem kreativen Make-up-Experimenten. Die Wangen und Nase werden mit Rouge bearbeitet – ein echter Affront gegenüber dem Conturing à la Kardashian –, flüssiger Eyeliner verwandelt Augen in messerscharfe Cateyes. Zum Abschluss noch Herzen und Sterne auf die Wangenknochen, fertig ist die neue Definition des Cool Girl.

"Die Community auf TikTok unterstützt sich gegenseitig ... nicht wie bei Instagram, wo alle für sich alleine stehen, nur Bilder und manchmal Videos posten."

Ein Artikel auf BuzzFeed datiert den Anfang dieses Trends zurück auf Februar. Doch laut Autorin Lauren Strapagiel liegt der Ursprung schon in den Nullerjahren, als Scene Kids als Reaktion auf die glattpolierte Mainstream-Ästhetik die Gegenkultur prägten. E-Girls würden niemals ihre Videos kommerziell bearbeiten. Sie tanzen zu düsteren Spice Girls Covern oder machen sich in den kurzen Clips über ihr eigenes Aussehen lustig, in dem sie proklamieren, eine E-Girl Fabrik zu erschaffen. "Scene Girls und Emo Girls waren ein Konter zu den adretten Juicy Couture Looks der 00er", schrieb Lauren. "Genauso sind die E-Girls eine Antwort auf die Facetune Instagram Influencer."

Doch die Gemeinschaft ist keinesfalls belehrend. Niemand schreibt einem E-Girl vor, sich wie ein E-Girl zu kleiden. Keine versucht ihren Follower den eigenen Style schmackhaft zu machen durch personalisierte Rabattcodes. Es hat einfach ein gewisses Suchtpotential ihnen zuzusehen. Die 17-jährige Priscilla, die ihren vollen Namen anonym halten möchte, hat ihre TikTok-Karriere bereits begonnen, lange bevor die App ihren heutigen Hype-Status entwickelt hat. Nämlich auf Musical.y, dem direkten Vorgänger von TikTok. Mit ihren Slow-Mo-, Lip-Sync- und Tanzvideos konnte sie schon 960 Tausend Follower für sich gewinnen, ein krasser Gegensatz zu ihren 14 Tausend Followern auf Instagram. Auf TikTok zu sein, erzählt sie uns, hat ihren Stil und ihren Sinn für Schönheit stark beeinflusst. "Ich glaube, dass mich die VSCO Girl Ästhetik [Anm. d. Red.: ein ironisches Kommentar auf überstilisierte, bearbeitete, basic Social Media Posts] besonders geprägt hat", meint sie. "Mein Stil ist sehr entspannt. Manchmal kann er etwas außergewöhnlicher sein, doch meistens ist meine Kleidung einfach gemütlich."

"Die Community auf TikTok unterstützt sich gegenseitig", sagt Priscilla. "Alle erschaffen ihr eigenes Ding. Wir helfen uns, gegenseitig zu wachsen, zu kooperieren, solche Sachen. Es ist nicht wie bei Instagram, wo alle für sich alleine stehen, nur Bilder und manchmal Videos posten."

Ihre TikTok-Kollegin Maddy erklärt ebenfalls, wie stark die App die Art, wie sie sich kleidet und schminkt, beeinflusst hat. "Ich trage Kleidung, um auszudrücken, wer ich bin und wie ich mich fühle", führt sie fort. Sie beschreibt ihren Look als einen Mix aus stereotpyischen E-Girl-Style und mit einem Schlag "soft-grunge". "Natürlich kennen wir alle den E-Girl-Look und ich bin mit Sicherheit nicht die Einzige, die ihn so sehr liebt. Es hat unglaublich dabei geholfen, meinen Sinn für Mode aufzubauen."

"Ich habe nicht nur einen Stil", meint Maddy, die TikTok außerdem nutzt, um kurze Make-up-Tutorials zu veröffentlichen. "Ich trage, was mir ein gutes Gefühl gibt. Und die Leute auf TikTok scheinen sich darin gegenseitig zu unterstützen. Es ist wie eine große Familie. Die Künstler*innen bekommen auf der Plattform die Anerkennung, die sie verdienen. Dabei ist es egal, ob du Make-up oder Kunst machst oder einfach gerne Videos produzierst."

Wegen der wachsenden Beliebtheit – seitdem TikTok im August 2018 lanciert wurde, ist die App nun in 150 Ländern, auf 75 Sprachen verfügbar und zählt knapp 500 Millionen User – sind die App und die E-Girl Ästhetik, die auf der Plattform entstanden sind, alles andere als exklusiv. Wie Maddy und Priscilla erklären, ist der Style flexibel zu individualisieren, weswegen es keine Überraschung ist, dass es auch E-Boys gibt. Zunächst hat Mouse Rodriguez die App nur für einen Spaß unter Freunden genutzt, doch schnell haben seine Videos mehr als 10 Millionen Views erreicht, sodass er zum selbsterklärten E-Boy wurde – mit 155 Tausend Followern. "Ich bin ein E-Boy oder Softboi, wie er im Buche steht", sagt Mouse, der in New York lebt und eigentlich Vollzeitstudent ist. Meistens teilt er Sketches, manchmal auch "ästhetische Posts", die ihn und seine Outfits zeigen.

"So wie viele andere habe ich auf TikTok einen sicheren Hafen gefunden", erzählt er. "Ich habe den E-Boy-Trend kopiert und alles angezogen, was andere E-Boys getragen haben. Doch jetzt ist es um den Hype etwas ruhiger geworden, ich habe gemerkt, dass ich das Kid sein wollte, an dem sich alle anderen orientieren. Heute mache ich keine Styles mehr nach, stattdessen spezifiziere ich meinen eigenen. Ich würde ihn als eine Kombination aus weich und edgy beschreiben. Wahrscheinlich wie ein 2009 High School Emo Kid in hellen Farben."

Dieser kreative, sichere Hafen, von dem Mouse, Maddy und Priscilla erzählen, hat genau die Bedingungen geliefert, unter denen sich ein ungesehener Stil und damit auch ein neues Konzept von Schönheit entwickeln konnte. Die Community auf TikTok fühlt sich an, wie das frühe Tumblr oder, sogar noch früher, das privatisierte MySpace und Facebook. Sie hat ihre eigene Terminologie, ihren eigenen Style und vor allem überraschend ausgeprägte Werte, wenn es um das Thema Inklusion geht. "Wir akzeptieren und unterstützen jede Form des kreativen Selbstausdrucks", erzählte uns ein Repräsentant von TikTok. "Solange sie zu unserer Unternehmensphilosophie und den Community-Richtlinien passt." TikTok glaubt, dass es diese Umgebung den E-Girls erlaubt, zu einem globalen Internet-Phänomen zu wachsen. "Für die Girls ist es ein Weg, ihre Kreativität und ihren einmaligen Stil zu teilen, der inspiriert ist von Goth, K-Pop und von der Cosplay-Bewegung. Alles, was von ihnen auf TikTok gepostet wird, ist echt und spontan – und spiegelt unsere diverse und inklusive Community wider. Diese originären und respektlosen Stile finden bei uns ein Zuhause, die Menschen fühlen sich sicher darin, sich selbst auszudrücken."

Marketing-Sprech? Ja, aber ein schneller Blick auf die Massen von Videos, in denen E-Girls Make-up Tutorials, Lip-Sync Einlagen oder Tanz Challenges kreieren, zeigen, dass es wahr ist. Die Engagement-Raten der Influencer mögen schrumpfen, doch die E-Girls stehen gerade erst in den Startlöchern Richtung Weltherrschaft.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kollegen von i-D UK.

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