Wenn Körperflüssigkeiten zu einer Modekollektion inspirieren

Dafür hat sich Dimitra Petsa sogar in der U-Bahn in die Hose gemacht.

von Chaima El Haddaoui
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17 Juli 2019, 9:41am

Ihre Kleidung sieht aus, als wäre sie in Schweiß oder Urin getaucht – und dennoch ist sie vollkommen trocken. Die Kollektion Wetness war ein Teil ihrer Master-Kollektion an der Central Saint Martins. Dafür musste Dimitra Petsa eine neue Methode entwickeln, die ihre Kleider nass wirken lässt. Sie färbte Schweißflecken auf T-Shirts und fertigte handgeblasene Nippel-Piercings aus Glas, die Milchtropfen ähnelten.

Die griechische Performance-Künstlerin und Designerin arbeitet nun an einer Fortsetzung, Wetness Chapter 2: eine Linie, die sich unkonventioneller, mutiger 'Schwangerschaftsmode' widmet. Nachdem sie die Beziehung zwischen Körperflüssigkeiten und Scham erforscht hat, konzentriert sie sich nun auf die archetypische Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Wir haben uns mit ihr getroffen, um über ihre neue Kollektion und das Pinkeln in der Öffentlichkeit zu sprechen.

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Bevor du angefangen hast, an deiner Kollektion Wetness zu arbeiten, hast du dir in der U-Bahn in die Hose gemacht. Was hat es damit auf sich?
Das ist wahr [lacht]. Es war tatsächlich kein Unfall, sondern Teil meiner Performance-Kunst. Bevor ich mit meinem Fashion-Design-Master anfing, habe ich einen Bachelor in Performance-Kunst gemacht. Ich interessiere mich sehr dafür, in welcher Verbindung unsere Gefühle und Körperflüssigkeiten stehen: Traurigkeit ist mit Tränen verknüpft, Erregung mit Vaginalsekret, Nervosität mit Schweiß. Nach meiner intensiven Recherche hatte ich das Gefühl, damit etwas machen zu wollen. Also habe ich mich dazu entschieden, mir in der Öffentlichkeit, in einer vollen U-Bahn in Athen, in die Hose zu pinkeln.

Für mich ist das die ultimative Metapher des Loslassens, sowohl meine Körperflüssigkeit als auch meine Scham. Dann kam mir endlich die Idee zu meinem ersten Design: eine Hose, die so gefärbt ist, als hätte sich jemand eingemacht. Tatsächlich habe ich auch meine Models dazu gebracht, sich während der Präsentation meiner Kollektion vollzupinkeln.

Und wie haben sie darauf reagiert?
Naja, es gibt verschiedenen Etappen, die du durchlebst, wenn du dir in die Hose pinkelst. Als ich es das erste Mal gemacht habe, bin ich komplett erstarrt. Die Scham, die du fühlen sollst, ist wie in dein Hirn gemeißelt – und dass, obwohl ich mir das Skript selbst überlegt und den gesamten Prozess rationalisiert habe. In den ersten Sekunden war es schwierig, die Pisse laufen zu lassen. Doch bist du erstmal mittendrin, dann spürst du die Wärme des Urins, was sich seltsamerweise beruhigend angefühlt. So als wärst du in deine Kindheit zurückversetzt worden. In eine Zeit, in der du noch keine Frau bist und keine Erwartungen an deinen Körper gestellt werden. Als ich fertig war, fühlte ich mich sehr frei und stark, doch zur selben Zeit auch nackt. Für die Models war es ebenfalls ein sehr emotionaler Prozess, aber auch sie erlebten ihn als eine aufschlussreiche Erfahrung.

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Du hast eine besondere Technik benutzt, damit es aussieht, als wären die Materialien feucht. Wie funktioniert das?
Es hat Monate gedauert, bis ich die Methode entwickelt und perfektioniert habe. Ich wollte nicht, dass es einfach nur realistisch aussieht, sondern sich auch so anfühlt, wenn du dich bewegst. Deswegen durfte das Material nicht zu elastisch sein, es sollte an deinem Körper kleben. Das habe ich erst hinbekommen, als ich einen speziellen dehnbaren Stoff mit Wasser durchtränkt habe und in der Dusche auf einem Model drapiert habe. Dann habe ich die Falten und Luftblasen abgesteckt, die wegen des Wassers entstanden – das waren knapp 600. Anschließend habe ich diese Linien per Hand im Stoff eingenäht. So ist dieser Nass-Nicht-Nass-Look entstanden.

Deine Arbeit dreht sich vor allem um den weiblichen Körper. Möchtest du damit eine Diskussion anstoßen?
Ich möchte zeigen, dass der weibliche Körper ein politisches Thema ist, eines das konstant überwacht und zensiert wird. Schau nur, welche Scham auf Müttern lastet, die ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen wollen. Wenn du darüber nachdenkst, ist es ein effektives Mittel, Frauen öffentlich bloß zu stellen, um sie unter Kontrolle zu halten. Ich glaube, deswegen ist Scham auch so ein präsentes Thema in meiner Arbeit.

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Du hast bereits Schweiß und Urin erwähnt, was ist mit Tränen?
Während meines Studiums habe ich häufig geweint. Und ich war nicht die Einzige, meine Kommiliton*innen haben das ständig. Überall wo ich hingeschaut habe, haben Leute geweint, weil wir unter so einem immensen Stress standen. Mich hat allerdings getroffen, dass es ihnen peinlich war. Sie haben ihr Gesicht mit den Händen bedeckt oder sich irgendwo in der Ecke versteckt. Seitdem ich mich in dieses Projekt gestürzt habe, weine ich auch in der Öffentlichkeit. Es ist mir egal, wenn Leute sehen, dass ich Gefühle habe.

Auf deinem Instagram Account postest du viele zensierte Nippel. Wie denkst du über die Zensur des weiblichen Körpers auf Social Media?
Die Zensur der weiblichen Brust werde ich wohl nie verstehen. Ehrlich gesagt finde ich einen Bauchnabel sehr viel erotischer als einen Nippel. Ich sehe Social Media als Abbild dessen, wie der weibliche Körper in der realen Welt behandelt wird. Er wurde in verschiedene Kategorien unterteilt – eine Kategorie darf gesehen werden, die andere nicht. Verwunderlich ist nur, dass die Nippel von Frauen gezeigt werden dürfen, die gerade ein Kind gebärt haben oder es stillen. Aber du hast schließlich keine anderen Nippel für verschiedene Anlässe, oder?

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Worum geht es in deiner neuen Kollektion?
Es ist das zweite Kapitel von Wetness, dafür nutze ich noch immer dieselbe Technik. Doch dieses Mal konzentriere ich mich auf schwangere Frauen. Ich möchte mit der weitverbreiteten Auffassung spielen, dass schwangere Frauen nicht mehr sexuell sind. In der letzten Zeit habe ich mich viel mit dem Konzept der ekstatischen Geburt befasst, ein Phänomen bei dem Frauen Orgasmen während der Geburt bekommen. Bilder von dieser Art der Geburt sind auf Social Media verboten, da sie als unangebracht angesehen werden. Das zeigt mir noch einmal mehr, dass dir als Frau ganz spezielle Rollen zugeteilt werden, die immer alleine stehen: du bist eine Mutter, eine Jungfrau, ein Sexsymbol oder eine verbitterte Junggesellin. Das ist alles ziemlich merkwürdig.

@dipetsa

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Credits


Fotografie: Nicholas Hadfield, Kate Iorga und Alexa Horgan
Styling: Kate Iorga, Wei Ting and Christelle Owona Nisin
Make-up: Mattie White
Nägel: Sylvie Macmillan
Set Design: Ellie Koslowsky and Clara Boulard
Models: Louise Earwaker, Charlotte Dack and Jodie Chinn
Accessoires in Kooperation mit Hag Stone

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der niederländischen Redaktion.

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