Kevin Abstract im Gespräch mit Shia LaBeouf: "Neuerdings weine ich wirklich viel"

In intimer Atmosphäre spricht Kevin Abstract mit seinem engen Freund Shia LaBeouf über die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Therapie-Einheiten.

von Ryan White und Shia LaBeouf
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03 September 2019, 12:19pm

Als Brockhampton 2018 die riesige Bühne des Coachella Festivals betraten, waren alle Augen auf sie gerichtet. Oder vielmehr: auf ihre kugelsicheren Westen. Denn dort leuchteten in gelben Großbuchstaben verschiedene, politisch aufgeladene Wörter. Bei einem Festival, das nicht gerade durch politische Statements im Gedächtnis bleibt, stand dort plötzlich Kevin Abstract mit dem Wort “FAGGOT” auf der Brust. Eine Beschimpfung, die er nicht mehr benutzt, stattdessen in Gesprächen einfach mit “das Wort” umschreibt. Eine Beschimpfung, die tief verwurzelt war im Umgangston zwischen ihm und seinen Freunden – bis er sein Coming Out hatte und sich “das Wort” plötzlich gegen ihn richtete. Es jetzt auf seiner Brust, auf einer Schutzweste zu tragen, sendete eine wichtige Botschaft an die Masse junger Fans: Stärke, Überleben.

Ian Clifford Simpson, wie ihn seine Freunde und Familie kennen, wurde in The Woodlands geboren, eine geplante Gemeinde nördlich von Houston, Texas. Als er vier Jahre alt war, verlor seine Mutter ihren Job. Zusammen mit seinen Geschwistern zogen sie nach Kissimmee, Florida, eine kleine Stadt im Schatten der glänzenden Lichter von Orlando und seinen Vergnügungsparks. Von dort ging es weiter nach Corpus Christi, Texas, in ein Haus auf der Brockhampton Street, nur um kurz danach wieder zurück nach Houston zu ziehen. Nach seinem High School Abschluss in Georgia setzte ihn seine Mutter an Weihnachten im Haus seiner Schwester ab.

Zwischen all diesen verschiedenen Städten im Süden Amerikas hat Ian Kevin erschaffen: eine Identität, deren Ursprung in der Verwandlung liegt. “Du kommst schon dahinter”, sagt er. Die meisten Menschen schaffen es. Doch seine komplizierte Identität verleiht seinen Lyrics eine unnachgiebige Ehrlichkeit, besonders in seinen früheren Texten.

“My best friend’s racist, my mother’s homophobic”, singt Kevin auf Miserable America, ein Track von seinem zweiten Album American Boyfriend: A Suburban Love Story. Dabei drückt er aus, wo sich die komplexen Emotionen befinden und die größte Empathie benötigt wird. Das Album allein zersetzt das Narrativ des amerikanischen Kitsch – das Mädchen von nebenan und der all-American Boyfriend. Auf 16 Tracks befasst sich Kevin damit, inwiefern seine Person mit den vorherrschenden Normen des Landes gebrochen hat. Damit konnte er das Momentum um sein erstes Solo-Album MTV1987 weiterführen, das er 2014, kurz vor seinem Schulabschluss, veröffentlichte. Obwohl es gut von den Kritikern angenommen wurde, findet man es mittlerweile bei keinem Streaming-Dienst mehr. Kevin findet, dieses Album spiegelt nicht den Künstler, der er heute ist.

Irgendwann hat er Texas gegen South Central LA eingetauscht – seitdem hat er acht Alben mal im Alleingang, dann mit Brockhampton herausgebracht. Genau genommen eigentlich neun, denn das Brockhampton-Album Ginger soll einen Monat nach unserem Gespräch veröffentlicht werden. Es sind Sounds, die weniger durch Genres, stattdessen durch Ehrgeiz, Individualität und Energie verbunden sind. Sein aktuellstes Projekt – sein drittes Solo-Album Arizona Baby – wird von einem Song eröffnet, der so hektisch und unberechenbar produziert ist, dass man fast die aufgeheizten Lyrics über Queerbaiting und schwulen Sex überhört.

Zwischen unserem ersten und zweiten Gespräch feierte er im Sommer seinen 23. Geburtstag, es fühlt sich nach einem wichtigen Moment in seinem Leben an. Ruhm und Erfolg haben ihm den Luxus ermöglicht, sich selbst zu reflektieren. Und eine neu gewonnene Freundschaft, die sich zwischen ihm und seinem Idol, Schauspieler und Künstler Shia LaBeouf, entwickelt hat, leitete ihn auf den Weg Richtung Selbstschutz. Jeden Freitagabend treffen sich die beiden zu lockeren Therapiesitzungen im Haus von Brockhampton in LA – ein Haus, das einst von fast allen Bandmitgliedern besetzt wurde, jetzt jedoch mehr Kreativstudio ist. Shia führt eine Gruppe von Freunden und Familienmitgliedern durch eine offene Diskussion, in der sie sich darüber austauschen, welche Gefühle sie in der letzten Woche durchlebt haben. Es ist die erste Therapie, die Kevin ausprobiert hat, und ihr Einfluss zeigt sich in allen Bereichen – sei es in der Beziehung unter den Bandmitgliedern oder der Musik, die sie machen. Verbunden durch geteilte Verletzlichkeit, Neugier und Ziele setzen sich Shia und Kevin zusammen, um über ihre Therapie, Ruhm, das Leben und die Liebe zu sprechen.

kevin abstract of brockhampton with shia labeouf
Kevin trägt einen Hoodie von Awake NY.

Shia LaBeouf: Als erstes muss ich sagen, dass ich mich verdammt geehrt fühle, Teil von diesem Shit zu sein. In der letzten Zeit bist du zu einem großen Stück Freude in meinem Leben geworden. Das wollte ich nur loswerden, um die Nerven zu beruhigen und einmal alles auf den Tisch zu werfen.
Kevin Abstract: Du kannst mich alles fragen.

Ich habe dich das nie gefragt, weil ich dich als Fan getroffen habe. Was machst du?
Ich bin ein Musiker, Rapper, Produzent, Kopf der Boyband Brockhampton, Filmemacher und manchmal Fotograf. Alles in allem ein Künstler. Ich mache alles, was ich für die Gruppe tun muss, um dieses Art-House Kollektiv-Ding zu unterstützen.

Von all den Dingen, die du gemacht hast, was bedeutet dir am meisten?
Die ersten drei Brockhampton Alben. Du spielst ein paar Akkorde und es entsteht dieser Sound. Dann legen Rapper Vocals darüber und fügen Drums hinzu und bang! Es wurde ein Weg, der dich aus South Central rausholt. Das wird immer die wichtigste Sache sein, weil wir verhungert sind, uns nach Chancen gesehnt haben und es bedeutet mir viel, dass wir unsere Köpfe zusammengesteckt und eine Lösung gefunden haben.

Das war der Anfang. Die Bruderschaft, die ihr erst im Internet aufgebaut und dann verwirklicht habt. Wenn du zurückschaust, gibt es da einen Moment, in dem es geklickt hat?
Als wir Star herausgebracht haben. Diesen Song zu machen, das war ein magischer Moment. In meinem Zimmer habe ich ihn auf Dauerschleife gehört und dann gemerkt, dass wir etwas verstanden haben. Unsere Rezeptur gefunden haben. Aber jetzt möchte ich davon wegkommen, ich möchte eine neue Rezeptur finden.

Fühlst du aufrichtiges Glück, wenn du deine Arbeit teilst? Letztens meintest du mal "Das war eine perfekte Show" und ich dachte mir, dass das wahrscheinlich du in deiner glücklichsten Version sein musst. Was gehört zu einer perfekten Show? Geht es auch darum, was das Publikum empfängt?
Ja, es geht nicht nur um uns. Einige Künstler sagen, wenn sie Dinge machen, geht es nur um sie. Es geht nur um mich, wenn ich schreibe, aber sobald wir es veröffentlichen, bin ich regelrecht versessen davon, wie es zur breiten Kultur passt. Wenn ich auf der Bühne bin, denke ich: "Habt ihr die beste Zeit, die ihr nur haben könntet?" Ihr habt den ganzen Tag in der Schlange gewartet. Ihr wollt uns sehen. Ich möchte sichergehen, dass ich euch das geben kann. Ich war auch mal das Kind, das den ganzen Tag in der Schlange stand. Ich weiß, wie sich das anfühlt.

kevin abstract from brockhampton in i-D magazine

Wofür bist du in deinem Leben besonders dankbar?
Meine Freundschaften. Die Familie, die ich mir selbst aufgebaut habe. Sie haben mein Leben in vielerlei Hinsicht gerettet. Wenn all das morgen vorbei wäre, hätte ich immer noch diese Menschen. Als ich jung war, ist etwas mit mir passiert, das mich meinen Mitmenschen gegenüber neugierig und fürsorglich gemacht hat. Dafür bin ich dankbar, da ich seitdem viele Menschen getroffen habe, die es nicht sind.

Du hattest keinen Plan B. War es blindes Vertrauen oder warst du dir sicher, dass du es schaffen würdest?
Ein Mix aus beidem. Ich glaube, gelesen zu haben, dass du das Telefonbuch durchsucht hast, um den Namen deines Agenten zu finden. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich genau dasselbe getan. Ich habe Studios in Corpus angerufen und versucht, sie mir selbst zu buchen. Ziemlich wild. Mit elf habe ich auch bei Def Jam angerufen und gesagt, dass ich mit dem CEO sprechen möchte. Zu der Zeit war der CEO Jay-Z. Ich wollte ihn unbedingt treffen.

Wolltest du schon immer berühmt sein? Und ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?
Ja, ich wollte schon immer berühmt sein. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich immer Aufmerksamkeit wollte. Ist es so, wie ich es wollte? Nein. Es ist nicht das Zeug, das ich in meiner Kindheit romantisiert habe. Meinen Platz inmitten all dem zu finden, ist verdammt noch mal so anders, als ich dachte.

Würdest du sagen, du hattest eine glückliche Kindheit?
Als Kind war ich glücklich. Alles fühlte sich großartig an. Blicke ich zurück, war es allerdings nicht die beste Kindheit, aber auch nicht die schlimmste. The Florida Project spielt in Kissimmee und die Kids haben so viel Spaß dort. Das ist irre, denn ich lebte dort als ich ungefähr so alt war wie die Kids in dem Film und es war mega. Heute denke ich mir: "Krass, da habe ich gelebt." Es fühlte sich magisch an.

Und dann spielt die Realität ihre dreckigen Streiche und die Magie verpufft. Hast du das Gefühl, dass sie zurückgekommen ist in dein Leben?
Ja, das habe ich.

kevin abstract from brockhampton in i-D magazine
Jeans Vetements. Slip GAP.

Kannst du ausmachen, wann die Magie wieder passiert ist?
Ich würde sagen, sobald ich von Texas nach LA gezogen bin. Ich habe das Solo-Album American Boyfriend veröffentlicht. Das hat nicht das gemacht, was ich mir versprochen habe, also wollte ich, dass die Gruppe einen Versuch startet. In diesem Moment haben wir die Magie eingefangen. South Central, 2017.

Wenn du Brockhampton als Ganzes betrachtest, gibt es irgendetwas, das du gerne ändern würdest?
Ne, ich mag an Brockhampton, dass es sich in so viele verschiedene Dinge wandeln kann. Das ist mein Lieblingsteil davon. Ich würde gar nichts ändern.

Es ist die tollste Gruppe Menschen, die man um sich herum haben könnte.
Danke.

Was würdest du gerne über deine eigene Zukunft und die der Gruppe erfahren?
Wie lange das alles hält.

Wie lange was hält?
Nicht der Erfolg oder die Aufmerksamkeit. Die Freundschaften. Vielleicht frage ich das, weil ich diese komischen Vertrauensprobleme habe.

Weißt du, wann es damit angefangen hat?
Die hatte ich schon immer. Der Erfolg hat mich noch paranoider gemacht, aber ich war schon immer gereizt. Eigentlich möchte ich viele Menschen in mein Leben lassen. Meine Vertrauensprobleme sind nichts, auf das ich stolz wäre.

Dem kann ich zustimmen. Als wir mit unserer Freitags-Therapie angefangen haben, warst du der am wenigsten gesprächige Motherfucker im gesamten Raum. Es ist ein komischer Zwiespalt, der Ruhigste zu sein, doch gleichzeitig eine Art Führungsrolle zu tragen. Wolltest du schon immer ein Anführer sein?
Ich wollte immer mein eigenes Ding haben. Als ich ganz jung war, wollte ich mein eigenes Plattenlabel. Also ja, ich wollte immer eine Art Anführer sein.

Ist das schwer?
Es ist hart, ein Anführer zu sein, aber es ist noch härter, wenn dir jemand anderes sagt, was du zu tun hast. In meiner vorherigen Gruppe waren wir irgendwann an dem Punkt, dass ich nicht mehr der Anführer war, aber so eine starke Vision in meinem Kopf hatte, dass ich die Gruppe verlassen und Brockhampton gegründet habe. Ich habe die Leute aus der vorherigen Gruppe angerufen und ihnen gesagt: "Ich mache jetzt diese Sache. Ich will der Anführer sein und ich will, dass du mitkommst und das hier zu deiner Rolle machst." Ich war sehr klar und direkt.

kevin abstract from brockhampton in i-D magazine
T-shirt Calvin Klein Jeans. Jeans Vetements. Slip GAP.

Als wir mit der Therapie begonnen haben, sagtest du, dass du das machst, weil du den anderen von Brockhampton wieder nahe kommen willst. Du hast gerade dein Solo-Album fertiggestellt, du wolltest dich wieder mit der Gruppe verbinden, mit ihnen gemeinsam verletzlich sein. Wann hast du das letzte Mal vor ihnen geweint? Hältst du dich zurück, weil du die Verantwortung trägst?
Ich halte mich zurück, ja. Selbst wenn mich eine Kleinigkeit beschäftigt. Ich weiß, ich sollte darüber sprechen. Das Wichtigste ist es momentan, das Album zu beenden und es zu dem besten zu machen, das wir nur machen können. Ich muss sicher sein, in diesem Moment stark genug zu sein. Dass die kleine Dinge nicht plötzlich zu groß werden und mich verärgern. Dazu kommt noch, dass ich versuche, den perfekten Brockhampton-Refrain zu schreiben. Das bringt mich in eine komische Stimmung.

Wann hast du das letzte Mal geweint?
Ich weine die ganze Zeit. Neuerdings weine ich wirklich viel. Auf der Bühne versuche ich, es zurückzuhalten. Bevor es soweit ist, drehe ich mich um. Ich glaube nicht, dass mich das schwach oder so macht. Ich glaube, ich habe einfach Angst.

Ich finde das unglaublich. Wann hast du das letzte Mal auf der Bühne geweint?
Das ist ein paar Shows her.

Warum?
Wir waren in Norwegen und habe in den Himmel geschaut. Ich habe meine In-Ears rausgenommen, um das Publikum zu hören und sie haben eine Strophe von Joba gesungen. Ich habe daran gedacht, als wir in South Central waren, den Song aufgenommen haben und rein gar nichts hatten. Die Tatsache, dass wir alle zusammengekommen sind und etwas aufgebaut haben, das war echt gewaltig.

Das Studio brennt und du kannst dir nur einen Song aus deiner ganzen Sammlung schnappen.
Das wäre ein Song vom neuen Album, Dearly Departed.

Ja, der Song ist richtig geil. OK, eine letzte Frage: Wer bist du?
Wie soll ich antworten? Meinen Namen oder was ich mache?

Wie auch immer du willst.
Das ändert sich. Ich bin Kevin Abstract und ich bin ein Künstler, der jeden Tag versucht, den ganzen Shit zu verstehen. Das fasst es ganz gut zusammen.

Ich liebe dich und hoffe, dich verdammt noch mal schnell wiederzusehen. Ich kann es kaum erwarten, deinen Geburtstag zu feiern.
Danke. Danke dir sehr, dass du das mit mir gemacht hast.

KEVIN ABSTRACT on the cover of i-D
Kevin trägt einen kompletten Look von Calvin Klein Jeans.

Credits


Fotografie: Mario Sorrenti
Styling: Alastair McKimm

Haare: Bob Recine // Rodin
Make-up: Kanako Takase at Streeters
Nägle: Honey // Exposure NY nutzt Dior
Foto-Assistenz: Lars Beaulieu, Kotaro Kawashima, Javier Villegas und Chad Meyer
Styling-Assistenz: Madison Matusich, Milton Dixon III und Yasmin Regisford
Haar-Assistenz: Kabuto Okuzawa und Kazuhide Katahira
Make-up-Assistenz: Kuma
Produktion: Katie Fash
Produktions-Assistenz: Layla Néméjanksi und Adam Gowan
Creative und Casting Consultant: Ruba Abu-Nimah
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman // DMCASTING

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D 'The Post Truth Truth Issue', no. 357, Autumn 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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