Mascha Alechina: "Die Rebellion kann nicht vorbei sein"

Wir haben das Mitglied der russischen Band Pussy Riot zum Interview in Berlin getroffen. Die Menschenrechtsaktivistin spricht mit uns über ihre Zeit im Gefängnis und ihr neues Buch "Tage des Aufstands".

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Nov. 21 2017, 12:22pm

Foto: ciconia ciconia Verlag

"Das Buch soll zeigen, dass mit Propaganda auch anders umgegangen werden kann, man muss sich ihr nicht beugen." Mit diesen Worten bringt Mascha Alechina Tage des Aufstands auf den Punkt. Das Mitglied der russischen Punkband Pussy Riot, die mit ihrer Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau im Februar 2012 großes Aufsehen erregt hat, hat sich der russischen Propaganda selbst nicht gebeugt. Für ihr "Punk-Gebet", das sich gegen die Kirche und den Staat gerichtet hatte, wurde Pussy Riot angeklagt, verurteilt und inhaftiert. Das repressive System hat sie zwei Jahre ihrer Freiheit beraubt, aber Mascha nicht ihre Stimme nehmen können.


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Davon erzählt sie in ihrem Buch Tage des Aufstands in fragmentarischer Form und gibt dem Leser Momentaufnahmen aus ihrem Leben preis: von der Planung des legendären Auftritts in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau über das darauf folgende Katz-und-Maus-Spiel mit der russischen Polizei, die Verhaftung, den sogenannten Prozess, und das völlig unverhältnismäßige und menschenverachtende Urteil der russischen Justiz. Ihre Gefängnisstrafe sitzt Mascha in den Strafkolonien von Beresniki und Nischni Nowgorod ab und kämpft dort zwei Jahre lang mit Hungerstreiks und anderen Formen des gewaltlosen Protests gegen die erniedrigen Methoden der Gefängnisleitung und für die Rechte der inhaftierten Frauen. Heute ist sie frei – und will uns beweisen, dass wir immer eine Wahl im Leben haben. Wie man das schafft, ohne sich dabei zu verlieren, hat sie uns im Interview verraten.

Dein Buch heißt Tage des Aufstands. Kann es als Teil deiner Regierungs- und Kirchen-kritischen Rebellion gesehen werden?
Natürlich ist das Buch Teil des Aufstands – Protest kann viele verschiedene Formen haben. Wir nutzen bei Pussy Riot verschiedene Formen von Aktionismus: Wir schreiben Bücher und machen politisches Theater. Die Rebellion kann nicht vorbei sein, sie ist eines der sinnstiftenden Elemente unseres Kollektivs.

Du nennst Putin immer nur den Patriarchen. Lebt in Russland eine patriarchale Gesellschaft oder hat sich Putin zum Ziel gesetzt, dieses Bild international zu verbreiten?
Nicht nur Putin repräsentiert die patriarchale Denkweise in Russland. Das größte Problem ist, dass Putin die Richtung vorgibt, in die sich die russische Gesellschaft bewegen soll. Er zeichnet zum Beispiel das Bild einer Frau, die am heimischen Herd bleiben soll, um für die Familie Borscht-Suppe zu kochen, ein traditionelles russisches Gericht. Putins System hängt eng mit Religiosität zusammen, durch sie wird es am Leben gehalten. Wir brauchen Veränderungen.

Du wurdest zu zwei Jahren Straflager verurteilt, weil du an der Protestaktion in der größten orthodoxen Kirche Russlands beteiligt warst. Unter welchen Bedingungen musstest du dort leben?
Die Struktur der Gefängnisse in Russland wurde von den Gulags übernommen, den Arbeitslagern unter Wladimir Lenin. Im Prinzip haben sie sich überhaupt nicht verändert. Das Ziel dieser Anstalten ist es, den Menschen zu einem Eingesperrten ohne jegliche Freiheiten zu machen. Alle leben in Baracken mit bis zu 100 Gefangenen in einem Raum. Es gibt maximal vier Toiletten und kein warmes Wasser. Die Frauen arbeiten bis zu 14 Stunden und nähen die Polizeiuniformen der russischen Polizisten. Außerdem gibt es keine Medizin, ungefähr drei Viertel der Frauen im Gefängnis sind mit HIV infiziert und bräuchten durchgehend medizinische Betreuung, damit sie nicht an Tuberkulose erkranken. Das Buch soll auch auf diese schrecklichen Bedingungen aufmerksam machen.

Foto: über ciconia ciconia Verlag

Im Buch schreibst du, dass Gespräche über Politik von der Gefängnisleitung streng bestraft wurden. Wie bist du damit umgegangen, dass politische Debatten verboten waren?
Ich habe durchgesetzt, dass ich zwei unabhängige Zeitungen bekommen durfte. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mich unabhängig vom staatlichen Fernsehen zu informieren. Vielleicht gibt es dieses Stereotyp, dass sich Leute im Gefängnis nicht für Politik interessieren, aber das stimmt nicht. Wenn sie nur eine Kleinigkeit an Information bekommen, wissen sie damit schon viel anzufangen. Deswegen habe ich die Informationen aus meinen Zeitungen auch geteilt. Die Frauen haben diese Nachrichten nicht nur aufgenommen, sondern auch heimlich darüber debattiert.

Du und andere Gefangene wurden teilweise entwürdigend behandelt. Es gab wiederholte physische Übergriffe wie unbegründete gynäkologische Untersuchungen durch Gefängniswächter. Wie hast du es während der Haft geschafft, dich nicht selbst zu verlieren?
Was dich nicht umbringt, macht dich stärker – und das meine ich jetzt nicht nur als Scherz. Es ist tatsächlich so, dass jede Erfahrung einen lehrt. Jeder soll durch mein Buch erkennen, dass er immer eine Wahl hat. Was ich beschreibe, sind schreckliche Dinge, doch wenn Menschen etwas Böses tun und du nichts dagegen machst, werden sie ihr Verhalten auch nicht ändern. Es ist wichtig zu begreifen, dass diejenigen, die derzeit die Kontrolle haben, nicht gleich Macht über dich haben. Und dieses Buch soll zeigen, wie du dir die Macht zurückholst.

Im letzten Kapitel fragst du dich, welches Leben dich außerhalb des Gefängnisses erwarten wird. Du vermutest: ein absurdes, mit deinem Gesicht auf der Titelseite von Zeitungen. Wie sah es tatsächlich aus?
Der Kampf um uns selbst und die Freiheit ging weiter. Ob wir es wollten oder nicht: Wir von Pussy Riot sind in ein anderes Land zurückgekehrt. Kurz nachdem wir rausgekommen sind, haben wir in Sotschi da weitergemacht, wo wir aufgehört hatten. Dieses Leben hat mich erwartet.

Tage des Aufstands von Mascha Alechina ist im ciconia ciconia Verlag erschienen.