Die Macht der Mähne. Hairstylistin Ruby Howes inszeniert durch Perücken verschiedene Charaktere

„Bei Frisuren plädiere ich für etwas Mut“, meint Ruby. Johanna Laleh von Holst hat ihre Verwandlung für uns fotografiert.

von Julika Reese; Fotos von Johanna Laleh von Holst
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14 Januar 2022, 10:05am

Wenn uns der letzte harte Lockdown im Bereich Schönheit etwas gelehrt hat, dann, wie wichtig die richtige Frisur fürs eigene Wohlbefinden ist, denn ein guter Haarschnitt verleiht Ausstrahlung, Selbstbewusstsein und Sex-Appeal. Während der erzwungenen Schneidepause im letzten Jahr sind Haare deshalb nicht nur in Zentimetern gewachsen, sondern auch in ihrer Bedeutung.

Wir haben die Hairstylistin Ruby Howes deshalb zum Beauty-Talk getroffen und mit ihr über Frisuren als Stimmungsaufheller, perfekt ungemachte Haare und den Hype um den ‚Strand-Look-ohne-Strand’ gesprochen.

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Ruby, hast du festgestellt, dass sich das Verhältnis der Leute zu ihren Haaren durch den lockdownbedingten Friseurentzug letztes Jahr verändert hat?
Hab ich! Für viele hat der Entzug einen Verlust ihrer Individualität bedeutet, als unser Studio endlich wieder geöffnet hatte, war der Andrang fast schon überwältigend. Es gab überraschend viele Wünsche für Radikalrasuren wie Pixie Cuts und verrückte Farben. Ich war wirklich erstaunt. Andererseits eigentlich verständlich, die meisten Leute haben mir erzählt, dass sie nach dieser grauen, tristen Zeit bereit sind für eine optische Veränderung

Wie würdest du eine richtig gut sitzende Frisur beschreiben?
Mir ist wichtig, wirklich den Charakter von einem Menschen durch Frisuren zu reflektieren. Viele versuchen ja vor allem irgendwelchen Trends hinterherzujagen, die aber eigentlich gar nicht zu ihrer Persönlichkeit passen. Ein gutes Beispiel dafür sind Beach Waves oder auch die verspielte Variante davon, die Mermaid Waves. Weil man die gerade überall auf Instagram sieht, werde ich andauernd danach gefragt. Ich bin allerdings kein großer Fan, bei den meisten Leuten mit zu glatten Haaren wirken sie auch eher künstlich. Was ich sagen will, man sollte wirklich zu seinem eigenen Style finden und nicht einfach etwas kopieren, nur weil es gerade alle anderen machen.

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**Als Hairstylistin arbeitest du für die verschiedensten Magazine, kannst du uns von einem deiner letzten Highlights erzählen?
**Neulich hatte ich mein erstes Shooting für die deutsche Vogue, ich habe mich natürlich unglaublich gefreut über die Anfrage und sofort ganz euphorisch meine Eltern angerufen: „Mom, Dad, I got Vogue!“ Ich war so aufgeregt. Später hat sich dann herausgestellt, dass ich einen englischen DJ stylen sollte, der quasi glatzköpfig ist. Auch wenn das Styling nicht wie angenommen zur kreativen Herausforderung geworden ist, war es eine tolle Erfahrung - vor allem, weil ich seine Musik liebe.

**Wie kann man sich deine Arbeit am Set vorstellen? Wie eng arbeitest du mit Fotografen und Stylisten zusammen?
**Der Job ist definitiv Teamarbeit! Meist schicken wir uns gegenseitig Moodboards hin- und her oder mir wird vorher eine Vision vorgegeben wie: lange Haare, 90s Vibe. Diese Angabe interpretiere ich dann für mich und habe da meist auch viele Gestaltungsfreiheiten. Am schönsten ist es zu sehen, wie ein Look durch Klamotten, Hair und Make-up zusammenkommt. Deshalb arbeite ich oft sehr eng mit den Stylisten zusammen, um Kontraste zu entwickeln. Dirty hair und Desigerkleidung ist eine meiner Lieblingskombinationen. Wenn die Mode richtig teuer ist, kann die Frisur ruhig abgedreht sein, sonst wirkt es zu clean.

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**Wie würdest du deine Haarästhetik beschreiben?
**Man liest ja immer überall Tipps wie: Bei einem kleinen Gesicht sollte man keinen Pony schneiden oder wer einen runden Kopf hat, sollte keine strengen Zöpfe tragen. I fucking hate that. Vielleicht liebt diese Person ja ihren runden Kopf und will ihn überhaupt nicht kaschieren. Ich versuche mit den gegebenen Haarstrukturen einer Person zu arbeiten, anstatt sie durch Glätteisen und Extensions zu manipulieren.

**Wie erkennst du, welche Frisur zu einem Menschen passt?
**Schon bei der ersten Begegnung beobachte ich Menschen: Wie ist ihre Körpersprache, was tragen sie, wie bewegen sie sich? Mit welchen Selbstbewusstsein laufen sie durch den Raum? Das gibt viel mehr Aufschluss darüber, mit welchen Haaren sich jemand wohlfühlen wird, als seine Kopfform zu beurteilen.

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**Hast du eine bestimmte Ära, die dich im Bezug auf Haare besonders inspiriert?
**Ich liebe die 70s. Die Musik, der Style, die Popkultur. Meine Arbeit ist von diesem Jahrzehnt definitiv am meisten inspiriert.

**Was genau kann man sich darunter dann visuell vorstellen?
**Layers, Movement, Shapes. Ich mag keine zu statischen Looks, die finde ich langweilig. Am spannendsten sehen Haare meiner Meinung nach aus, die nicht alle auf einer Länge hängen, sondern auf verschiedene Stufen geschnitten sind.

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**Hast du auch eine Haarikone?
**David Bowie ist natürlich cool, er war wie ein Chamäleon. Wenn ich nach Referenzen suche, schaue ich mir aber am liebsten Dokumentarfotografien von der Undergroundszene in New York in den 70s an. Mich haben schon immer mehr Bilder von der Straße, als aus Hochglanzmagazinen angesprochen.

**Erzähl uns doch abschließend noch, was bei dir in der nächsten Zeit geplant ist?
**Ich liebe es, wie bei diesem Shooting mit Perücken zu arbeiten. Dadurch lässt sich so schnell ein völlig neuer Charakter entwickeln und man kann sich kreativ wirklich austoben. Perücken sind meine Spielwiese. Ich hätte gerne auch noch mehr eigene, aber das ist ein wirklich kostenintensives Projekt. Generell freue ich mich, dass Haare gerade durch das letzte Jahr wieder so viel Beachtung gefunden haben und auf viele ausgefallene Frisuren, die ich kreieren werde.

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Alle Fotos: Johanna Laleh von Holst

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