"So close yet so far away" by Shaima al-Tamimi. Photos courtesy of Arsheef.

Diese Galerie in Jemen operiert in einem Kriegsgebiet

Die Gründer von Arsheef, Ibi und Lizzy, erzählen uns, wie sie junge Künstler IRL und via Instagram unterstützen, um Kunst trotz des anhaltenden Konflikts zugänglich zu machen.

von Salma Haidrani
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07 April 2020, 1:28pm

"So close yet so far away" by Shaima al-Tamimi. Photos courtesy of Arsheef.

In den Mainstream-Medien wird Jemen seit 2015 vor allem als Hort von Krieg, Konflikt und Bombardements dargestellt. Die UN bezeichnet die anhaltende Gewalt der letzten fünf Jahre als die schlimmste humanitäre Krise weltweit. Aber wenn wir die jemenitische Erfahrung auf die politische Unsicherheit des vergangenen Jahrzehnt reduzieren, übersehen wir leicht die reichhaltige Kultur des Landes und seine knospende Kunstszene.

Etliche Galerien und Kunsträume haben ihre Pforten geschlossen, was es jemenitischen Künstlern erschwert ihre Arbeiten zu zeigen—sie sind damit fertiggeworden, indem sie ihre Kunstwerke behelfsmäßig in Kellergewölben oder auf Stadtmauern ausgestellt haben. Es ist genau dieser Mangel an Ausstellungsräumen, der den in Jemen wohnhaften bildenden Künstler und Filmemacher Ibi Ibrahim und die in London lebende Kuratorin und Autorin Lizzy Vartanian Collier dazu bewegt hat, Arsheef zu gründen—die erste Galerie für zeitgenössische Kunst ihrer Art in Sanaa, der Hauptstadt des Landes. Seit zwei Jahren in Vorbereitung, spiegelt Arsheef das seit langem bestehende Interesse der beiden, die Arbeiten junger jemenitischer Künstler sowohl in Jemen als auch in der Diaspora zu feiern und zu zeigen.

Was Arsheef jedoch von seinen Pendants in Jemen und im Nahen Osten (inklusive die Online-Datenbank Yemen Art Base) unterscheidet, ist, dass der Kontakt zum Publikum fast ausschließlich über Instagram erfolgt. Besucher können per Email oder Direktnachricht um einen Termin ansuchen, um die Arbeiten in Person zu besichtigen, aber ihr könnt die Galerie auch aus der Entfernung erleben: Arsheef ist für die Bewohner von Sanaa genauso zugänglich wie für jemanden in South Dakota. “Wir sind einfach eine Galerie für das 21. Jahrhundert”, sagt Lizzy.

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"Untitled" by Asim-Abdulaziz.

Im Vorfeld ihrer bevorstehenden dritten Ausstellung haben wir Ibi und Lizzy getroffen, um sie zu fragen wie die Galerie entstanden ist, warum die Stimmen von Künstlern in Kriegszeiten oft nicht gehört werden, und was sie mit Arsheef erreichen wollen.

Wie ist Arsheef entstanden?
Ibi: Mir gingen Vernissagen hier in Sanaa ab, die nicht länger stattfinden. Heute passiert das meiste in Cafés oder in kunstfernen Settings. Ich fand daher, dass ein Bedarf besteht, Kunsträume zurückzubringen. Es ist nicht so, dass Kunstausstellungen überhaupt nicht mehr stattfinden, aber es gibt keinen regulären Ort dafür. Ich denke, daher kam der Wunsch Arsheef zu gründen. Die Idee spukte mir im Kopf herum seit ich im Frühjahr 2018 [aus Berlin] nach Sanaa zurückgezogen bin, aber ich musste warten bis ich die perfekte Partnerin für dieses Vorhaben fand.

Lizzy: Wir saßen in einem Café in London und haben darüber gesprochen, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten können. Ich hatte viel über jemenitische Kunst und Projekte geschrieben, in die Ibi involviert war. Er meinte dann, ich soll mich mit ihm für Arsheef zusammentun. Ich wollte ihm helfen, aber es fühlte sich zunächst unsinnig an, dass ich in London lebend irgendetwas würde beitragen können. Sechs Monate später und wir sind dabei, die Arbeit an unserer dritten Schau fertigzustellen, während wir uns auf eine Kunstmesse und viele andere Projekte vorbereiten.

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Photo by Abeer Aref.

Warum dachtet ihr, es besteht Bedarf nach einem Projekt wie dem euren?
L: Weil die Medien ein unvollständiges Bild von Jemen zeichnen. Es zeigt nur die negativen Seiten eines Landes, das reichhaltig und vielschichtig ist. Was ist mit der jemenitischen Jugend? Und mit den Künstlern? Wir wollten sie in den Mittelpunkt rücken. Klar, junge Jemeniten müssen ihr Leben in einem Kriegsgebiet bewältigen, aber du kannst ihre Erfahrung nicht einfach auf den Krieg reduzieren. Es gibt einen Reichtum an Kreativität und Talent, der es verdient, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Wir wollen diese Künstler unterstützen und ihnen die Gelegenheit bieten, ihre Arbeit an ein Publikum innerhalb und außerhalb Jemens zu verkaufen und auszustellen.

I: Die Stimmen und Arbeiten jemenitischer Künstler verdienen es, gehört und anerkannt zu werden. In Zeiten des Konflikts werden besonders die Jungen und Künstler oft nicht ernst genommen und marginalisiert. Arsheef macht es sich zum Ziel, das zu ändern. Es ist an der Zeit, den Markt für jemenitische Kunst wiederaufzubauen und sicherzustellen, dass die Arbeit von hiesigen Künstlern gewürdigt und wertgeschätzt wird wie die aus den Nachbarländern.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die oft ungesehene—aber quicklebendige—Arbeit jemenitischer Künstler sichtbar zu machen?
L: Es ist nie der “richtige” Zeitpunkt. Wir mussten es wagen, diesen Künstlern eine Chance zu geben, gesehen und gehört zu werden. Es ging eher um die Notwendigkeit, diese existierende, aber bis heute unsichtbare Kunstszene der Welt mitzuteilen. Wie viele Galerien kennst du, die jemenitische Kunst ausstellen, besonders im Nahen Osten? Mir fällt nur eine Handvoll ein, und ich habe mich jahrelang mit Kunst im arabischen Raum beschäftigt und darüber geschrieben. Niemand sonst hat sich darum gekümmert. Hätten wir nicht Arsheef gegründet, wer sonst hätte es getan?

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"Untitled" by Ammar Baras.

Reden wir über den Namen Arsheef…
I: Es ist das arabische Wort für “Archiv”. Wir glauben, dass das, was Künstler heute machen, für kommende Generationen archiviert, aber auch weit geteilt werden muss.

L: Grundsätzlich kann man sagen: Wir archivieren zeitgenössische Kunst aus Jemen.

Worin unterscheidet sich Arsheef von anderen Galerien im Nahen Osten?
I: Jemenitische Künstler bekommen keine Gelegenheit, ihre Arbeiten in der Region auszustellen. Mir ist aufgefallen, wie ablehnend Kuratoren und Kunstmanager in der Region auf zeitgenössische Kunst aus Jemen reagieren. Mir ist diese Haltung erst letzte Woche wieder begegnet und es passiert immer wieder. Ich bin mir sicher, dass diese Ablehnung sich nicht von selbst ändern wird. Wenn Galerien in der Region uns keinen Raum geben, dann müssen wir selbst solche Räume schaffen.

L: Wir verstehen uns eher als soziales Unternehmen. Wir suchen nach Möglichkeiten für unsere Künstler, ihre Arbeiten in Ausstellungen und auf Kunstmessen zu präsentieren. Wir funktionieren aber vor allem via Instagram, was wenige andere Galerien tun, obwohl wir in einer Welt der sozialen Medien leben. Wir nutzen Technologie, um Menschen direkt und sofort zu erreichen.

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"Home from Home" by Bashayer Mohsen.

Wie läuft die Galerie logistisch?
I: Dafür haben wir WhatsApp zu danken. Montags haben wir wöchentliche Treffen, obwohl wir Arsheef eigentlich täglich besprechen. Ich bin in Sanaa, um die Produktion und Installation der Ausstellungen zu beaufsichtigen. Unsere zweite Show war der in Kuala Lumpur lebenden Künstlerin Afraa Ahmed gewidmet, wofür wir ihre skulpturalen Arbeiten vor Ort hergestellt haben.

L: Der physische Raum ist in Sanaa, aber wir promoten unsere Künstler auch gegenüber einem weltweiten Publikum. Wir beide haben einander auf Meetings mit hohen Tieren der internationalen Kunstwelt vertreten, es ist also durchaus nützlich, ein Bein in Europa und eins in Jemen zu haben.

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"Fatima" by Somaya Abdualla.

Was sind eure nächsten Vorhaben mit Arsheef?
I: Sanaa ist eine schwer zugängliche Stadt. Die Erfahrung des Galerieraums kann also nur von einer begrenzten Anzahl von Menschen wahrgenommen werden, die in der Stadt leben. Die Reaktion außerhalb Jemens ist oft positiv und aufregend. Wir hoffen, dass unsere Anhänger außerhalb Jemens in Zukunft die Reise nach Sanaa unternehmen werden können, um unseren Raum zu besuchen. Außerdem haben wir eben die Bestätigung erhalten, dass wir dieses Jahr an unserer ersten Kunstmesse teilnehmen werden, die in Europa stattfindet. Wir wollten eigentlich im Nahen Osten aktiv sein, hatten bisher aber wenig Erfolg auf den regionalen Kunstmärkten.

L: In gewisser Weise haben wir [unser Ziel] bereits erreicht, ein Licht auf jemenitische Künstler zu werfen und jemenitischer Kunst zu größerem Ansehen zu verhelfen. Aber während wir sehr glücklich sind über die mediale Aufmerksamkeit, die unserer Galerie und unseren Künstlern zuteil wird, hoffen wir doch, dass die Leute anfangen werden, in die Kunstwerke zu investieren. Das würde dem Kunstmarkt in Jemen beim Wachstum helfen und jementischen Künstlern erlauben, neue Arbeiten zu produzieren. Und wir hoffen, dass die Leute erkennen, dass Jemen mehr zu bieten hat als das Bild in den Medien vermuten lässt. Ja, es gibt Leid, aber eben auch Hoffnung und Schönheit.

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"When The Moon Fell From The Sky It Broke" by Afraa Ahmed.

Kann Kunst in einem kriegsgebeutelten Land wie Jemen ein Katalysator für Veränderung sein?
I: Das frage ich mich jeden Tag. Ich halte an jedem bisschen Hoffnung fest.

L: Als Galeristen hoffen wir, unseren Künstlern eine Perspektive bieten zu können, ihre Arbeiten auszustellen, aber auch finanzielle Einnahmen aus Verkäufen. Noch wichtiger aber ist, dass Kunst in Zeiten der Not als Ventil und Hoffnungsträger dienen kann.

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