Foto: Celia Delaney

Wie sich unser Bild von Maskulinität auf die männliche Psyche auswirkt

Nach dem Selbstmord seines Vaters fragt sich unser Autor, wie Männlichkeit und psychische Erkrankungen zusammenpassen.

von Dulcie Menzie; Übersetzt von Michael Sader
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Jan. 23 2018, 11:23am

Foto: Celia Delaney

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Seit dem Selbstmord meines Vaters vor zwei Jahren denke ich viel über Männlichkeit nach. Ich bin jedem Menschen dankbar, der öffentlich über seine Verletzlichkeit und die starren und engen Korsette der Geschlechterzuschreibungen spricht. Wir leben – zum Glück – in Zeiten, in denen die klassische Vorstellung von Männlichkeit kritisch hinterfragt wird, auch wenn wir uns immer noch in alten Traditionen bewegen und diese uns fest im Griff haben.


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Mein Vater war Teil dessen, was das BC Medical Journal als "stille Epidemie" bezeichnet: Suizide von Männern. Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, was für ein großes Problem das ist. Die britische Hilfsorganisation CALM, die sich dem Thema männlicher Suizid widmet, geht davon aus, dass Selbstmord die häufigste Todesursache von Männern unter 45 in Großbritannien ist.

Was diese Statistik allerdings nicht sagt: dass viele der Männer, die Suizid begehen, nicht wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung waren. Und wenn sie es waren, dann haben sie darüber zu Hause mit ihren Familien nicht gesprochen. Erst durch den Freitod meines Vaters habe ich wirklich begriffen, was damit gemeint ist, wenn man sagt, dass für Männer eine kulturelle Barriere existiert, die sie davon abhält, sich Hilfe zu suchen. Sogar in seiner eigenen Familie – wir halten uns für offen und ehrlich –, hatte mein Vater es nicht geschafft, mit uns darüber zu sprechen, was in seinem Kopf vorging.

Isabella Cotier

Die Plötzlichkeit, mit der so viele Selbstmorde passieren, macht einen Großteil des Problems aus. Ohne dass es uns bewusst war, war mein Vater in seiner Definition von Männlichkeit gefangen, die nur zwei Zustände kannte: Man ist entweder ein Mann oder ein gescheiterter Mann. Genau durch dieses Denkmuster entsteht Gewalt und Selbstmorde werden zur Option. Wir brauchen eine neue Definition von Männlichkeit, die flexibel und dehnbarer ist. Bei der es selbstverständlich ist, dass Männer weinen können. Um das zu erreichen und uns nicht selbstzufrieden auf unseren Gender-Debatten auszuruhen, habe ich zusammen mit meinem Team 50 Künstlern eine Frage gestellt: Wie kann eine Männlichkeit aussehen, die Männern proaktiv erlaubt, ihre verletzliche Seite zu zeigen?

Gehen wir aber erst noch einen Schritt zurück und schauen uns das Leben von meinem Vater genauer an. Seine Mutter starb an Krebs, als er 16 war. Sein Vater nahm sich ein paar Jahre später das Leben. Mein Vater hatte nie die Gelegenheit, sich mit seiner komplexen Gefühlswelt auseinanderzusetzen – darunter Verlust, Ablehnung und Wut –, mit der er als Hinterbliebener zu kämpfen hatte. Sogar mit mir, seinem Sohn, hat er nie offen über den Selbstmord meines Opas geredet. Das Thema wurde mit dem Satz "Opa ist an einem gebrochenen Herzen gestorben" abgehakt.

Elliot Fox

Spätestens da habe ich persönlich erfahren, welche Macht von Worten ausgehen kann. Es mag vielleicht unwichtig, ja sogar pedantisch wirken, aber mir sind die Begriffe, die ich benutze, um über den Selbstmord meines Vaters zu sprechen, unglaublich wichtig. Durch sie kann ich trauern und erlange in gewisser Weise auch wieder Kontrolle über die Emotionen zurück, die mit seinem Verlust einhergehen. Ich bestimme die Elemente, an die ich mich erinnern möchte. Ich weigere mich, Sätze wie "Selbstmord begehen" (man begeht eine Straftat) oder "Er nahm sich das Leben" zu sagen. Für mich bedeutet der Selbstmord meines Vaters nicht das Ende seiner Geschichte.

Worte sind auch noch aus einem anderen Grund so wichtig: das Nicht-Kommunizieren gehört zu den größten Problemen der vorherrschenden Mainstream-Männlichkeit. Um die Suizide unter Männern zu senken, braucht es offene und vorurteilsfreie Dialogmöglichkeiten für Männer. Wir müssen Sprüche wie "Seinen Mann stehen" oder "Eben typisch Mann" endlich aus unserem Vokabular streichen. Das sind Sprüche, die dafür sorgen, dass sich die Maskulinität für Männer wie ein Käfig anfühlen kann, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wir müssen Räume schaffen, in denen Probleme in ihrer ganzen Komplexität 100 Prozent wert- und vorurteilsfrei diskutiert werden können. Damit aber brutale Ehrlichkeit und rigorose Kritik nicht in Fanatismus umschlagen, ist es auch wichtig, dass wir uns alle selbst fragen, wie wir mit unserem Verhalten zu diesen schädlichen Mechanismen beitragen, anstatt nur die Gesellschaft und externe Faktoren verantwortlich zu machen. Wir müssen mit Neugier den Blick in uns selbst wagen, anstatt nur andere zu beurteilen.

Orfayo

Wie kann nun eine Männlichkeit aussehen, die Männern proaktiv erlaubt, ihre verletzliche Seite zu zeigen? In unserer Ausstellung sprechen unter anderem der Fotograf Raf Fellner und Filmemacher Reuben Hamlyn in ihren Arbeiten offen darüber, wie sehr die hyper-maskuline Welt des Wrestlings sie in ihrer Jugend faszinierte und der Sport ihre eigenen Vorstellungen von Maskulinität prägte. Jack Brown nimmt den Zuschauer in seinem Animationsfilm Raven mit in die Gedankenwelt eines Performers, der vor seinen Auftritten unter Angstzuständen leidet. Georgia Herman, die das Grafikdesign für die Ausstellung kreierte, wirft mit ihrer Installation den Ball zurück an die Betrachter. Sie hat über einen Spiegel die Worte "I'M FINE" (dt. Mir geht's gut) anbringen lassen. So müssen sich die Betrachter selbst dabei betrachten, wenn sie diese Worte lesen. Meistens geht es den Leuten eben nicht gut. Und das wird offengelegt.

Mit der Ausstellung wollen wir erreichen, dass das Thema auf andere Art und Weise dargestellt wird. Den oft farblosen Berichterstattungen über Selbstmord etwas Lebendiges und Undogmatisches entgegenstellen. Kunst schien für uns der beste Weg dafür. Eine Ausstellung kann gleichzeitig lustig, trocken, ironisch und bewegend sein – und nicht immer muss jedes einzelne Kunstwerk erklärt werden. Einige Werke stehen für sich alleine, auch ohne Erklärung.

Wenn wir anfangen, Verantwortung zu übernehmen, haben wir die Macht, unsere Vorstellung von Männlichkeit zu ändern und für einen Wandel zu sorgen. Ich möchte einfach, dass wir ehrlicher über Maskulinität sprechen können, ohne uns schlecht zu fühlen, sondern hoffnungsvoll und positiv.

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer . Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe .