9 Frauen sagen, was sie von Jens Spahns 5-Millionen-Euro-Studie zu Abtreibungen halten

#wasfürnspahn: Der Gesundheitsminister möchte die seelischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs untersuchen lassen.

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13 Februar 2019, 9:35am

© Viveka Fuchs

Hallo Herr Spahn! Jens. Mister Gesundheit. Sollten Sie diesen Artikel lesen, möchte ich, dass Sie erstens Ihr hohes Ross in den Stall zurückbringen, zweitens Ihre konservativen Stigmata in den Satteltaschen vergraben und drittens mal kurz zuhören, was Frauen, die von Ihrer angekündigten Studie betroffen sein werden, zu sagen haben.

Der vergangene Mittwoch hätte eigentlich als semi-erfolgreicher Tag für Pro-Choice-Befürworter*innen bezeichnet werden können, immerhin wurde das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche zumindest etwas gelockert. In der gleichen Kabinettssitzung wurde allerdings auch bewilligt, dass Spahn insgesamt fünf Millionen Euro für eine Studie erhält, die die seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen erforschen soll. Eine Studie, deren Galionsfigur (mal wieder) ein weißer Mann ist, der mehr als hundert Jahre feministische Agenda ignoriert, Misogynie reproduziert und ganz selbstverständlich über unsere Körper verfügen will.

Der CDU-Politiker denkt nämlich nicht nur, Frauen würden die Pille danach mit Smarties verwechseln, sondern offenbar auch, er könne endlich Beweise für das längst wissenschaftlich widerlegte Post-Abortion-Syndrom finden. Statt muntere Fragerunden auf Instagram zu hosten, hätte er die Zeit vielleicht besser investiert, genauere Recherche zu betreiben. Es gibt nämlich bereits zahlreiche Studien, die sich mit eben dieser Thematik beschäftigen. Alle kommen zu demselben Fazit: Negative Langzeitfolgen von Schwangerschaften treten vor allem dann auf, wenn Frauen das Recht verweigert wird, selbstbestimmt über einen Abbruch zu entscheiden.

Wir haben neun Feministinnen, Autorinnen, Aktivistinnen und kreative Köpfe gefragt, was sie von dem Vorhaben halten.

Maja Bogojević

Wenn ich an Jens Spahn denke, kommt mir keine Person in den Sinn, die sich für die Belange und Rechte von Schwangeren, Gebährfähigen und Frauen einsetzt. Provokante Aussagen wie "Die Pille danach ist kein Smartie" und die Debatte rund um den Paragraphen 219a haben meine Skepsis gestärkt. Aber dass genau diese Person sich jetzt plötzlich für die seelischen Belange von Frauen und Gebährfähigen interessiert? Da muss doch irgendwas faul dran sein. Lieber Jens Spahn, ich bin verwirrt. Woher kommt der plötzliche Interessenwandel?

Versteht mich nicht falsch, ich finde die Idee, eine solche Studie zu führen, an sich keine schlechte. Aber wer bekommt die Gelder für so eine Studie letzten Endes und wofür werden die Ergebnisse anschließend instrumentalisiert? Bei Spahn ist das ziemlich offensichtlich: Um das abtreibungsfeindliche und bevormundende Narrativ von Cis-Männern wie ihm zu untermauern und Frauen und Gebährfähigen noch mehr Rechte über den eigenen Körper zu nehmen.

Wenn zu diesem Thema jemandem wie Jens Spahn fünf Millionen Euro Forschungsgelder zur Verfügung gestellt werden, habe ich mir einige Thematiken überlegt, für die Betroffenen mindestens genauso viel Geld zur Verfügung gestellt werden sollte:
a) Psychische Folgen von ungewollten Schwangerschaften
b) Psychische Folgen von Traumata während der Geburt aufgrund von unzureichender Betreuung durch Ärtz*innen und Krankenpfleger*innen
c) Post-Partum-Depressionen
d) Psychische Folgen durch Überstunden und prekäre Beschäftigung.

Du könntest dich als Gesundheitsminister also eher mit den katastrophalen Zuständen in deutschen Krankenhäusern beschäftigen und anderen ihre Entscheidungen selbst überlassen.
Keine*r kann dir ernsthaft abnehmen, dass du dich plötzlich für einen selbstbestimmten Umgang mit dem Körper einsetzen möchtest, nachdem du mehrmals gezeigt hast, wie sehr du Frauen und Gebährfähigen die Entscheidungsmöglichkeit nehmen willst.

@yugodeinesvertrauens

Amelie Kahl

Wie so eine Studie von Spahn aussähe, würde mich mal interessieren. Mit wem werden dort Frauen verglichen, die abgetrieben haben? Mit Frauen, die noch nie schwanger waren? Oder solchen, die das Kind behalten wollten, etwa? Dieser Vergleich wird hinken. Denn die psychische Belastung beginnt da, wo die Entscheidung nicht gewollt ist. Und oft ist bei Abtreibungen weder eine Abtreibung gewollt noch eine Geburt. Es gibt dann keine "gute" Lösung mehr. Viele Frauen treiben ab, weil sie einem Kind kein gutes Leben bescheren können. Weil sie vielleicht missbraucht wurden. Oder mit psychischen oder körperlichen Krankheiten kämpfen. Weil sie zu jung oder zu alt sind. Weil sie arbeitslos sind. Allein. Keine Unterstützung bekommen. Das heißt nicht, dass sie gerne abtreiben. Doch eine Abtreibung wäre für sie das geringere Übel.

Sie treiben lieber ab, als ein Kind unter prekären Bedingungen aufziehen zu müssen. Oder noch schlimmer, als es anschließend abgeben zu müssen. Kein Spahn darf entscheiden, dass eine Schwangerschaft "das Beste" für jede Frau sei. Denn das Credo siegt: Eine psychische Belastung beginnt da, wo die Entscheidung nicht gewollt ist. Doch eine psychische Zerstörung beginnt da, wo einem Menschen die Entscheidung genommen wird. Und das will Spahn tun. Er will uns die Entscheidungsfreiheit nehmen. Er will Frauen die Chance auf das geringere Übel nehmen.

@ameliekahl

Yasmine M'Barek

Jens Spahn unterstreicht mit seinen fünf Millionen seine Lächerlichkeit sowie seine Inkompetenz als Gesundheitsminister im Jahr 2019. Weibliche Emanzipation in der Politik ist des Öfteren eine Illusion, männliche Dominanz die Realität. Wie absurd und paradox, dass man sich über die "rückständigen" nicht westlichen Länder negativ äußert und im eigenen Land Millionen für rückständigen Konservatismus ausgibt.

@ceremonialofasavage

Johanna Warda

Ich bin die Letzte, die etwas gegen Studien hat. In den allermeisten Fällen ist das sehr sinnvoll investiertes Geld. Aber was Jens Spahn da mit seinen fünf Millionen plant, ist das Ausüben politischer Macht im Namen der Wissenschaft. Es gibt bereits (englischsprachige) Studien, die sich mit den psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen befassen – nur leider bieten die nicht die Antworten, die Spahn sich erhofft (Fazit: "Findings do not support restricting abortion on the basis that abortion harms women's mental health"). Was Spahn wirklich sucht, ist keine unabhängige Studie, sondern einen Grund, Frauen weiterhin wie unmündige Wesen zu behandeln – die mit ihren Körpern allen möglichen Blödsinn anstellen, wenn man sie lässt.

Außerdem werden hier die falschen Fragen gestellt. Klar, es stimmt: Eine Abtreibung macht man nicht "mal eben so". Es handelt sich dabei immer um eine schwerwiegende Entscheidung. Aber was noch sehr viel belastender ist als der Schwangerschaftsabbruch selbst, ist das Fehlen dieser Option. Und wie es sich anfühlt, wenn andere darüber entscheiden, was mit deinem Körper und deiner Zukunft passiert. Frauen kämpfen seit mehr als hundert Jahren dafür, dass das endlich ein Ende hat. Also: Wie wäre es vielleicht stattdessen mit einer Studie zu den psychischen Folgen ungewollter Schwangerschaften? Oder noch besser: Eine Studie zu den psychischen Folgen von Jens Spahn als Gesundheitsminister?

@johv

pola-fendel

Pola Fendel

Die Verfügung über den weiblichen Körper muss aufhören. Es ist diese Welt, an die wir Frauen bis zum Erbrechen gewohnt sind – inmitten von sexistischer Werbung, konstanten Belästigungen, Benachteiligungen und Plakaten an Hauswänden. Was die rechten Parteien noch fast rührend mit ihrer wenig ernst zu nehmenden Heimchen-an-den-Herd-Propaganda mitschwingen lassen, wird nun durch einen CDU-Politiker auf die Spitze getrieben: ein elementares weibliches Thema für Populismus, für PR-Zwecke nutzen. Stoppt diese Irrsinns-Studie. Der weibliche Körper braucht keine Ideologie, er braucht verdammt nochmal Respekt.

@pola_light

Amina Yousaf

Es gibt Studien, die sich mit dem Post-Abortion-Syndrom beschäftigt haben. Mit dem Fazit, dass es nicht existiert.

Eine Studie aus den USA kam 2017 zu dem Ergebnis, dass Menschen, denen der Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch verwehrt bleibt, deutlich stärker unter den psychischen Folgen leiden, weil sie eben keinen Abbruch vornehmen konnten. Selbst das Portal familienplanung.de, welches dem Gesundheitsministerium unterstellt ist, schreibt: "Die internationale Studienlage zeigt allerdings, dass es keinen wissenschaftlichen Beleg für das Post-Abortion-Syndrom gibt."

Mich macht es wütend, zu sehen, wie schnell Geld da ist, um Schwachsinn zu finanzieren und gleichzeitig Hebammen fehlen, die Schwangerschaften begleiten und werdende Eltern unterstützen. Die fünf Millionen Euro könnte man für Sexualaufklärung, kostenlose Verhütungsmittel oder auch in die Unterstützung von Beratungsstellen nutzen. Stattdessen will Jens Spahn mit der Studie das Weltbild von Konservativen reproduzieren.

Hier geht es um Macht. Macht darüber, wer die Deutungshoheit hat, um über die Körper von Menschen zu entscheiden, die gebären können. Spahn vertritt meiner Meinung nach die These, dass Menschen mit Uterus nicht in der Lage sind, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Doch tatsächlich müssen wir uns doch die Frage stellen, was Menschen wirklich belastet. Und das sind eindeutig die fehlenden Hebammen, die Schwangerschaften begleiten und werdende Eltern unterstützen.

@ami_you

Naima Limdighri

Fünf Millionen in solch eine Studie investieren zu wollen, manifestiert Spahns Personalie und gesamtpolitischen Nutzen für die deutsche Bevölkerung als mindestens fragwürdig: Es ist irre ermüdend immer wieder gefühlt bei Null anzufangen, wenn es um sexuelle Selbstbestimmung und die ganz einfache Aussage "Mein Körper ist mein Körper" geht. Wenn Männer Kinder austragen würden, in ihren Jobs ohnehin schon schlechter bezahlt würden als ihre Kolleginnen. Wenn sie Gefahr laufen würden in Altersarmut zu verfallen oder mit ihrer Partnerin aus finanziellen Gründen zusammen bleiben müssten. Dann hätten wir diesen Vorschlag, wie den von Herrn Spahn, nicht.

Ja, eine Abtreibung kann traumatisch sein – wegen Stigma, Scham, mangelnden Informationen, Finanzen, dem Gefühl völlig alleingelassen zu werden oder sich mit wütenden Abtreibungsgegnern auseinandersetzen zu müssen. Aber auch, wenn sie untersagt wird und somit die eigenen Lebenspläne, Bildungswege, Karriereziele und die Pläne, aus generationeller Armut herauszukommen, ausradiert werden.

Studien haben belegt, dass eine restriktive Gesetzgebung nicht zu weniger Abtreibungen führt. Was hilft, sind sexuelle Aufklärung und niedrigschwellig erhältliche Verhütungsmittel. Ein schwindend geringer Prozentsatz an Frauen bereut die Entscheidung, abgetrieben zu haben. Psychische Probleme und sozialer Abstieg hingegen sind oft vorprogrammiert, wenn man Frauen eine Abtreibung verweigert.

Im Fall von Herrn Spahn und seiner geplanten Abtreibungsstudie handelt es sich nicht um eine gesundheitspolitisch relevante Frage, sondern um eine Machtdemonstration, den Diskurs zum Thema Abtreibung mitbestimmen zu wollen und die "Frauen sind nicht glaubwürdig und fähig, Entscheidungen über ihre eigenen Körper zu treffen"-Keule zu schwingen.

Um es mit den Worten von Zoe Leonard zu sagen: "I want a president that had an abortion at sixteen [...], a president who has stood in line at the clinic."

@naimaamazigh

Anna Schulze

Das Perfide ist doch eigentlich, dass Jens Spahn bei dieser Studie vorgibt, sich um das seelische Leid von Frauen* zu sorgen. Das ist ganz schön scheinheilig. Denn tatsächlich zeigt Herr Spahn wenig Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Der Herr Gesundheitsminister wollte zum Beispiel eine zusätzliche Voruntersuchung zur Bewilligung von Therapien in einem Gesetzesentwurf von 2018 einführen – ein Entwurf, der von vielen Psychotherapeut*innen harsch kritisiert wurde. Mir stellt sich die Frage, wie sehr sich Spahn tatsächlich um das psychologische Wohl von Frauen sorgt, wenn er ihnen und anderen Betroffenen den Weg zu einem Therapieplatz erschweren will.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich für mich deutlich, dass diese Studie nur ein Vorwand ist, sein konservatives Weltbild zu rechtfertigen. Letztendlich ist es doch so, dass ich als Frau in der Lage sein sollte, eine informierte, freie Entscheidung über meinen Körper zu treffen. Dass ich dann mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben muss, egal ob ich abtreibe oder nicht, ist zumindest mir und allen Frauen* in meinem Umfeld bewusst. Dafür brauchen wir keine Bevormundung eines Herren, der sich der Realität einer möglichen Schwangerschaft noch nie stellen musste.

@magicpages

Lisa Rola

Eine Studie zur Untersuchung psychischer Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen ist an sich interessant – gäbe es nicht schon mehrere Untersuchungen darüber mit ähnlichem Fazit. Außerdem besteht die Intention der geplanten Studie doch darin, Argumente für das Werbeverbot von Abtreibungen zu untermauern.

Frauen obliegt eine immense Last aufgrund eines immer noch in der Gesellschaft verankerten Rollenbildes. Bekommen sie das ungeplante Kind, sind sie oft in der Mutterrolle "gefangen" und können ihr Leben nicht mehr wie gewünscht gestalten. Bekommen sie das Kind nicht, geraten sie in einen bedrückenden Zwiespalt zwischen persönlicher Entscheidung und gesellschaftlichem Stigma. Bei Letzterem gilt es anzusetzen.

Schlimm genug, dass hier mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ein Mann das Sagen hat und die Fahne für ebendieses Stigma weiterhin munter schwingt. An dieser Stelle wäre geholfen, würde Partei- und Meinungsgenossin Annegret Kramp-Karrenbauer sich als dreifache Mutter mit jenen Frauen, die sich potentiell gegen ein Kind entscheiden könnten, solidarisch zeigen. Schließlich sollte sie aus dreifacher Erfahrung wissen, was es bedeutet, ein Kind großzuziehen. Die fünf Millionen Euro könnten besser investiert werden: Wie wäre es denn, wenn diejenigen, die sich gegen eines entschließen, im Nachhinein mit zumindest einem Teil des Budgets psychisch unterstützt werden? Vom Rest könnten Aufklärungskampagnen zum Artikel 2 des Grundgesetzes finanziert werden: Die Freiheit der Person ist unverletzlich.

@maridalor

Übrigens: Nike van Dinther von This Is Jane Wayne hat eine Unterschriftenaktion zu genau diesem Thema gestartet.