Warum "Beach Rats" kein typischer Cruising-Teenie-Film ist

Wir haben mit der Regisseurin Eliza Hittman über die Sexszenen im Film gesprochen und darüber, warum wir aufhören sollten, “Beach Rats“ nur auf den Schwulensex zu reduzieren.

|
Aug. 22 2017, 11:25am

"Ich behandle eine Sexszene so wie ich eine Kampfszene behandeln würde", sagt uns Regisseurin Eliza Hittman über ihren zweiten Film Beach Rats. Und damit behält sie Recht: Die Erotik ist alles andere als konventionell. Mit klaustrophobischen Close-ups werden die nächtlichen Cruising-Treffen des Protagonisten Frankie mit älteren Männern gezeigt, die wie Käfigkämpfe inszeniert werden: brutal, kalt und irgendwie erlösend.

Der Film wirft einen ehrlichen Blick auf die Jugend und hat der amerikanischen Regisseurin einen Preis beim diesjährigen Sundance Film Festival eingebracht. Die Geschichte spielt im Süden Brooklyns, wo der 19-jährige Frankie angetrieben von Drogen, Trauer und Langeweile durch sein Viertel streift. Tagsüber besucht er seinen todkranken Vater und läuft mit seiner Gang durch Coney Island. Wenn ihn Mädchen anmachen, reagiert er mit derselben Egal-Haltung, mit der er auch auf alles andere reagiert. Er zeigt seine Verletzlichkeit nur, wenn er nachts am Strand cruist, bei denen er zugibt, dass er keine Ahnung hat, wen oder was er eigentlich will.


Auch auf i-D: Dries van Noten über seine Inspirationen


Eliza Hittman, die selbst in Brooklyn aufgewachsen ist, hat sich 2013 mit ihrem ersten Spielfilm It Felt Like Love einen Namen gemacht. Mit dem Independent-Film über eine 14-Jährige aus ihrem Viertel, die Sex, Autonomie und Macht entdeckt und sich mit einem älteren Mann einlässt, hat sie es auf Kritikerlisten der Village Voice und der New York Times geschafft. Mittlerweile arbeitet die Filmemacherin als Assistant Film Professor am Pratt Institute. Ihre eigene Jugend inspiriert sie aber nach wie vor: "Ich habe früher viel mit Themen zu tun gehabt, wie zum Beispiel, wenn ein Elternteil erkrankt und stirbt oder wenn ein Familienmitglied die eigene sexuelle Identität entdeckt", sagt sie. "Das sind Dinge, die sich sehr entfernt an meine eigenen Erfahrungen anlehnen, aber ich mache daraus keine autobiografische Geschichten."

Wir haben mit Eliza Hittman über ihre Liebe zu Teenie-Filmen gesprochen und uns erklären lassen, warum der Film keine typische Coming-of-Age-Story ist.

Du hast jetzt zwei Filme über das Thema Jugend gedreht, der erste war It Felt Like Love aus dem Jahr 2013. Warum bist du an Geschichten über dieses Alter besonders interessiert?
Ich werde einfach nie müde, mir Filme anzuschauen, die sich mit dem Thema und der Darstellung von Jugend beschäftigen. Ich liebe es, mit jungen Schauspielern zusammenzuarbeiten, weil man mit ihnen ehrliche Darstellungen erreicht, die mit erwachsenen Schauspielern oft schwieriger zu realisieren sind. Man hält einfach eine Kamera auf sie und kann ihre Verletzlichkeit fast schon spüren. Für uns alle sind die Jugendjahre sehr prägend: Wie wir uns durch diese Zeit navigieren, bestimmt, wie wir als Erwachsene werden.

Was hat dich inspiriert, Frankies Geschichte so ehrlich zu erzählen?
Ich wollte einen männlichen Protagonisten kreieren, der ein Anti-Held ist. Er ähnelt Lila, die Protagonistin aus It Felt Like Love. Ich wollte bei Beach Rats aber einen extremeren Charakter, der auf den Druck in seiner Umwelt reagiert. Lila muss auch mit sehr heteronormativen Erwartungen zurechtkommen und versucht, einem bestimmten Bild einer Frau zu entsprechen, aber sie forciert das auch alles. Und diese Figur wollte ich im zweiten Film als Mann haben. Als wir It Felt Like Love am Strand gedreht haben, habe ich gesehen, dass das viel gecruist wird. Ein Typ auf dem Parkplatz hat unsere männlichen Hauptdarsteller ausgecheckt — das hat mein Interesse geweckt.

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du Beach Rats nicht als Coming-of-Age-Story siehst.
Ich bezeichne das immer als "Coming-of-Consciousness", also die Bewusstsein-Werdung. Denn am Ende gibt es keine Message, die etwas vermittelt, sondern es geht um die Erfahrungen an sich — und nicht um Lektionen, die erteilt werden. Die Protagonisten verstehen sich und die Welt besser und auch, wie schmerzvoll dieser Prozess ist. Für mich haben diese "Coming-of-Age"-Narrative immer diese Schmetterlings-Transformation.

Du hattest von Anfang an ziemliche Probleme mit der Umsetzung von Beach Rats , weil die Leute den Film wegen seiner Sexualität abgelehnt haben. Werden die Narrative über Jugendliche immer noch nur auf die Sexualität reduziert?
Ganz offensichtlich hat es Marketing-Gründe. Das sieht man sogar daran, wie Beach Rats vermarktet wird. Auch wenn es Sex und Nacktheit im Film gibt, sind die Szene nicht wirklich erotisch. Jedenfalls nicht für mich. Natürlich steht Frankies Körper oft im Zentrum, aber es herrscht eine gewisse Anspannung. Es geht nicht darum, das Publikum auf Temperaturen zu bringen. Die Sexualität, die mich interessiert, umgibt immer das Gefühl, dass etwas Schlechtes passiert. Es ist fast eine Art Sex vs. Horror und keine romantisierte, sexuelle Erfahrung für das Publikum, die Vergnügen bereitet. Meine Charaktere wissen nicht, wie viel sie eigentlich wert sind. So war es mit vielen meiner Jugenderfahrungen — ich hatte zum Beispiel nie die perfekte Highschool-Romanze.

Hast du bewusst wiederkehrende Stereotypen in Coming-of-Age-Filmen vermieden?
Ja, das war bewusst und ich habe es in beiden Filmen so gehalten. Ich habe über diese Klischees in Teenie-Filmen nachgedacht, wie den perfekten Kuss oder dass sie am Ende den Kerl bekommt. Bei It Felt Like Love war es so, dass die Zuschauer sich nicht wünschen sollten, dass sie diese sexuelle Erfahrung hat. Bei Beach Rats ist es so, dass man gar nicht will, dass er sich outet, weil man weiß, dass ihn die Welt nicht so akzeptieren wird, wie er ist. Ich spiele mit diesen Erwartungen und verdrehe sie.

Wie hast du und Cinematographer Hélène Louvart diese besondere Ästhetik im Film umgesetzt?
Wir sind oft abends zum Strand gegangen und haben die Leute beim Cruisen beobachtet — das hat viele Entscheidungen beeinflusst. Wir haben zugeschaut, wie die Leute im Dunkeln verschwunden sind und uns viel Gedanken darüber gemacht, wie wir diese Gefühl vom Verschwinden im Dunkeln bei den Charakteren aufrechterhalten können. Letzten Endes stellt sich Frankie etwas, das er selbst als etwas Dunkles in sich wahrnimmt.

"Beach Rats" startet voraussichtlich am 25. Januar 2018 in den deutschen Kinos.

Credits



Stills: Courtesy of Eliza Hittman and Neon

Dieser Artikel stammt von unserern Kollegen aus der US-Redaktion.