Wir können Romantik oft nicht von Stalking unterscheiden

Zumindest zeigt uns das die neue Netflix-Serie "You", in der unser liebster Gossip-Girl-Star einen Stalker spielt, in den du dich besser nicht verknallst.

von Roisin Lanigan
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07 Januar 2019, 10:00am

Still aus "You" über i-D UK

Eigentlich dachte jeder, dass Bird Box’s die Krone für den ersten Binge-Triumph des Jahres verdient, aber falsch gedacht. Es ist die 10-teilige Serie You, die so furchtbar nah an der Realität wirkt, dass dir alle fünf Minuten ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft. Doch fangen wir am besten von vorne an:

Der äußerst attraktive Joe Goldberg (gespielt von Penn Badgley) trifft die nicht weniger attraktive Guinevere Beck zufällig in dem Buchladen, in dem Joe arbeitet. Was nach dem Durchschnitts-Indie-Film schlechthin klingt, verwandelt sich Stück für Stück in einen wahr gewordenen Alptraum. Aus Joes Perspektive erzählt, handelt es sich bei dem attraktiven Buchhändler nämlich um einen psychopathischen, stalkenden Mörder (Sorry, Spoiler), der vor nichts zurückschreckt, um Guinevere völlig abhängig von ihm zu machen. Wirklich, vor nichts.


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Von Anfang an werden wir durch innere Monologe in Joes Gedanken eingeweiht. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Gone Girl und American Psycho – ein Film beunruhigender als der andere. Schließlich fällt es uns so einfach, mit Joe zu sympathisieren, obwohl er womöglich einer der größten Psychos auf diesem Planeten ist.

Als wir dann auch noch Komplize eines mehrfachen Mörders werden, kommen wir aus der Sache irgendwie nicht mehr raus. "Wir können uns mit den Gedanken von Joe identifizieren, weil wir alle manchmal so sind. Wir fühlen uns alle, als wäre die Welt gegen uns. Aber im Gegensatz zu Joe verhalten wir uns nicht so", erzählt Caroline Kepnes, Autorin des gleichnamigen Romans, gegenüber Refinery29.

Caroline Kepnes Monster ist so furchterregend, weil sie Joe nicht als Monster darstellt. Er ist einer dieser Kerle, den du womöglich über Tinder triffst, der vielleicht auf Instagram in deinen DMs auftaucht. Jemand, der in der Bar um die Ecke einfach kein Nein akzeptieren will und dir vielleicht noch nachruft, dass er dich sowieso hässlich findet, nachdem du ihm eine Abfuhr erteilt hast. Joe steckt in jedem dieser Kerle. Wir kennen ihn durch unsere eigenen Erfahrungen, aber auch durch die unserer Freundinnen. Oberflächlich betrachtet, verkörpert Joe das, was uns in romantischen Filmen und Büchern eingetrichtert wird. Das mag vielleicht auch daran liegen, wie ähnlich Joe Goldbergs Charakter Dan Humphrey aus Gossip Girl ist – der unglücklich verliebte Außenseiter, der sich rächen will. Joe ist ein verbitterter Dan, Serena Van Der Woodsens Stalter, aber mit einer Axt statt eines anonymen Blogs.

Vielleicht liegt es genau an dieser Ähnlichkeit, warum die Reaktionen auf You zum Teil erschreckender nicht sein könnten. Viele der Zuschauer nehmen Joe in Schutz, romantisieren ihn. Und vielleicht die schlimmste von allen: schieben die Schuld auf das Opfer. Ein Subreddit der Serie konzentriert sich darauf, den weiblichen Charakter auseinanderzunehmen und Joe zu verteidigen. Darin zu lesen sind Sätze wie "Beck is a TERRIBLE person" oder "omg Peach, what a bitch".

Auf dem Twitter-Account der Streaming-Plattform antwortet Netflix einem Fan auf die Frage, ob es seltsam sei, dass sie Joe und Beck wieder zusammen sehen möchte, mit einem definitiven Ja. In den Antworten kommentierte ein weiterer Fan "Ich bin erst halb durch, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Beck überhaupt mag. Ich LIEBE dagegen Joe, ist das falsch?"

Die offensichtliche Antwort darauf lautet: ja, es ist falsch. Er ist ein Stalker und Mörder. Joe scheint wie der Retter in Not. Er hat einen guten Geschmack, was Literatur betrifft. Er geht Social Media komplett aus dem Weg. Er ist der Anti-Fuckboi in Person. Er versteckt sich in ihrer Dusche, rettet sie vor einem vorbeifahrenden Zug, geht mit ihr auf einen Familienausflug und beobachtet sie aus naher Entfernung. Das alles sehen wir auch in romantischen Komödien, weniger in Thrillern. Wir sympathisieren mit dem männlichen Charakter, der immer wieder und wieder versucht, die Frau seiner Träume davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie ist. Was dazu führt, dass wir nicht mehr zwischen veralteten Ideen von Romantik und Stalking unterscheiden können.

You ist Unterhaltung, Fiktion, aber traurigerweise auch die Realität vieler Frauen. Emotionale Erpressung und Manipulation werden oft abgetan oder beschönigt und die Opfer für das toxische Verhalten ihrer Täter verantwortlich gemacht. Der Charakter von Joe ist heimtückisch. Die Netflix-Serie lädt uns in seine Gedanken ein, aber nicht, um sein Verhalten zu beschönigen, sondern um uns zu zeigen, wie einfach es im Leben ist, an diese toxischen Menschen zu geraten.

Long story short: Nein, du solltest verdammt noch mal nicht wollen, dass Beck und Joe wieder zusammenkommen.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.