Foto: Spyros Rennt

Der Berliner Fotograf Spyros Rennt zeigt persönliche Momente zwischen Ekstase und Alltag

In seinem Buch “Another Excess” wirkt ein Cockring plötzlich so normal wie ein Serviettenhalter.

von Marieke Fischer
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13 November 2018, 4:52pm

Foto: Spyros Rennt

Wenn wir das Wort “Dreier” hören, fabriziert unsere Fantasie Bilder von Lust, Verlangen und Satin-bezogenen King-Size Betten. Vielleicht reproduziert sie auch den YouPorn-Superzoom, bei dem man nicht mehr weiß, welche Körperöffnung da überhaupt gezeigt wird. Woran wir nicht denken: haarige Rücken, rote Ohren und knittrige Klamottenberge. Gerade diese Szenen sind es, die der Fotograf mit dem Alias Spyros Rennt in den Fokus seiner Arbeit stellt. Ein hart ausgeblitzter Realismus, der die Poesie im Banalen findet, der Humor in der Ekstase kreiert, der Intimität demokratisiert.

In seinem Debüt “Another Excess” vereint der Künstler Momentaufnahmen von Freunden, Ex-Lovern und aktuellen Sexbekanntschaften, deren Stärke nicht in der Perfektion liegt, sondern in dem Bruch mit Klischees. Klischees, wie Drogen, Clubbing und Toiletten-Akrobatik, die böse Geister gern mit der Berliner Queer-Szene verbinden. Dann arrangiert er ein Bild aus einem schicken Restaurant neben Bondage-Straps, einem masturbierenden Typen und einer Hochzeitstafel. Oder widmet dem Schnitzelessen eine Doppelseite. So wird der körperliche Exzess schon fast zur Randerscheinung, der Platz macht für das Alltägliche und so auch die letzten tabuisierten Konnotationen ausradiert. Ein Cockring wirkt plötzlich so normal wie ein Serviettenhalter.


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Aufgewachsen im christlichen Mittelstand Griechenlands hat er im Bekanntenkreis miterlebt, welche Traumata entstehen können, wenn die sexuelle Freiheit unterdrückt wird. Seine persönliche Befreiung erreichte das nächste Level, als er vor zwei Jahren seinen Büro-Job kündigte, eine Kamera in die Hand nahm und eine Buch-gewordene Analyse seines eigenen Lebens begann.

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"Ich liebe dieses Foto von Aaron aus verschiedenen Gründen: Seine Rückenlinie ist fast parallel zur Tischkante, seine Haltung auf allen Vieren ähnelt dem Körper eines Tieres, das bunte Gerümpel im Hintergrund – und weil er im Jahr 2017 immer noch kein Smartphone nutzt."

"What does a dick do?”: Eine Frage aus der Intro deines Buchs, mit der wir unser Gespräch direkt mal beginnen.
Der Schwanz ist der Ursprung des Lebens. Wir alle sind aus dem entstanden, was da mal rauskam. Ehrlich gesagt, suche ich aber selbst noch nach der exakten Antwort.

Mein Buch handelt aber nicht nur vom männlichen Körper. Begierde ist zwar ein wichtiger Bestandteil von “Another Excess”, ich erforsche darin aber auch die Zärtlichkeit in den Beziehungen, die ich mit vielen, sehr vielen Männern führe und führte. Es ist eine Art Selbstanalyse.

Wie häufig erlebst du sexuelle Exzesse?
In letzter Zeit habe ich versucht, das runterzuschrauben, da ich mich mehr auf meine Arbeit fokussieren wollte. Aber das Ding ist halt: Du lebst in Berlin und weißt, dass ein potentieller Exzess schon auf dich wartet. Du musst nur das Haus verlassen. Ich lebe hier, gehe aus, habe Sex und Spaß.

Vielleicht machst du es am nächsten Wochenende wieder so, vielleicht erst im nächsten Monat. Es ist ein Exzess, aber eben ‘another’ Exzess. Es könnte repetitiv werden, es könnte ermüdend werden. Doch es hat immer wieder etwas Besonderes und Extravagantes. Es ist immer wieder ein Feuerwerk.

Und wie fühlst du dich am “Tag danach”, wenn vom Feuerwerk nur noch kleine Fünkchen übrig sind?
Normalerweise ist ein Exzess eine gute Erfahrung, du triffst Menschen, schließt Freundschaften, sammelst Erfahrungen. Allerdings kann das deinem Körper viel abverlangen. Ins Fitness-Center kannst du am nächsten Tag auf jeden Fall nicht gehen. Du liegst im Bett und stopfst irgendwelches Essen in dich rein. Aber ich bin unglaublich glücklich hier zu sein, in dieser Stadt, in der so etwas möglich ist.

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Noch möglich ist. Denkst du, Berlin wird weiterhin das Paradies für die queere Szene bleiben, das so viele Menschen anlockt?
Berlin ist immer noch ein großartiger Ort, in dem sich Menschen befreien können. Aber das kapitalistische System, die Gentrifizierung und der generelle Anstieg der Lebenskosten sind große Probleme, die vor allem die queere Community treffen. Weil sie, weil wir, nicht den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen, sind wir leider häufig von Armut oder Geldmangel betroffen.

Meine komplette Verknalltheit in Berlin hat aufgehört, als ich hergezogen bin. Man muss Behördengänge erledigen und bei Netto an der Kasse stehen. Solche Banalitäten gibt es im Paradies wohl nicht.

In der Pop- und Subkultur hat Sex häufig auch eine gesellschaftskritische Ebene. Man denke an “Kids” , die 68er, Pinku Eiga oder Erika Lust . Welche Rolle spielt das Politische in deiner Arbeit?
Eine wichtige. Die Zeit, in der wir leben, ist vielleicht noch nicht dunkel – aber sie hat das Potential wirklich, wirklich schwarz zu werden. Ich möchte da draußen sein und eine Haltung beziehen. Es ist wichtig, queere und schwule Räume zu schaffen, um Sichtbarkeit zu kreieren.

Deswegen konzentriere ich mich in meiner Arbeit auch so stark auf diese Szene, egal, wo auf der Welt ich gerade bin. Gewissermaßen ist mein Buch ein Statement zur globalen, queeren Kultur. Das ist wichtig. Die täglichen Nachrichten sind nicht gut.

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"Dieses Foto von Kiyon vor einem Sonnenuntergang in New York City ist die letzte Aufnahme in meinem Buch. Ich habe es nur wenige Momente nach unserem Kennenlernen geschossen. Sein ehrliches Lachen in Kombination mit den Farben im Himmel geben dem Foto ein Gefühl von Optimismus – ein perfektes Abschlussbild."

Würdest du das auch Kritikern antworten, die meinen, es sei ein Klischee, das du in “Another Excess” zeigst? Berlin, Drogen, Sex?
Wir alle haben einen Körper und möchten Dinge mit unserem Körper spüren, erleben. Ich habe nie viele Drogen genommen und neige eh nicht zur Sucht. Diese Ebene findet in meinem Buch nicht statt, es gibt kein einziges Bild, auf dem jemand Drogen nimmt. Daran bin ich nicht interessiert, es geht um Euphorie, Ekstase. Klar kann man sich seinen Teil denken, wenn ich Fotos in Berliner Nachtclubs mache. Aber das spielt hier keine Rolle. Es geht um Schönheit – nicht um den launischen Comedown am Dienstag.

Kein einziges Mal ist dein Gesicht in deinem Buch zu sehen. Bist du trotzdem aktiv involviert?
Auch wenn ich in den Bildern nicht präsent bin, nehme ich an der Szene Teil. Ich habe immer meine Kamera dabei und muss mich nur kurz distanzieren, um ein Foto zu machen. Dann bin ich wieder dabei. Da ist diese eine Aufnahme von zwei Männern, die Sex im Bett haben, wie könnte ich nicht daran teilnehmen? Es ist schließlich nicht so, dass ich durchs Haus laufe, eine Tür öffne und dort zufällig zwei Typen beim Sex überrasche. Es ist meine persönliche Geschichte, die ich jetzt mit der Welt teile.

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Deine Arbeit ist nicht wirklich für Social Media gemacht, besonders nicht Instagram. Schränkt das deine Kreativität manchmal ein?
Instagram ist ein bisschen wie ein Gefängnis, es gibt Regeln und Strafen. Bei Instagram weißt du, dass du keine Penisse, Brüste und erschreckenderweise auch keine Schambehaarung zeigen darfst. Du spielst mit, so ist es einfach.

Letztlich macht es ja irgendwie Sinn. Wie viele Menschen müssten eingestellt werden, die in einem Büro hocken und bewerten, ob etwas Kunst oder Porno ist? Hetero-Männer sind Ferkel – kannst du dir vorstellen, was los wäre, wenn es keine Vorschriften auf Instagram gäbe? Es gibt so viele verstörende Bilder und Videos da draußen! Man würde die Tür öffnen und ein Haufen Scheiße käme rein.

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"Mein Freund Danny wurde 30 und wir haben seinen Geburtstag bei ihm Zuhause gefeiert. Die Party ging bis zum nächsten Abend. Dieses Bild ist während des Höhepunkts entstanden. Ich bin mir sehr sicher, dass alle Männer, die die Frau hochhalten, schwul sind. In diesem Moment gab es aber keine sexuellen Untertöne. Es war ein Moment der puren, ekstatischen Berliner Euphorie."

Eine weitere Zensurinstanz sind: Eltern. Was sagen die denn überhaupt zu deinem Buch?
In Griechenland tragen viele queere Personen eine Art Trauma mit sich herum. Heute hat es sich etwas gelockert, aber es ist immer noch eine recht konservative Kultur, die sehr vom christlichen Glauben geprägt ist.

Als ich meinen Eltern mit 19 erzählte, dass ich homosexuell bin, war das kein Problem und ich konnte mein Leben immer so leben, wie ich es wollte. Sie unterstützen mich ungemein und wollen nur, dass ich glücklich bin.

Trotzdem habe ich ihnen das Buch bisher nicht gezeigt, aber sie haben wohl eine Ahnung, worum es geht. Letztens meinte meine Mutter: “Jetzt, wo du dieses Projekt beendet hast, kannst du vielleicht wirklich mal schöne, nette Dinge fotografieren – es ist genug mit den Schwänzen.”

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"Another Excess" kannst du hier kaufen. Die Ausstellung läuft vom 15. bis 18. November in der M.I/mi1glissé Galerie, Auguststraße 10, 10117 Berlin.

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