So schwer ist es wirklich, als Zwilling aufzuwachsen

Mit 16 ist Fotograf Greg Lin Jiajie nach Neuseeland gezogen, während sein Bruder in China blieb. Hier erzählt er uns von seinem langen Weg, endlich als eigenständige Person angesehen zu werden

|
28 November 2018, 11:15am

"Wenn uns Leute anstarren, schließen sie immer gleich darauf, dass mein Bruder und ich uns extrem ähnlich wären – bis sie die kleinen Unterschiede bemerken. Auch wenn wir am selben Tag geboren wurden, führen wir zwei völlig verschiedene Leben. Als ich mit meinem eineiigen Zwillingsbruder aufgewachsen bin, hätte unser Alltag nicht unterschiedlicher sein können: Wir hatten einen anderen Freundeskreis und sind auch nicht auf die gleiche Schule gegangen. Mit 16 bin ich nach Neuseeland gezogen, dann nach Großbritannien, während er weiter in China lebte. Nachdem wir so lange getrennt voneinander gelebt haben und von unterschiedlichen Kulturen beeinflusst wurden, sprechen wir mit einem anderen Akzent. Und auch wenn wir dieselbe Größe und Körperform haben, fällt es den Leuten heute viel einfacher, uns auseinanderzuhalten.


Auch auf i-D: Zwillings-Fotoprojekte der etwas anderen Art


In diesen Fotos sind wir beide zurück nach Longyan, China gereist, wo wir die meiste Zeit unserer Kindheit gemeinsam verbracht haben. Ich bin auf die Idee für das Projekt gekommen, als ich durch alte Familienalben geblättert und ein Bild von meinem Bruder und mir gefunden habe. Darunter stand "⾦⾊童 年" [wortwörtlich "goldene Kindheit"]. Es hat mich so sehr daran erinnert, wie toll meine Kindheit eigentlich war ... wie wir endlos lange Sommer im Haus unserer Großeltern auf dem Land verbracht haben.

1531933277775-greglinjiajie_LUANSHENG_2

Damals, als in China noch die Ein-Kind-Politik herrschte, dachten die Leute immer, wie glücklich wir sein mussten, weil wir doch zu zweit und nicht alleine waren. Trotzdem hatten wir unsere ganz eigenen Probleme. Als wir klein waren, hat uns unsere Mutter immer in die gleichen Klamotten gesteckt. Ich erinnere mich noch, wie sehr wir das beide gehasst haben – als ob es nicht schon klar genug war, dass wir uns verdammt ähnlich sehen. Natürlich habe ich mich dank meines Bruders nicht alleine gefühlt, aber weil ich immer jemanden um mich herum hatte, der exakt so aussieht wie ich, haben uns die Leute auf der Straße immer angestarrt und blöde Fragen gestellt. Sie haben uns ständig verglichen und ihre eigenen Vermutungen über uns angestellt. Sobald sie erfahren haben, dass der eine von uns einen Zwillingsbruder hat, fiel die ganze Aufmerksamkeit auf den jeweils anderen.

1531932762883-greglinjiajie_LUANSHENG_13_GoldenChildhood

Als ich 13 wurde, habe ich versucht, mich von meinem Bruder abzukoppeln. Ich wollte meine eigenen Hobbys, Playlists und Freunde haben. Nachdem ich nach Neuseeland gezogen bin, habe ich sogar aufgehört, den Leuten zu erzählen, dass ich einen Bruder habe. Viele verstehen das nicht, aber für mich hat es sich so angefühlt, als wäre ich endlich ein eigenständiger Mensch. Je älter wir wurden, desto mehr verloren wir uns aus den Augen.

Erst Jahre später bin ich an einen Punkt im Leben gekommen, an dem ich glücklich mit mir selbst war. Dieses Projekt hat nicht nur schöne Bilder hervorgebracht, sondern dabei geholfen, die Reise meines Bruders und mir zurückzuverfolgen. Ich wollte unsere schönsten Momente rekonstruieren, um wieder zueinander zu finden.

1531933358613-greglinjiajie_LUANSHENG_8

Die Leute fragen uns immer, ob wir die Anwesenheit des anderen spüren oder Gefühle miteinander teilen. Ich für meinen Teil tue das nie, trotzdem habe ich mich bei den Fotos zum ersten Mal als etwas Ganzes gefühlt. Vielleicht waren diese Momente einige der glücklichsten in meinem Leben. Ich habe verstanden, wie unterschiedlich wir beide sind, auch wenn wir uns so ähnlich sehen. Ich bin froh, dass ich zu mir selbst gefunden habe – und genauso stolz darauf, was aus meinem Bruder geworden ist."

@greg.lin

greglinjiajie LUANSHENG

Credits


Fotos: Greg Lin Jiajie
Styling: Yun Nam Ho
Special thanks an Lin Jia Hao, Xie Hong Li und Lin Qiang Bin

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.