Foto: Jamie Hawkesworth, Nudes, 2016

Fotograf Jamie Hawkesworth über die simple Schönheit im Alltäglichen

Von etwas anderen Landschaftsaufnahmen bis Schnappschüssen von Fremden in einem Busbahnhof: Tauch' ein in die Welt des britischen Fotografen.

von Felix Petty; Fotos von Jamie Hawkesworth
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26 November 2018, 11:51am

Foto: Jamie Hawkesworth, Nudes, 2016

Landscape with Tree: So lautet der außerordentlich simple Titel seiner neuen Ausstellung in Amsterdam. "Ich möchte die Dinge nie zu elegant wirken lassen", erklärt Jamie Hawkesworth, der am anderen Ende der Leitung in L.A. sitzt. "Die Idee, ein Foto auf das zu reduzieren, was es ist, gefällt mir sehr." Das Huis Marseille, eine geräumige Residenz aus dem 17. Jahrhundert, könnte leicht dazu verleiten, die vielen Räume zu okkupieren und gigantische Konzepte umzusetzen – doch nicht, wenn es nach Jamie geht. Er konzentriert sich lieber auf das Schlichte und die Empfindlichkeit, die seine Arbeit ausmacht.

Die Landschaft und der Baum, um die es hier gehen soll, befinden sich eigentlich im Kongo und wurden verewigt in einem Bild, das Jamie 2016 aufgenommen hat. Ein grüner, unebener Hügel, bedeckt von leichten Schatten, nur ein paar orange-gelbe Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolkendecke. Ein einzelner, verlassener Baum richtet sich stolz in der Mitte des Rahmens auf – und zwar in der perfektesten Form, die man sich nur vorstellen kann.


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Genau diese Momente sind es, die Jamie als Fotografen so begeistern: Wenn er unauffällige, aber bemerkenswerte Schönheit findet und sie festhält. "Ich liebe diese Offenheit an der Fotografie", meint er. "Du kannst einfach irgendwo hingehen und auf etwas antworten. Mit einer Kamera kannst du eine Konversation mit einem Baum, Bus, Beton oder einer Person haben. Du tauschst etwas aus, das ist unglaublich. Es braucht nicht viel, um eine Kamera mitzunehmen, in einen Zug zu steigen, an einen Ort zu fahren, an dem du noch nie zuvor warst und mit dem zu interagieren, was dir begegnet."

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Congo, 2016

Neben dem Baum aus dem Kongo zeigt die Ausstellung eine Reihe von Fotografien, die während Jamies vieler Reisen entstanden sind. Angefangen bei einer Fahrt durch Russland mit der Trans-Sibirischen Eisenbahn und einem Internat in Indien bis hin zu einem Raum voller intimer Bilder des Models Mica Argañaraz und seinen ersten großen Werken, den Porträts an der Bushaltestelle in Preston.

In der Vergangenheit hatten die Fotos ein Leben als persönliche Projekte, Werbung, Magazin-Editorials und allem dazwischen, doch innerhalb der Museumswände entledigen sie sich dieser ursprünglichen Umstände. "Du lässt dich nicht von dem Kontext, in dem ein Bild entstanden ist, ablenken", sagt Jamie. "Nehmen wir zum Beispiel die Nacktbilder, die einen großen Teil der Ausstellung ausmachen. Ich würde niemals denken 'Ich habe sie für ein Magazin geschossen, jetzt kann ich sie nicht in ein Museum packen'. Solch eine Art des Denkens macht für mich keinen Sinn." Und letztlich ist es doch auch wirklich vollkommen egal, oder?

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The Thinleys, 2015

Doch die Ausstellung führt nicht nur rund um den Globus, sondern auch zurück zu den Anfängen von Hawkesworth als Fotografen. Man findet die Spuren seiner Evolution. Auch, wenn er nicht zu der Sorte von Künstlern gehört, die mit jedem Projekt eine neue radikale und revolutionäre Ästhetik entwickeln. Sein Bilder bestechen durch ihre romantische Wärme, die simple Schönheit und emotionale Aufgeschlossenheit. Das haben sie schon immer getan, schon als er die Porträts an der bereits erwähnten Bushaltestelle schoss. "Vielleicht mag es auf manche so wirken, als würde meine Arbeit immer gleich aussehen", lacht Jamie. "Aber mit all' den Erfahrungen, die du im Leben sammelst, verändert sich auch deine Empfindsamkeit und die Art, wie du Dinge wahrnimmst. Für mich fühlt sich jede Kleinigkeit schon an wie ein Schritt in eine andere Richtung. Es ist natürlich nicht so, dass eine neue Idee meine Sicht auf die Welt komplett auf den Kopf gestellt hat, aber ich denke schon, dass sich meine Arbeit über die Zeit verändert hat."

Es sollte bis zu seiner Unizeit in Preston dauern, bis Jamie tatsächlich das erste Mal eine Kamera in die Hand nahm. "Ich war ein echter Akademiker", erzählt Jamie von seinem Leben vor der Fotografie. "Alles Künstlerische machte keinen Sinn für mich. Ich studierte Kirminaltechnik. Die eine Hälfte war praktisch, die andere Jura. Das Jura-Examen habe ich nicht bestanden ... Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Einen Kurs fand ich dafür besonders interessant, in dem wir auf eine Straße voller Häuser gingen, in denen Fake-Verbrechen stattfanden. Du bist reingegangen, hast nach Beweisen gesucht und Fotos davon gemacht. Da hat irgendwas in mir geklickt. Ich wechselte direkt meine Kurse und fing an, Fotografie zu studieren."

Doch hat das vielleicht sogar einen positiven Effekt auf seine Fotografie gehabt, dass er erst relativ spät im Leben zu seiner Leidenschaft fand? "Wenn du eine gewisse Art Naivität hast, ist das super. Und wenn du schaffst, diese zu behalten, ist das eine sehr positive Sache. Ich kannte keine Fotografen, hatte keine vorgefertigten Meinungen oder Ansichten zur Kunst oder Fotografie. Es gab für mich keine verschlossenen Türen."

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Endless Rhythm, 2015

In Preston fand Jamie zu seinem Stil, hier schulte er sein Auge. Sein erstes Projekt war ein Zine aus Zeitungspapier, das er zusammen mit einem seiner Tutoren umsetzte. Er machte Farbaufnahmen von Leuten, die durch die Bushaltestelle liefen, sein Tutor fotografierte die Architektur des Gebäudes. Ein paar Jahre später sollte das Gebäude abgerissen werden – Jamie packte umgehend seine Sachen, zog zurück nach Preston und schoss einen Monat lang jeden Tag Fotos an der Bushaltestelle. Mit diesen Bildern wollte er eine Ausstellung in der Station machen. Er druckte sie aus und hängte sie überall auf. Er wollte, dass seine Bilder zusammen mit dem Busbahnhof zerstört werden. Letztlich wurde die Station dann doch gerettet und die Bilder entwickelten eine eigenartige Melancholie, die von einem abgewehrten Untergang erzählt.

"Die Busstation in Preston war das Zentrum für den sogenannten Megabus", meint Jamie über das Projekt. "Busse, die das ganze Land abfahren, hielten hier, die Menschen stiegen aus, gingen ins Café und verbrachten ihre Zeit in der Station, bis sie in den nächsten Bus stiegen. Es gab diesen wunderbaren, unaufhörlichen Ansturm von Menschen aus dem ganzen Land. Ich verbrachte komplette Tage damit, durch den Busbahnhof zu laufen und sie zu fotografieren. Es wurde fast zu einer Studie, die in diesem Moment einen Querschnitt der Bevölkerung zeigte. Das Gebäude sah schon vor 30 Jahren so aus und wird auch in den nächsten noch genauso aussehen. Aber die Art, wie sich die Menschen kleiden, ihre Frisuren, die Sneaker, ihre Familien und Freunde – das sind für mich die Dinge, die es wert sind, zu dokumentieren."

Während dieser Zeit lernte Hawkesworth, was es heißt, ein Fotograf zu sein. "In diesem Monat habe ich verstanden, wie ich die Welt betrachte." 30 dieser Fotografien wurden bereits vorher veröffentlicht, doch in der Ausstellung gibt es weitere 150, die vorher nie gezeigt wurden.

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Preston Bus Station, 2015

"Letztens hat mich jemand gefragt, was ich schön finde", erwidert Jamie auf die Frage, was seine Arbeit und diese Ausstellung überhaupt bedeuten. "Ich erinnere mich daran, dass ich durch die Straßen lief und Jungen sah, die munter auf einer Matratze herumhüpften. Ich habe schnell ein Foto gemacht und jedes Mal, wenn ich es mir wieder ansehe, denke ich, wie verblüffend es ist, dass du nie weißt, was dir im Leben begegnen wird und wie schön das sein kann. Das ist die zentrale Idee meiner Ausstellung: die Wertschätzung der Fotografie, Schönheit und Offenheit."

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Mica, 2016

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.