Diese Grafiken zeigen, wie anders der Alltag in Nordkorea aussieht

Nicholas Bonner erklärt uns in seinem Buch "Made in North Korea", wie sich die Werbung aus dem Land der Widersprüche von unserem westlichen Verständnis unterscheidet.

von Nicholas Bonner
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09 Oktober 2017, 10:46am

Über 20 Jahre ist es her, dass mich mein Interesse für die chinesische Architektur nach Peking geführt hat, ursprünglich nur für eine Studienreise, die mittlerweile schon 25 Jahre andauert und es ist kein Ende in Sicht. Mein Umzug wurde mir durch meinen Freund Josh Green erleichtert, der zu diesem Zeitpunkt in Peking Chinesisch studierte. Er traf damals zufällig auf einen alten Bekannten, der in der noch jungen Tourismusbranche arbeitete. Obwohl sie offiziell bereits seit 1957 existiert, hatte sich das Land für Touristen aus dem Westen erst ab 1987 geöffnet — und bis dahin hatten nur einige wenige das Land von Innen gesehen. Man kann also sagen, dass das Geschäft nicht gerade boomte. Deswegen bat unser koreanischer Freund Josh um Hilfe, um Touristen in das Land zu bringen. Also haben wir uns im Herbst 1993 gemeinsam mit fünf Freunden auf die erste Koryo-Tour gemacht.

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Pjöngjang war und ist bis heute eine schöne Hauptstadt. Sie ist eine Planstadt, die nach dem Koreakrieg erbaut wurde — Einheimische sagen, dass es nach dem Krieg nur noch drei Gebäude in der ganzen Stadt gab, die nicht vollständig zerstört wurden. Plattenbauten im frühen sowjetischen Stil und modernere, größere Straßen waren mit merkwürdigen und öffentlichen Gebäuden durchsetzt: Kinos, Schulen, Theater und Bibliotheken, die uns mit ihren schrägen, aber dennoch wunderschönen Innenbereichen beeindruckt haben. Ich hatte danach mehr Fragen als Antworten, und erst als wir bereits auf dem Rückweg nach Peking waren, wurde mir klar, wie ungewöhnlich der ganze Trip eigentlich gewesen ist.


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Die graphischen Elementen der Produkte in Nordkorea haben mich vollkommen eingenommen. Im Westen erzeugt Werbung eher starke emotionale Reaktionen, die uns glauben lassen, dass der Kauf eines gewissen Produkts uns schöner, gesünder oder glücklicher und unser Leben insgesamt besser machen würde. Die Bilder auf den Produkten, die ich während meiner Reise gesammelt hatte, waren hingegen viel naiver und schlichter und zeigten oft lediglich ein graphisches Bild dessen, was in der Verpackung enthalten war. In Nordkorea gibt es so gut wie keine Werbung im westlichen Stil: Beleuchtete Werbetafeln, auf denen bei uns Shampoos und Energydrinks beworben werden, werden in Pjöngjang seit 2006 für Propaganda-Poster benutzt. Bis vor Kurzem gab es weder Werbeplakate, noch Fernsehwerbung oder Internet (dafür gibt es ein Intranet, das die Leute auf ihren Smartphones und in Bibliotheken nutzen können). Die erste Werbetafel gehörte einem Autokonzern, der an fünf Orten in Pjöngjang seine Werbung platzierte. Diese Plakate sind bis heute die einzigen in der Stadt.

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All diese graphischen Objekte habe ich größtenteils auf der Touristenroute um Pjöngjang herum gesehen, auf Trips zur West- und Ostküsten, zum Vulkan Paektu im entlegenen Norden und in der historischen Stadt Kaesong im Süden. Ab und zu konnte ich auch ohne Begleitung einen Spaziergang durch die Stadt machen. Der Stadtführer musste aber davon Bescheid wissen, obwohl es schwierig ist, in einer Stadt, in der es kaum Ausländer gibt und in der man in die meisten Läden nicht hinein darf, nicht aufzufallen. Grundsätzlich kann man die Sachen als gefundene Objekte bezeichnen. Etwas, mit dem jeder Besucher in Kontakt kommen würde.

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Made in North Korea: Graphics from Everyday Life in the DPRK von Nicholas Bonner ist im Phaidon Verlag erschienen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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