Klimaprotest: "Nicht alles, was wir machen, ist legal"

Die Aktionen von 'Ende Gelände' versammeln Menschen, die mit ihren Körpern Kohle-Bagger stoppen, um ein sichtbares Signal gegen die Klimakrise zu setzen.

von Dana Hajek
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22 Oktober 2019, 8:28am

Fotos: Tereza Mundilová

Wenn wir wollen, dass die Welt nicht nur überlebt, sondern besser wird, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Die Generation vor uns hatte ihre Chance – jetzt sind wir dran. Hier stellen wir Menschen vor, die ihre Stimme bereits gefunden haben. Die Frustration in Aktivismus gewandelt haben. Sie alle haben unterschiedliche Anliegen und Wirkungsbereiche, doch was sie vereint, ist der Glaube an eine gerechte und freie Zukunft. Wir sind laut, wir sind viele. Jetzt sind wir dran.

Bei mehreren Protestaktionen marschierten Tausende Aktivist_innen von Ende Gelände in den Tagebau des Energie-Konzerns RWE, dem europaweit größten Braunkohle-Klimasünder, verantwortlich für 13% der gesamten Treibhausemissionen Deutschlands. Sie blockierten Bagger und legten sich auf Gleise, um sich mit ihrem Körper dem System in den Weg zu stellen. Sie vertrauen nicht mehr darauf, dass die Politik die Klimakatastrophe aus freien Stücken abwendet – sie wurden selbst aktiv.


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Ende Gelände ist ein Bündnis, das sich aus verschiedenen Umweltgruppen der Anti-Atom- und Anti-Kohle-Bewegungen zusammenschließt. Ihr Kernthema? Klimagerechtigkeit. Im Gegensatz zu vielen Umwelt-Aktivist_innen, die den Klimawandel als Produkt schlecht regulierter Industrien sehen, konzentriert sich Ende Gelände auf die sozialen Kämpfe: Klimawandel als ein Produkt sozialer Ungleichheit inmitten eines Systems, das endlos wächst und Kapital anhäuft.

Ihren Kampf für eine lebenswerte Zukunft führen sie auf verschiedenen Wegen. Sie schaffen Aufmerksamkeit durch Social Media, organisieren Großdemonstrationen und proklamieren den zivilen Ungehorsam. Eine legitime und gewaltfreie Protestform, bei der mit einer öffentlich angekündigten Regelverletzung Staat und Politik herausgefordert werden sollen. Seit 2015 hat sich Ende Gelände zu einer stetig wachsenden Bewegung entwickelt, deren politische Arbeit und Massenaktionen alleine von ehrenamtlichen Aktivist_innen getragen werden. Sie setzen ein wichtiges Zeichen: Sie sagen Nein zum Kohleabbau. Sie schauen nicht weg. Sie lassen sich niemals unterkriegen.

i-D hat mit der 24-jährigen Pressesprecherin von Ende Gelände, Sina Reisch, über Klimagerechtigkeit, zivilen Ungehorsam und eine grüne Zukunft gesprochen.

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Foto: Tereza Mundilová

Warst du schon immer politisch aktiv?
Ich war schon immer ein politischer Mensch, sogar als kleines Kind hatte ich schon ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Mit der Zeit hat sich das in diese Richtung weiterentwickelt: Zuerst war ich Aktivistin, dann linke Aktivistin und dann bin ich schließlich bei Ende Gelände gelandet.

Welche Geschichte steckt hinter Ende Gelände?
2015 war der erste große Versuch von diversen Klimagerechtigkeits-Gruppen mit einer gemeinsamen Massenaktion europaweit mehr Aufmerksamkeit zu erregen und den Kohleausstieg auf die Agenda zu setzen – mit krassem Erfolg! Es sind viel mehr Leute gekommen als erwartet. Seitdem findet jedes Jahr eine Massenaktion statt, manchmal sogar zwei.

Ihr habt in den letzten Monaten wegen der Massenaktion im Tagebau des RWE viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Hat sich seitdem etwas an eurem Vorhaben verändert?
Wir haben schon seit 2015 das Kohle-Thema in eine umfassende Systemkritik eingebettet. Viele Medien haben dann aber nur berichtet, dass Anti-Kohle-Aktivist_innen auf Baggern herumhüpfen. Das hat sich jetzt stark geändert: Wir haben gemerkt, dass auch unsere Systemkritik endlich aufgegriffen wird.

Als ihr im Juni den Tagebau blockiert habt, wart ihr fast 6.000 Menschen. Wie schafft ihr es, so viele Menschen zu organisieren?
Es ist echt krass. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wenn ich sehe, wie viele Rädchen hier ineinandergreifen. Nicht alles, was wir machen, ist legal. Deswegen teilen wir uns in verschiedene Gruppen auf, von denen einige auch geheim bleiben. Häufig wissen wir gar nicht, was die anderen Gruppen genau planen.

Sina Reisch
Foto: Tereza Mundilová

Während einer Aktion verteilt ihr euch in sogenannte Finger. Was bedeutet das?
Wenn wir mit 6.000 Menschen in die Blockaden gehen, laufen wir natürlich nicht alle in einem Pulk, weil wir dann leicht aufzuhalten wären. Die Finger sind Gruppen von – sagen wir mal – 300 bis 1.300 Leuten. Im orangenen Finger haben zum Beispiel alle orangene Fahnen, ein orangenes Fronttransparent und ein eigenes Thema. Als wir 2017 mit 4.000 Menschen das Rheinische Kohlerevier blockierten, hat jeder Finger ein bestimmtes Thema inhaltlich bearbeitet, verschiedene Aspekte zusammengedacht und auf der Blockade ein Manifest geschrieben.

Und was hat es mit diesem Manifest auf sich?
Klimagerechtigkeit ist ein sehr umfassendes Konzept, viele benutzen das Wort ohne zu wissen, was es wirklich beinhaltet. Bei uns geht es nicht nur um Klimaschutz. Es geht darum, verschiedene Elemente zu vereinen, um für alle eine befreite Gesellschaft und ein gutes Leben ohne Diskriminierungen zu erreichen. Wir haben eine Vorstellung von einer besseren Welt, wissen wo wir hinwollen. Natürlich sieht sie für jeden Menschen – für dich oder für mich – unterschiedlich aus, trotzdem überschneiden sich vielleicht 80 bis 90 Prozent unserer Vorstellungen.

Wie steht die deutsche Regierung zu eurer Arbeit ?
Wir stehen im Verfassungsschutzbericht als linksextremistisch – das ist absoluter Quatsch und macht mich fassungslos. Was tun wir denn? Wir versuchen, uns der offensichtlichen Ungerechtigkeit in den Weg zu stellen. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Spitzenreiter der dreckigsten Energieversorgung. Das kostet Leben.

Sina Reisch
Foto: Tereza Mundilová

Nach der Großaktion vor ein paar Monaten kursierten Videos im Netz, die Polizeigewalt gegen Demonstrierende zeigen. Wie erlebt ihr diese Situationen?
Ja, verrückte Szenen. Du siehst Polizist_innen einzeln in der Landschaft stehen – sie wissen, dass sie uns nicht aufhalten können, weil wir viel zu viele sind – versuchen aber trotzdem, so viele Leute wie möglich zu schädigen, indem sie wild um sich schlagen. Was die Institution Polizei aus Menschen macht, ist total erschreckend.

Wie sind denn die Reaktionen in der Bevölkerung auf Ende Gelände?
Es gibt eigentlich fast nur positive Rückmeldungen. Dadurch dass die Klimakrise ganz oben auf der Agenda steht, ist den Leuten völlig klar, dass es gut und legitim ist, auch mal zivilen Ungehorsam zu begehen.

Ihr gebt die Hoffnung nicht auf, dass die Klimakrise doch noch abgewendet werden kann. Dafür benötigt es allerdings auch ein massives Umdenken in der Politik. Was muss getan werden?
Wir müssen das Eigentum an fossilen Ressourcen überdenken. Nur weil Kohle Eigentum bestimmter Unternehmen und Staaten ist, dürfen sie nicht alleine entscheiden, wann und wie viel sie davon verbrennen. Schließlich geht die Menschheit deswegen zugrunde. Deshalb wäre der erste kleine Schritt, alle fossilen Energieträger der Welt zu vergesellschaften. Wir sollten demokratisch darüber entscheiden können, was damit passiert.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass wir endlich Sachen radikal ändern. Wir brauchen ein System, das nicht mehr auf kurzfristige Profitinteressen ausgerichtet ist, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen – und das funktioniert nur mit einem Umdenken im Wirtschaftssystem. Das sagt sich natürlich leichter, als es ist. Sich von dem jetzigen System zu befreien, ist eine große, komplizierte Aufgabe. Aber es ist nötig. Du musst nicht links sein, um zu merken, dass dich eine Gesellschaft kaputt macht, in der es nur darum geht, immer größer und immer stärker zu werden. Wir wollen mehr Gemeinschaft und Gerechtigkeit, das gute Leben für jeden. Schließlich ist genug für alle da.

@ende__gelaende

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