Foto: Laura Schaeffer, Creative Direction & Post Production: Digi-Gxl

Digi-Gxl Berlin erobert erst den virtuellen Raum und dann die physische Welt

Das Kollektiv für Frauen*, Trans-, Inter*- und nicht-binäre Personen erzählt, wie es digitale Kunst mit Gesellschaftskritik verbindet.

von Marieke Fischer
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03 September 2019, 2:11pm

Foto: Laura Schaeffer, Creative Direction & Post Production: Digi-Gxl

"Mit 3D kannst du nicht nur deine eigene Realität erschaffen – du kannst eine Hyper-Realität kreieren. Eine Utopie, in der marginalisierte Gruppen endlich eine Stimme haben", erzählt Miriam Woodburn. "Du kannst entscheiden, wer du bist und wie die anderen deine Identität wahrnehmen. Du kannst mit deiner Stimme Menschen erreichen, die es schwerer haben." Miriam ist Teil von Digi-Gxl, einer internationalen Community, die diese Utopie zur Wirklichkeit macht. Initiiert von Cat Taylor finden in dem Netzwerk Frauen*, Trans-, Inter*- und nicht-binäre Personen zusammen, die sich irgendwo im weiten Kosmos von 3D, Animation und Digitalkunst bewegen.

Cat hat 2019 ihre virtuelle Stimme in Insta-Stories erhoben, um auf die Genderungleichheit in der Szene aufmerksam zu machen. Und seitdem 182 Personen versammelt, die sich in einer WhatsApp-Gruppe austauschen. Über ihre Arbeiten. Über die neuesten Programme. Über Sexismus und angemessene Bezahlung. Während noch immer viele Menschen in der Kreativindustrie den Weg zum Erfolg als Einzelgänger suchen, so haben die Digi-Gxls erkannt, dass Stärke im Kollektiv liegt und dass sich Stimmen potenzieren, wenn sie aus vielen Ecken schallen.

"Wir funktionieren wie der Wu-Tang Clan: Wir alle haben unsere Solo-Arbeit, aber kommen zusammen, um etwas zu erschaffen, das größer ist als seine Einzelteile."

"Community über Konkurrenz. Immer", sagt Miriam. "Wir decken so eine vielfältige Bandbreite an Fähigkeiten ab, dass es kaum etwas gibt, das wir nicht umsetzen können. Dabei inspirieren, motivieren und unterstützen wir uns in jeglicher Hinsicht." Digi-Gxl ist ein gutes Beispiel für die positiven Auswirkungen unserer universell vernetzten Welt. Noch vor wenigen Jahren wäre die Tiefe der persönlichen und professionellen Bindungen zwischen Menschen, die sich nur über den Bildschirm kennen, schwer vorstellbar gewesen.

Dennoch kreieren sie auch eine physisch erfahrbare Realität: Wenn die verschiedenen Mitglieder in derselben Stadt leben und ihr Können zusammenbringen. "Im April 2019 haben wir eine weitere WhatsApp-Gruppe extra für Berliner Digi-Gxls aufgemacht. Wir haben uns zum ersten Mal in einer Bar in Neukölln getroffen, danach ging alles recht schnell. Wenige Monate später hatten wir unsere erste Ausstellung, dann haben wir uns um eine Residency für die Night Embassy beworben, woran wir seitdem arbeiten", meint Miriam. "Wir funktionieren wie der Wu-Tang Clan: Wir alle haben unsere Solo-Arbeit, aber kommen zusammen, um etwas zu erschaffen, das größer ist als seine Einzelteile."

"Wir brauchen mehr Frauen*, nicht-binäre und Trans-Personen in Machtpositionen."

Etwas zu erschaffen, das größer ist als sie. Denn wie in so ziemlich allen Bereichen unserer Gesellschaft sind auch Digitalkunst und das Feld der 3D-Animation geprägt von Weißer, heterosexueller Cis-Männlichkeit. "Die Leute denken, dass Frauen* und Technik einfach nicht zusammengehören", erzählt Miriam. "Männer bekommen normalerweise die Jobs, selbst wenn sie schlechter qualifiziert sind." Die strukturelle, systematische Benachteiligung marginalisierter Gruppen und deren fehlende Teilhabe bei der (Weiter-)Entwicklung von Technologie zeigte sich in den vergangenen Jahren besonders extrem. So wurde bekannt, dass Algorithmen für Gesichtserkennung am schlechtesten bei Frauen of Colour funktionieren. Weibliche Avatare werden in Video-Games übersexualisiert und für Gewaltfantasien ausgebeutet. Google zeigt bei der Bildersuche nach Schauspielerinnen lieber ihre Körper statt ihre Erfolge. "Viele der heutigen Technologien werden für Männer erschaffen und haben Makel, wenn andere Gender versuchen, sie zu nutzen", meint Miriam. "Alles Probleme, die leicht verhindert werden könnten, wenn man eine Frau* gefragt hätte." Doch ist eine Veränderung in Sicht? "Das hängt von dem spezifischen Feld ab. Einige Dinge verbessern sich zwar – es gibt beispielsweise mehr Workshops und Kurse für Programmiererinnen –, generell ist die Branche aber noch immer sehr männerdominiert. Wir brauchen mehr Frauen*, nicht-binäre und Trans-Personen in Machtpositionen. Technologie muss für alle Gender gestaltet und kodiert werden."

Doch langsam, ganz langsam, brechen die alteingesessenen Hierarchien ein. Der digitale Raum eröffnet die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu neu zu konstruieren. Eine Wirklichkeit, in der ohne große finanzielle Ressourcen reichweitenstarke Werke geteilt werden können. Werke, die nicht nur durch Kreativität und Können überzeugen, sondern einen allumfassenden sozialen Wandel prophezeien. Die Berliner Digi-Gxl-Gruppe erhebt ihre Stimme, um eine neue Realität zu schaffen.
Eine Hyper-Realität.

Die Fotografin Laura Schaeffer hat das Kollektiv für i-D fotografiert:

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Maria Gudjohnsen

Pronomen: she/her
Instagram: @mav.ria

"Ich hätte niemals gedacht, dass ich irgendwann mit Computern arbeiten würde. Früher habe ich meinen Computer zur Reperatur gebracht, nur um zu hören, dass ich Mackeeper fünfmal installiert habe … Heute kann ich stundenlang vorm Computer sitzen und 3D-Render erstellen, ohne es überhaupt zu merken. Darin bin ich gut. Worin ich noch gut bin: Ich stemme 50 Kilo beim Bankdrücken. Generell ist es so, so wichtig, dass der femxle gaze in der digitalen Kunst existiert. Ich habe keine Lust mehr, nach 3D-Models zu suchen und nur fetischisierte Frauen mit riesigen Brüsten und Blowjob-Lippen zu finden. Ich hasse es, dass im 3D-Bereich noch immer patriarchale Standards aufrecht erhalten werden. Seitdem ich ein Digi-Gxl bin, habe ich aber unglaubliche viele tolle Menschen getroffen, es haben sich neue Möglichkeiten eröffnet."

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Miriam Woodburn

Pronomen: she/her
Instagram: @miriamwoodburn

"Als ich das erste Mal von Digi-Gxl gehört habe, war ich neugierig, da ich neue Skills lernen wollte. Denn auch wenn ich Menschen, Geld und Deadlines managen kann, gut im Fotografieren, Schreiben, Art Direction und konzeptuellen Arbeiten bin – ich habe absolut keine Ahnung, wie man 3D-Animationen erstellt. Doch seitdem waren wir immer so beschäftigt, dass ich mich nicht weiter damit beschäftigen konnte. Trotzdem haben wir in wenigen Monaten tolle Sachen erreicht.

Eine Welt ohne das Internet wäre wahrscheinlich besser, aber wir stecken mittendrin, also müssen wir das Beste daraus machen. Und genau das tun wir."

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Danielle Coyle

Pronomen: she/they
Instagram: @inter_sexy

"Digi-Gxl hat mich dazu inspiriert, besser zu werden. Wir brauchen den femxle gaze in der digitalen Kunst, da ansonsten weiter Vorurteile in die Technik kodiert werden. Wir benötigen eine unglaublich diverse Bandbreite an Menschen in der Industrie, sonst werden ganze Gruppen übersehen und falsch repräsentiert.

Mit meinem digitalen Auftritt steigere ich das Bewusstsein über Intergeschlechtlichkeit online und IRL. Ich liebe es, in diesem Bereich zu arbeiten, da die digitale Kunst auch das Ende von konstruierten Gender-Normen und binärer Sexualität ist. Eine digitale Welt ermöglicht es dir, eine Version deiner selbst zu erschaffen, in der du nicht länger an deinen physischen Körper gebunden bist. Du willst heute ein Elfen-Prinzessin-Einhorn sein? Na klar. Morgen 15 Schwänze? Auf deinem Gesicht? Super. T0t4LLY FlU!D DuD3."

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Tabitha Swanson

Pronouns: she/her
Instagram: @tabithaswanson_

"Digi-Gxl ist ein Safe Space um zu teilen, zu lernen. Ein Ort, an dem neugierige Menschen aufeinandertreffen. Bei uns steht Zusammenarbeit immer über Wettbewerb. Gäbe es das Internet nicht, würden wir in einer Welt leben, in der weniger Verständnis herrscht. Das Internet hat uns einen Weg eröffnet, mit kulturellen, sozialen und sprachlichen Grenzen zu brechen. Mit physischen und mentalen Grenzen. Wir sind in der Lage, das Menschsein als Ganzes zu betrachten und zu verstehen, dass Race, Gender, Sexualität und so vieles mehr innerhalb der Welt auf einem Spektrum liegt. Wir können verschiedene Lebensweisen erforschen; den Grenzen unserer eigenen Körper entfliehen, damit wir im digitalen Raum so leben können, wie wir möchten."

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Camila Roriz

Pronomen: she/her
Instagram: @camilaroriz / @cibymili

"Ich hätte niemals gedacht, dass ich einfach so mit Technik arbeiten könnte. Die Gesellschaft hat uns Frauen* immer gesagt, dass das nichts für uns ist. Es ist ein Raum, der bis heute von Weißen Männern dominiert wird.

Als ich meinen Master in Lissabon gemacht habe, hatte ich mich noch auf die Malerei fokussiert, hatte damit jedoch viele Probleme. Ich konnte mir kein Studio leisten und auch die Materialien waren sehr teuer. Also habe ich mir mit Tutorials und 3D-Softwares erlernt. Danach habe ich gemerkt, dass ich digitale Bildelemente auf Models und andere Szenen legen kann. Digitale Räume sind ein Weg, meine eigene Welt zu schaffen, Körper von ihren Standards zu befreien, neue Narrative zu begründen.

Vor Kurzem habe ich ein Stipendium für kreatives Programmieren an der School of Machines in Berlin bekommen. Das hat definitiv verändert, wie ich mit Technologie arbeiten möchte. Jetzt will ich immer weiter in diese endlose, digitale Welt eintauchen."

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Cibelle Cavalli Bastos

Pronomen: they/them
Instagram: @aevtarperform

"Es ist schön, Teil von Digi-Gxl zu sein, da wir uns durch gemeinsames Lernen ermutigen, aber auch wohlwollend kritisieren. Je mehr wir uns gegenseitig bestärken, desto eher können wir technologischen Bias vermindern. Denn femme oder queer zu sein, bedeutet nicht, dass du keine toxische Männlichkeit, femme-feindliches oder rassistisches Verhalten verbreitest. Aber wir tun unser Bestes, unsere Privilegien zu hinterfragen und Intersektionalität zu leben.

Ich bin gut darin, Mittel zu entwickeln, um gesellschaftliche Schadsoftware zu entfernen. Wir sollten uns alle bewusst sein, dass wir Menschen das System formen, in dem wir leben. Machine Learning, Künstliche Intelligenz, Deep Learning, all diese Dinge lernen von uns. Die Daten spiegeln unser Verhalten. Wir müssen uns selbst fragen, ob wir repressive Strukturen aufrechterhalten. Trotz unserer guten Absichten geben wir jedoch häufig Gewalt weiter, und in der 'Maschine' werden unsere Neigungen noch weiter beschleunigt. Wir müssen also dringend daran arbeiten, uns selbst zu de-programmieren. Queer zu sein oder sich auf dem Femme-Spektrum zu bewegen, befreit uns nicht auf magische Weise von der triefenden, toxischen Männlichkeit in unserem Verhalten. Wir müssen uns selbst reflektieren, auf jedem Schritt Richtung radikaler Empathie."

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Yifan Pu

Pronomen: she/her
Instagram: @light0green

"Ich bin besonders gut darin, 3D-Kleidung zu modellieren. Dadurch konnte ich mir endlich meinen Kindheitstraum erfüllen und Mode-Designerin werden, ohne in einer Schneiderei anfangen zu müssen und die ganzen Stoffe mit meinen ungeschickten Hände zu ruinieren. Digi-Gxl ist genau die Plattform, nach der ich gesucht habe, da für uns die Community mehr wert ist als ein Konkurrenzkampf."

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Harriet Davey

Pronomen: she/her
Instagram: @harriet.blend

"Digi-Gxl ist genau das, wonach ich immer gesucht habe. Die Gruppe fühlt sich an wie eine erweiterte Familie. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, von so vielen tollen Individuen – mit so vielen verschiedenen Blickwinkeln – unterstützt zu werden. Mit 3D und Animation zu arbeiten hat mir die Möglichkeit gegeben, mit Menschen zu interagieren, die ich ansonsten niemals getroffen hätte. Ich konnte Brücken bauen zu inspirierenden, unglaublichen Künstler_innen, die mich antreiben und herausfordern, um in meiner eigenen Disziplin zu wachsen."

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Hermione Flynn

Pronomen: she/her
Instagram: @hermione_flynn

"Ich mag es, ein Digi-Gxl zu sein, weil ich die Community liebe. Seit ich die digitale Welt mit ihren unendlichen Möglichkeiten erforsche, fühle ich mich regelrecht neugeboren. So habe ich beispielsweise einen 3D-Avatar erschaffen."

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Caroline Barrueco

Pronomen: she/they
Instagram: @clito.clito / @ccaarroollliinnee

"Vor ein paar Monaten hat mir meine Mitbewohnerin Camila von dieser WhatsApp-Gruppe erzählt, in der Digital-Künstler_innen Tipps teilen und sich gegenseitig helfen. Ich wollte direkt dabei sein. Es ist so schön, ein Teil von Digi-Gxl zu sein, weil ich von extrem talentierten und feinfühligen Menschen unterstützt werde, die wissen, dass wir die Gesellschaft nur gemeinsam verändern können.

Der femxle gaze in der digitalen Kunst zeigt sich besonders bei Selfies: Wenn Femmes ein Selfie machen, sind sie die Künstlerinnen und die Muse zugleich. Dabei entscheiden sie ganz genau, wie sie gesehen werden möchten, und verlangen, dass alle ihr Gesicht betrachten. Ein mächtiges Werkzeug. Kein Wunder, dass es immer wieder untergraben wird."

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Eloise Knights

Pronomen: she/they
Instagram: @eloiseknights

"Während meiner Studienzeit hatte ich das Gefühl, Konzepte für Projekte zu erstellen, die ich nicht umsetzen kann – weil ich keine Illustratorin bin, zu wenig Budget für die Installation oder den Filmdreh hatte. Aber mit 3D kann ich endlich machen, was auch immer ich will. Und das ohne Geld auszugeben. Normalerweise arbeite ich komplett digital. Das bedeutet auch, dass ich keinen Müll produziere. Außerdem kann ich arbeiten, ohne mich anziehen zu müssen.

Meine Stärke liegt besonders darin, Humor in meine Arbeit zu bringen. Humor ist unglaublich wichtig, um schwere Themen zu kommunizieren und mit all dem Scheiß auf der Welt zurechtzukommen."

Im Rahmen der Night Embassy Berlin veranstalten die beiden Kollektive CO:QUO und Digi-Gxl vom 6. - 17. September Events, Ausstellungen, Workshops und Panels. Dabei fokussieren sie sich auf die Themen Diversität und Inklusion, wobei sie besonders femme, nicht-binäre und Trans-Künstler_innen vorstellen. Alle Veranstaltungen können kostenlos mit einer Anmeldung über Eventbrite besucht werden. Hier gibt es mehr Infos.

Falckensteinstraße 48, 10997 Berlin

Credits


Fotografie: Laura Schaeffer
Creative Direction & Post Production: Digi-Gxl

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