Fotos: AliA

Das ist Irans versteckte Kreativszene

"Wir leben in wirklich dramatischen sozialen und politischen Zuständen. Mehr als je zuvor geben die Menschen ihr Bestes, um die Grenzen mit Kreativität zu überwinden."

von Mahmood Fazal
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05 November 2019, 3:47pm

Fotos: AliA

Für junge Künstler_innen in Teheran gibt Zensur den Ton der Kunst an. Fotografie hatte schon immer die Macht, das Publikum zum Zeugen zu machen. Der iranische Künstler AliA geht sogar einen Schritt weiter: Er nutzt die Kunst, um die Träume seiner Freund_innen preiszugeben, um Hoffnung zu verbreiten. Seine Bilder sehen aus, als wären sie frisch aus einem Magazin gerissen worden – viele haben sichtbare Falten, andere wirken verblasst. Doch sie alle sind lebendige Erinnerungen, Überreste jugendlicher Fantasie, die gezwungen ist, sich im Schatten verlassener Gebäude und Gassen zu verstecken.

Das angespannte Klima des Landes führte erst im vergangenen Jahr dazu, dass zwölf Models wegen "Ermutigung zur moralischen Degradierung" und "Zurschaustellung westlicher Mode online und auf Social Media" ins Gefängnis gebracht wurden. AliAs Motive sind als heftiger Protest gegen diese Zensur zu deuten.


Auch auf i-D: So behält man sich als Designer_in im Iran die kreative Freiheit


In den 60er Jahren wurden bunt gefärbte, traditionelle Kleidungsstücke von einem westlicheren Look abgelöst, durchzogen von europäischen Einflüssen der Zeit. Halstücher, kurze Röcke und Schlaghosen prägten fortan das Bild. Nach der Islamischen Revolution 1979 erklärte der Ayatollah das Tragen des Tschadors zur moralischen Pflicht. In den ersten Jahren der Islamischen Revolution wurde die Kleiderordnung radikal durchgesetzt und überwacht. Demnach wurden Frauen dazu gezwungen, sich in Schleier und lange Mäntel zu hüllen.

Doch hinter verschlossenen Türen, auf privaten Partys, zelebrierten ausgestoßene Bürger_innen ihre Kreativität. AliA feiert sie in seinem Werk.

Wir wollten mehr über die versteckte Underground-Szene des Landes von ihm erfahren.

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Foto: AliA

Erinnerst du dich noch an das erste Foto, Kleidungsstück oder Kunstwerk, das dich wirklich bewegt hat?
Als ich noch sehr jung war, hatten meine Großeltern eine antike Kiste voller interessanter Dinge. Unter anderem alte Modemagazine, die meine Tanten vor der Islamischen Revolution 1978 sammelten. Besonders fasziniert war ich von den Editorials, die mit einem dicken schwarzen Marker zensiert wurden – zum Beispiel weil die Brustwarzen der Frauen zu sehen waren. Die Zensur war ein beeindruckender visueller Schock und entfachte in mir einen inspirierenden Funken.

Was macht ein gutes Foto generell für dich aus?
Es erzählt eine gute Geschichte, zeigt einen Weg. Es gibt ein persisches Sprichwort: 'Was aus dem Herzen kommt, findet auch zwangsläufig seinen Platz in den Herzen.'

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Foto: AliA

Wie integrierst du das in deiner Arbeit?
Im Iran hängt die Produktion und Ideenfindung von den Einschränkungen ab, mit denen wir zu diesem Zeitpunkt konfrontiert sind. Wir müssen das immer berücksichtigen und dann entscheiden, welches Projekt realisierbar ist.

Ich glaube, dass besorgte Menschen ihre Sorgen als kreativen Treibstoff nutzen können. Wir sollten ehrlich zu uns selbst sein, es gibt keine Abkürzung, um zu einer guten Idee zu gelangen. Ich denke nicht, dass ich in einer idealen Welt lebe, aber das muss ich eben akzeptieren. Meine Akzeptanz lässt mich Dinge sehen, die ich vorher nicht greifen konnte.

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Foto: AliA

Mit welchen Problemen ist man in der iranischen Modeszene konfrontiert?
Leider existieren die Infrastrukturen der Modebranche seit der Islamischen Revolution nicht mehr wirklich. Wir müssen die neuen spezifischen Normen berücksichtigen, Produktionsprozesse aufgrund der aktuellen Lage neu definieren und immer auf Überraschungen und Hindernisse gefasst sein. Es gibt im Iran keine Modelagenturen, so dauerte auch die erste Phase des Castings sehr lange, weil wir auf die Hilfe von Freunden angewiesen waren.

Während eines Castings wurde zum Beispiel einer der Jungs aus dem Iran abgeschoben. Um ehrlich zu sein, wussten wir, dass wir darauf vorbereitet sein mussten, weitere von ihnen zu verlieren. Die Suche nach einem Drehort ist ein weiteres Problem: Es ist illegal.

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Foto: AliA

Ist es schwierig, Kleidungsstücke für die Shootings zu beschaffen?
Für dieses Projekt wollten wir unbedingt iranische Designer integrieren. Die meisten von ihnen leben im Ausland, vor allem in Amerika. Aufgrund der verhängten Sanktionen konnten sie uns die Kleidung nicht zuschicken.

Inwiefern beeinflusst die Nähe zum Krieg deine Arbeit?
Ich lebe im Nahen Osten und kann sagen, dass wir vom ersten Moment des Lebens den Kampf spüren können, mit dem wir es zu tun haben. Wir spüren den Schatten des Krieges, der im Nahen Osten ein Land nach dem anderen in Brand steckt. Wir leben in wirklich dramatischen sozialen und politischen Zuständen. Mehr als je zuvor geben die Menschen ihr Bestes, um die Grenzen mit Kreativität zu überwinden.

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Foto: AliA

Kannst du mir von der Zusammenarbeit mit den jungen afghanischen Geflüchteten für dein Fotoprojekt Kaarzaar berichten?
Als Europa die Grenzen für Flüchtlinge öffnete, habe ich in einem Café als Koch gearbeitet. Dort lernte ich einige Afghanen kennen. Kaarzaar war mehr als eine Idee – es war wirklich inspirierend mit diesen afghanischen Jungs arbeiten zu dürfen. Ich wollte ihre Bemühungen einfangen und zeigen.

Der schwierigste Teil war es, afghanische Models zu finden. Afghanen arbeiten im Iran in der Regel illegal, sie haben kein Visum, keine Arbeitserlaubnis und sind oft minderjährig. Sie waren für uns mehr als nur Models, sie waren Teil des gesamten Produktionsprozesses. Man sieht ihre echten Fußabdrücke auf den gedruckten Fotos, sie brachten Ideen für das Styling ein. Einige dieser Menschen wurden bereits mehrfach aus vor allem europäischen Ländern abgeschoben. Aber sie hatten diesen Hunger, ihre Träume zu erfüllen. Das hat mich inspiriert.

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Foto: AliA

Welche kreativen Unterschiede bestehen zwischen dem Iran und Afghanistan?
Ich glaube, die Gemeinsamkeiten sind stärker als die Unterschiede. Beide Länder haben eine große Vielfalt innerhalb ihrer Kultur. Sie wird in Bereichen wie Kleidung, Musik und Make-up sichtbar. In Bezug auf ihre Mode haben sie viel gemeinsam: Sie legen den gleichen Wert auf Funktionalität, Effizienz und Schönheit. Ich denke, der Unterschied liegt in der angespannten Atmosphäre Afghanistans. Die Menschen müssen die Dinge mit mehr Beharrlichkeit angehen, um zu bekommen, was sie wollen, um Träume zu verwirklichen.

Die Location für das Projekt ist sehr symbolisch.
Wir haben eine Baustelle als Standort gewählt, weil viele Afghanen hier befristete Jobs bekommen und dann ihre meiste Zeit dort verbringen. Für uns war es auch ein Symbol für den kreativen Prozess: Die Baustelle wurde von einem Arbeitsplatz zu einem Ort, an dem ihr Strahlen zurückgekehrt ist.

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Foto: AliA
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Foto: AliA

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kolleg_innen aus der australischen Redaktion.

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