dieser film zeigt die realität schwarzer gangmitglieder in amerika

Wir haben uns mit Regisseur Amman Abbasi über seinen Debüt-Spielfilm „Dayveon“, Gangkultur und die Bedeutung von Politik für die Kultur unterhalten.

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28 Februar 2017, 3:07pm

Dayveon scheint ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge zu sein, doch dem ist nicht so. Nachdem sein Bruder bei einem Banden-Schusswechsel ums Leben gekommen ist, versucht er, seine Trauer zu bewältigen, indem er selbst einer Gang in Little Rock, Arkansas beitritt. Und damit beginnt das packende und zugleich brutale Abenteuer des gerade mal 13-Jährigen. Regisseur Amman Abbasi schafft in seinem Film Dayveon nicht nur unvergessliche Bilder, sondern findet auch das Schöne in der Brutalität. Bewusst greift er Klischees der Schwarzen-Community auf und zeigt großes Mitgefühl für seine Charaktere. Nach dem Oscar-prämierten Film Moonlight, der vor einigen Tagen Geschichte geschrieben hat, könnte Dayveon mit seiner mitreißenden Storyline in dessen Fußstapfen treten. Wir haben uns mit dem Regisseur Amman Abbasi über seinen Debütspielfilm, Gangkultur und die Bedeutung von Politik für die Kultur unterhalten. 

Du hast vorher Dokumentarfilme gedreht, Dayveon ist dein erster Spielfilm. Warum der Wechsel?
Ich war daran interessiert, eine Gesellschaft zu zeigen, die Teil von mir ist, die aber auch unterrepräsentiert ist. Es gibt viele Gangs in Little Rock und ich wollte das als Hintergrund für die Geschichte eines Jungen nutzen, der versucht, irgendwo reinzupassen. Und ich dachte, Gangs sind für so etwas sehr wichtig. Menschen sind sehr oft voreingenommen und behaupten, zu wissen, wie solche Gangs funktionieren. Das aus der Sicht eines Kindes zu zeigen, war sehr interessant für mich, weil Kinder alles aus einer sehr besonderen Perspektive betrachten. Für sie sind Gangs wie eine Form von Gesellschaft. Eine Form von Bruderschaft. Um diese Idee habe ich eine Geschichte entwickelt, die man nur als Spielfilm erzählen konnte.

Warst du auch selbst voreingenommen, was Gangs angeht?
Das ist eine interessante Frage. Viele meiner Gedanken zu dem Thema kommen auch eben von meiner Arbeit als Dokumentarfilmer. Also hatte ich, ehrlich gesagt, keine eindeutigen Vorstellungen. Ich habe einfach an meine Story gedacht, mehr nicht. Von einer dokumentarischen Perspektive aus betrachtet, was so in amerikanischen Großstädten passiert. Das habe ich destilliert und es ging dann um die Akzeptanz der Figur in der Gangkultur.

Waren die Gangmitglieder alle Schauspieler?
Nein, sie standen alle zum ersten Mal vor der Kamera. Aber sie hatten alle ähnliche Erfahrungen wie ihre Figuren im Film gemacht. Das konnten sie für ihr Spiel benutzen und das war wirklich wichtig für den Film.

Hast du vorab auch mit echten Gangmitgliedern gesprochen? 
Ja, natürlich. Lachion Buckingham ist einer der Produzenten und hat auch eine Rolle im Film. Der hat eine Vergangenheit als Gangmitglied in Little Rock und er ist ein großartiger Mensch, weil er viele seiner Erlebnisse in die Rolle mit einfließen lassen hat. Die Gangmitglieder im Film sind auch echte Gangmitglieder. Ich spiele da ganz bewusst mit Wahrheit und Fiktion.

Das kann nicht ganz ungefährlich gewesen sein ...
Manchmal ist man ein bisschen vorsichtig, klar. Was ich durch Dokumentarfilme vor allem gelernt habe: dass man mit allen respektvoll umgehen muss. Ganz besonders, wenn man Vertrauen aufbauen will, um einen Zugang zu bekommen. Man muss Kompromisse eingehen und auch die Grenzen der anderen respektieren. Also ich habe die Personen demzufolge nicht als Gangmitglieder betrachtet, sondern einfach als offene und vertrauenswürdige Menschen.

Haben die echten Gangmitglieder den Film schon gesehen?
Ja, ich habe ihnen den Film vorgezeigt, während wir im Schnitt waren, so habe ich Feedback bekommen. Ich bin zu ihnen nach Hause gegangen und habe ihnen den Film auf iPhones gezeigt, um zu schauen, was sie denken. Das hat wirklich Spaß gemacht.

Wie haben sie denn darauf reagiert?
Die Reaktion war wirklich gut. Es ist ja ein ehrliches Porträt dieses Milieus. 

Der Film bedient nicht die typischen Klischees von Gangs in amerikanischen Filmen. Warum war dir das wichtig?
Das ist doch die Essenz vom Filmemachen. Menschliche Begegnungen mit Ehrlichkeit zu skizzieren, oder? Wenn man einen Film macht, dann hat man eine Verantwortung, ehrlich zu sein. Ich habe mit Absicht davon abgesehen, bestimmte Worte oder Sätze zu nutzen. Wenn man diesen Film sieht, hoffe ich, dass man dann zurückdenkt und sich an Charaktere erinnert, die an einen an Menschen aus dem echten Leben denken lassen.

Das Ende ist trotz der Thematik auch sehr hoffnungsvoll. Ist das eine bewusste Anspielung auf Obamas Politik und Slogan, mit dem er vor acht Jahren ins Weiße Haus zog?
Das ist interessant. Viele Zuschauer haben mich wegen des Endes angesprochen. Es ist halt sehr subtil. Ich will nämlich, dass der Film unpolitisch ist. Ich will überhaupt keine politische Sprache sprechen, nur eine menschliche.

Aber wenn du einen bestimmten Film machst, mit bestimmten Charakteren, dann wird das doch automatisch politisch? Es geht doch um Gangs, um Amerika.
Komischerweise bin ich selbst sehr unpolitisch und lasse nicht zu, dass ein Mensch mit Politik die Gespräche dominiert. Wie am Beispiel von Arkansas: Ich stimme vielleicht mit der Politik dort überein, aber als ich jung war, habe ich begriffen, dass Politik nicht der einzige Weg ist, um über Sachen nachzudenken. Das ist kein leitendes Prinzip für mich. Es ist ja sowieso schon ein Problem, dass Filme überanalysiert und überintellektualisiert werden. Dem möchte ich etwas entgegenhalten. Wenn die Gangmitglieder, die dafür gesorgt haben, dass es den Film überhaupt gibt, den Film gut finden, dann ist der Film für mich OK. Wir haben genau das gemacht, was wir wollten. Ehrlich und aufrichtig. Genau das Gegenteil von Politik!

Und doch kann man sich in Gesprächen über Amerika und mit Amerikanern das Thema Politik nicht wegdenken.  Wird es jetzt schwieriger, Künstler zu sein?
Ich lasse mich von der politischen Atmosphäre nicht beeinflussen und schon gar nicht meine kreative Leistung. Vielleicht im Unterbewusstsein. Aber was mir aufgefallen ist: Wenn es viel Unterdrückung gibt, dann gibt es auch viel kreativen Ausdruck. Wenn eine größere Gruppe unterdrückt wird, dann wird es auch entsprechende kreative Reaktionen geben. Was in Amerika teilweise vorgeht, ist doch unglaublich, fast schon lächerlich. Wir brauchen nicht darüber reden, das ist doch alles Unsinn und surreal sogar. Es ist doch einfach lächerlich, dass man überhaupt daran denken muss.

Credits


Text: Schayan Riaz
Foto: über die PR  Agentur