wie das in berlin ansässige label gmbh gerade die internationale modewelt erobert

Wir haben das Kollektiv zum ausführlichen Interview getroffen und zeigen dir exklusiv das Video zur aktuellen Kollektion.

von Alexandra Bondi de Antoni
|
22 Mai 2017, 10:00am

Es ist sehr verlockend, einen Text über das Kollektiv GmbH mit einer Ode an das Berliner Nachtleben zu beginnen. Die Mitglieder haben sich nach eigenen Angaben auf den Tanzflächen gefunden und beschlossen, gemeinsam Mode zu entwerfen. Und liest man das, was es so in den Weiten des Internets über die Gruppe zu finden gibt, kommt man schwer um die Wörter Techno, Dancefloor und Nachtleben herum. Die Faszination rund um die Partyszene der deutschen Hauptstadt zieht einfach — und auch ganz zu Recht, wie jeder weiß, der sich hier in Nachleben bewegt. "[Diese Assoziation] macht ja Sinn, wenn man in Überschriften denkt. Wenn es aber um uns und unsere Beziehung zu der Stadt geht, dann stimmen einige Dinge, die über uns geschrieben werden, so nicht. Wir wollen diese Szenen nicht ausbeuten. Alle von uns gehen aus, feiern, tanzen und hören Musik — das liegt in unserer DNA. Es ist sehr wichtig, weil wir uns alle so gefunden haben. Wir sind eine politisch bewusste Gruppe", erklären GmbH an einem Nachmittag Anfang dieses Jahres während unseres Gesprächs in ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg. Auch unsere erste Eingebung war es, die eben erwähnten Schlagwörter in die Headline zu packen, haben uns jedoch dann dagegen entschlossen, weil GmbH viel mehr als die Nachtleben-Assoziationen ist: Eine Gruppe politisch aktiver Menschen, die sich durch Mode ausdrücken und damit gerade genau den Nerv der Zeit treffen. 

Gegründet wurde GmbH von Serhat Isik und dem langjährigem i-D Contributor Benjamin Alexander Huseby vor fast genau einem Jahr. Aus der gemeinsamen Liebe für gutes Design, die Berliner Technokultur und dem Wunsch, etwas zu verändern, entstand so mit Hilfe des GmbH-Kollektivs, das sich aus einer bunten Mischung aus Kreativen zusammensetzt, die erste Kollektion — ein Jahr später folgt die Nominierung für den renommierten LVMH Preis. Wir haben GmbH zum Gespräch getroffen und mit ihnen über den Außenseiterblick auf die Berliner Partyszene, das politische Bewusstsein in ihrer Mode und die Bedeutung von Familie gesprochen. Zusätzlich freue wir uns, dir heute exklusiv den neuen GmbH-Kollektionsfilm präsentieren zu dürfen:

Ihr habt GmbH vor fast genau einem Jahr gestartet und wurdet Anfang 2017 bereits für den LMVH Preis nominiert. Habt ihr euch jemals vorstellen können, dass es so schnell geht?
Wir hatten keine genaue Vorstellung davon, wie sich das Projekt genau entwickeln würde. Wir haben das gemacht, weil wir das wollten. Alles ist so schnell passiert. Die Idee hat nicht lange gebraucht, die Umsetzung ging schnell und die Antwort war unvermittelt. Wir wussten, dass wir etwas aufbauen wollten, das repräsentativ für Berlin ist, das aber auch international funktionieren würde. Wir wollten die perfekte Umgebung und einen Ort schaffen, an dem wir kreativ sein und arbeiten können. Wir wussten, dass wir Arbeitsplätze schaffen und daraus ein Business entwickeln wollten.

Und warum war Mode die beste Art und Weise, das umzusetzen?
Weil wir uns mit Mode am besten auskennen. Wir haben nie etwas anderes gemacht.

Glaubt ihr, dass GmbH irgendwo anders als in Berlin existieren könnte?
Wir hätten es nirgendwo anders gründen können. Berlin und wir, das ist untrennbar miteinander verbunden. Unsere Attitüde wird so sehr davon geprägt, dass wir hier leben. Das hat auch ganz praktische Gründe: Wenn wir in einer anderen Stadt leben würden, wäre es viel zu teuer, etwas einfach auszuprobieren und zu schauen, ob es funktioniert. In Paris oder London hätten wir es ohne ausreichend Startkapital gar nicht erst versuchen müssen.

Als ich euch das erste Mal kontaktiert habe, habt ihr gesagt, dass ihr nicht direkt mit Berlin assoziiert werden wollt.
Nein, das haben wir so nicht gesagt. Wir achten sehr darauf, was wir sind und wie wir dargestellt werden. Wir haben es abgelehnt, nur aufgrund des Ortes mit anderen Designern zusammengepackt zu werden. Das ist, unserer Meinung nach, nicht der richtige Rahmen für uns. Aber wir sind sehr Berlin.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie die Außenwahrnehmung von Berlin ist. Leute, die nicht hier leben, denken, dass Berliner die ganze Zeit feiern.
Ja, die denken, dass wir in Berlin den ganzen Tag Party machen und nonstop harten Techno hören. Das ist nämlich überhaupt nicht so. Jeder bei GmbH arbeitet sehr hart. Natürlich haben wir auch Spaß und lassen uns von den Dingen inspirieren, die wir gelegentlich tun, wie jeder andere auch. So funktioniert aber unser Studio nicht. Wir fragen uns manchmal, ob die Leuten denken, dass wir bei GmbH jeden Tag Techno hören. Diese Idee forcieren wir zwar, aber das ist in Wahrheit gar nicht so.

Warum ist das Berliner Nachtleben für viele immer noch so mysteriös?
Weil es magisch ist. Für viele ist es nicht greifbar und bleibt so mysteriös und das sorgt für eine Art Begierde.

Macht ihr das bewusst?
In den Artikeln über GmbH liegt der Fokus oft auf der Techno-Clubszene, weil die Assoziation mit Berlin einfach ist. Und es macht ja Sinn, wenn man in Überschriften denkt. Wenn es aber um uns und unsere Beziehung zu der Stadt geht, dann stimmen einige Dinge, die über uns geschrieben werden, so nicht. Wir wollen diese Szenen nicht ausbeuten. Alle von uns gehen aus, feiern, tanzen und hören Musik — das liegt in unserer DNA. Es ist sehr wichtig, weil wir uns alle so gefunden haben. Viele von uns haben sich beim Feiern kennengelernt. Das ist also entscheidend, wer wir sind. Aber wir als Modelabel sind uns darüber bewusst, dass wir die Szene nicht ausbeuten dürfen, die wir lieben. Wir sind eine politisch bewusste Gruppe und wir nehmen das sehr ernst.

Wie übersetzt sich dieses politische Bewusstsein in eure Arbeit?
Politik definiert uns — und Berlin. Die Geschichte spiegelt sich in der Architektur, in der Einstellung, in allem wider. Das beeinflusst, wer wir sind und wie wir arbeiten. Wir versuchen, ein Bewusstsein zu schaffen, Veränderungen zu bewirken, die aktuelle Situation um uns herum zu reflektieren und eine positive Kraft zu sein. Wir stellen die Fragen, die wir für uns einfacher in Mode oder Fotografie umwandeln können. Wir casten viele arabische Menschen, die in der visuellen Kultur nicht wirklich repräsentiert sind. Besondere Anliegen von uns sind Fragen rund um Brown Identity, unser eigenes muslimisches Erbe und wie es ist, als Men of Color in Europa aufzuwachsen. Das ist ein schwieriges Thema, aber Leute wie wir sind in der Modewelt kaum sichtbar. Man muss sich nur irgendeine Werbung in Deutschland anschauen: Es ist so, als ob braune Menschen nicht existieren würden. Es ist immer die Familie mit blonden Weißen. Für ein Fashion-Shooting haben wir rund ums Kottbusser Tor gecastet. Viele der Typen haben gar nicht verstanden, warum wir sie fotografieren wollten. Sie denken, dass sie Bürger zweiter Klasse seien, und in vielerlei Hinsicht sind sie das auch. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie zu diesem Land gehören.

Was bedeutet Familie für euch?
Wir sind sehr jung weggezogen und haben unser Heimatstädte und Familien hinter uns gelassen. In Berlin haben wir in einer anderen Community unsere Familien gefunden — der Schwulencommunity, oder wie auch immer man sie nennt. Deshalb glauben wir auch, dass das Projekt so stark ist. Damit meinen wir nicht nur die mediale Aufmerksamkeit oder die Nominierung, sondern wie wir uns fühlen. Jeder von uns meint es ernst. GmbH ist das Baby der Familie. Das mag kitschig klingen, aber so ist es. Wir nennen es Familie. Wir könnten es aber auch House wie in Paris brennt nennen. Es ist nicht jeder schwul in der Familie, in unserer Firma, in unserem Kollektiv, oder wie man uns auch nennt. Wir sind eine Gemeinschaft und es geht weniger ums Individuum. Die Energie entsteht durch die Kollaboration.

Wer sind die Familienmitglieder?
Den Begriff verwenden wir lose, um die Leute, mit denen wir im Studio arbeiten, oder die unsere Fashionshows ermöglichen, zu beschreiben. Jeder hat seine Position, jeder hat sein Fachgebiet, aber alle strengen sich sehr an und stehen hinter dem, was wir tun.

Eure letzte Kollektion basiert auf dem Track "When a Thought Becomes U" von Blake Baxter. Gibt es den GmbH-Sound?
Nein, wir haben keinen GmbH-Soundtrack. Im Studio herrscht meistens stille Konzentration. Die Songs, die wir für unsere Kollektionen wählen, entspringen unseren Erinnerungen. Und haben sehr emotionale Gründe.

Erzählt uns mehr über die Hintergründe des letzten Tracks.
Das ist eigentlich ganz lustig. Das ist Benjamins Lieblings-Technotrack, den hört man so gut wie nie auf den Dancefloors. Viele DJs kennen den nicht. Nach der Entscheidung, dass die Kollektion den Namen des Tracks tragen wird, ist Serhat eingefallen, dass das der erste Track war, den er sich 2013 auf sein Telefon geladen hat. Vieles bei GmbH passiert, weil es passieren sollte. Wie der Titel schon sagt: etwas materialisiert sich und wird real. Im Text geht es natürlich um eine toxische Beziehung.

Wenn ihr träumen könnt: Wie sähe die Zukunft von GmbH aus?
Jeder ist glücklich, wird bezahlt und wir tun das, was wir gerade machen. Das ist die ideale Situation. Wir haben ein nettes Studio, vielleicht einen kleinen Garten, eine Terrasse und wir fühlen uns gut. Nicht alles bei uns dreht sich darum, cool zu sein.

@GmbH

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Ledfoto: Collage aus Filmstills
Video und Fotos: Benjamin Alexander Huseby
VHS Footage: Søren Drastrup
Edit: Gary Lafargue
Casting: Marcelo Alcaide
Haare und Make-up: Eva Dieckhoff
Kameraassistenz: Dimitri Ramazankhani and Alex Craddock
Mit Mina Hammal, Cem Duran, Marie Veierød, Sheily Pepper, Marcelo Alcaide, Tobias Lee, Serhat Isik, Gabor Szabo und Lyra Pramuk
Musik: Glimpse of Hope von Nils Bech

Tagged:
GmbH