cliteracy: sophia wallace über ihre mission, die welt über die klitoris aufzuklären

Die Fotografin und Künstlerin Sophia Wallace erklärt, warum eine Welt, in der Frauen die absolute sexuelle Erfüllung vorenthalten wird, keine gerechte sein kann.

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17 November 2015, 1:05pm

Sophia Wallace ist Fotografin und Künstlerin aus New York und möchte mit ihrem Projekt Cliteracy die Welt über die Klitoris aufklären, denn obwohl wir in einer anscheinend aufgeklärten Welt leben, lässt das weibliche Geschlechtsorgan immer noch viele ratlos dastehen. Durch ihre 100 Gesetze rund um das weibliche Lustorgan soll sich das nun ändern. Sie erklären, warum eine Welt, die Frauen die absolute sexuelle Erfüllung vorenthält, keine gerechte sein kann. „Die Klitoris ist kein Knopf, sie ist ein Eisberg", klärt sie in einem Gesetz von Cliteracy auf. Viel größer als die bislang angenommen Noppe, umfasst sie sogar eine Spanne von neun Zentimetern.

Vor drei Jahre schon startete Sophia damit, an Cliteracy zu arbeiten. Das gesamte Werk ist eine Hommage an den sensiblen und zu wenig beachteten Körperteil, dessen Stimulation für eine Mehrheit von Frauen der einzige Weg zum Höhepunkt ist. Dafür verarbeitete die Künstlerin auf diverse Weise grafische Schrift-Elemente, sprühte Klitoris-Graffitis an die Wände New Yorks, stellte verschiedene Installationen auf und baute sogar eine Art mechanischen Bullen: eine Klitoris, die man reiten kann. Wir wollten mehr über das Projekt wissen und haben der Künstlerin bei ihrem Berlinbesuch ein paar Fragen gestellt. 

Warum hast du begonnen, dich mit der Vagina auseinanderzusetzen? Wie kamst du auf Cliteracy?
Ich komme eigentlich aus der Fotografie und habe mich bislang als Kunstfotografin verstanden. Ich hab Personen abgelichtet, die irgendwas über Macht aussagen. Wie Machtverhältnisse zum Beispiel definieren, wer schön ist, wer normal ist, wessen Liebe wertvoll ist und wer aufgrund von fehlender Macht einfach komplett aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung fällt. Ich habe mich dabei auf Geschlechterrollen konzentriert. Wie ich auf Cliteracy kam, kann ich gar nicht mehr richtig sagen. Die Ursprungsfrage für mich war: Wie ist es möglich, dass das sexuelle Organ für Frauen in der Welt nicht richtig wahrgenommen wird?

Du hast dich bei der Umsetzung auf Text und sehr glatte, grafische Elemente konzentriert und damit das weibliche Geschlechtsteil komplett entsexualisiert. Warum?
Der weibliche Körper ist übersexualisiert. Egal ob in der Kunst, in der Werbung oder in der Pornografie. Trotzdem hat ein Großteil der Frauen überall auf der Welt unfassbar schlechten Sex. Das wird einfach akzeptiert. Ich wusste, ich muss ein Projekt um die Klitoris machen, aber stand am Anfang vor dem Problem, dass ich mein gewohntes Medium - also Fotografie - nicht nutzen konnte. Die Klitoris ist nämlich ein primär internes Organ. Ich habe vorwiegend Text gewählt, weil Sprache nun mal auch ein Instrument von Unterdrückung sein kann, aber auch von Bemächtigung.

Cliteracy hat aktuell 100 Gesetze. Welche sind deiner Ansicht nach die bedeutendsten oder aussagekräftigsten?

  • All bodies are entiteled to experience the pleasure they are capable of. (Alle Körper haben ein Recht darauf, die äußerte Form von Lust zu empfinden.)
  • Democracy without Cliteteracy = Phallusy. (Demokratie ohne Klitoris-Kunde ist bloß phallische Demokratie.)
  • There is no lack. (Es gibt keinen Mangel.)

Letzteres nimmt Bezug auf die Lehren von Sigmund Freud. Er hat den Begriff vom Phallus versus geschaffen. Männer haben einen Penis und dadurch Macht, sind handlungsfähig. Frauen haben einen Mangel, ein Loch zur Penetration. Da die Klitoris aber das eigentliche sexuelle Organ ist, und nicht die vaginale Öffnung, ist seine Theorie falsch. 

Wir fragen uns, warum die Welt noch immer ein Problem mit weiblicher Körperbehaarung hat.

Wie sind die Reaktionen auf das Projekt?
Der Großteil der Menschen reagiert positiv, Cliteracy wurde ganz viel im Netz geteilt. Aber es gibt auch welche, die das Projekt zensieren möchten oder es verspotten. Sie wollen sich dem Thema nicht öffnen. Die weibliche Sexualität ist für sie aus irgendeinem Grund unbehaglich. Das Extremste bisher erlebte ich in einer Universität im Süden der USA. Dort habe ich eine Klitoris-Skulptur ausgestellt. Insgesamt waren die Reaktionen dort sehr positiv, aber es gab auch einige Studenten, die mir anonym schrieben, sie wollten die Skulptur angreifen oder vergewaltigen. Das war irgendwie erschreckend. Aber ich hatte auch äußerst positive Erfahrungen. Ein Mann aus Saudi Arabien, dessen Frau ein Hijab trug und komplett verschleiert war, war von meiner Arbeit richtig begeistert. Er hat mir angeboten, Cliteracy ins Arabische zu übersetzen, weil er das Projekt so wichtig fand.  

Cliteracy und andere Projekte von dir erkunden die Vielfalt von Geschlechtern. Warum leben wir in einer Welt, in der es ein so starres Konzept von traditionellen Geschlechterrollen gibt?
Unsere gesamte Gesellschaft basiert darauf, Männer von Frauen abzuheben. Das ist auch eine Frage der Machtverteilung. Es ist aber nichts wirklich universelles. Es gibt Länder, da können zwei Männer händchenhaltend durch die Straßen ziehen, ohne dass es jemandem auffällt, oder gar was sexuelles oder romantisches aussagt. In anderen Ländern wiederum würden diese Männer sich potenziell einer Gewalttat aussetzen. In Amerika gibt es aktuell die höchste Statistik an Gewalttaten und Morden gegenüber Trans-Frauen. Ich glaube, auch das rührt aus der Idee von maskuliner Vormacht. Es ist für Männer sicher nicht einfach, ihr Privileg aufzugeben. Auch nicht, wenn es um ihren Vorrang beim Orgasmus geht. Frauen haben ein gleiches Recht auf sexuelle Erfüllung. Das müssen sie einfordern können, ohne dafür mit sozialer Scham attackiert zu werden. 

sophiawallace.com

Credits


Text: Osia Katsidou
Bilder: Sophia Wallace