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die seltenen erden des künstlers iain ball

Die Ausstellung „Rare Earth“ holt unsere globalisierte und digitalisierte Welt durch die Auseinandersetzung mit den Seltenen Erden, aus denen technologische Applikationen und Tools gebaut sind, wortwörtlich auf den Boden zurück.

von Alexandra Bondi de Antoni
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17 Februar 2015, 11:55am

Heraldry von Erick Beltrán

Nach der Steinzeit, der Bronzezeit und der Eisenzeit befinden wir uns nun im Zeitalter der Metalle der Seltenen Erden - Am Donnerstag wird die von Nadim Samman und Boris Ondreicka kuratierte Gruppenausstellung Rare Earth in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary eröffnet. 17 internationale Künstler, wie Iain Ball, Revital Cohen & Tuur Van Balen und Ai Weiwei, zeigen Arbeiten, in denen sie sich mit den 17 Metallen der Seltenen Erden (Rare Earth Elements) des Periodensystems, die sich in allen technischen Geräten des Alltags finden lassen, beschäftigen und somit in einer Welt der Überdigitalisierung wortwörtlich wieder zum Boden zurückkehren und unser sich wandelndes Verhältnis zur Erde beleuchten. Die Liste der Gegenstände, die auf Seltenmetallen basieren, ist lang. Unsere Mobiltelefone, iPods und LCD-Bildschirmen beinhalten genauso wie Waffensysteme, medizinische Technologien, wie die Kernspintomografie, hybride Fahrzeuge und Windturbinen die seltenen Erdmetalle. Eigentlich reichlich in der Natur vorzufinden ist die Gewinnung dieser Elemente schwierig und findet häufig unter ökologisch bedenklichen Umständen statt. Daher werden sie als „selten" bezeichnet.

Die kuratorische Assistentin von Rare Earth, Franziska Wildförster, traf Iain Ball vorab und sprach mit ihm über seine Arbeit mit den Seltenen Erden und seine erst kürzlich entdeckte Vorliebe für Psychedelic Trance. 

In der Ausstellung Rare Earth geht es um die Basis-Materialien, aus denen technologische Applikationen und Tools gebaut werden. Unsere heutige Welt ist globalisiert und digitalisiert - die Ausstellung will sie wieder auf den Boden zurückholen. Wie passt diese Idee zu deiner Arbeit?
ENERGY : PANGEA ist ein Researchprojekt, das ich 2010 gestartet habe und das 2011 ein kontinuierliches Skulpturenprojekt ins Leben gerufen hat: RARE EARTH SCULPTURES. Skulptur ist hier im weitesten Sinne als Verflechtungen zwischen Objekten bzw. die Art und Weise, wie diese Objekte netzwerkartig oder skulptural miteinander in Verbindung stehen, zu sehen. Diese Verbindungen können durch die Umgebung oder durch das Bewusstsein stattfinden. Die Arbeiten hinterfragen, wie wir durch technologische Entwicklungen, die wir aus der Erde enthalten, in Verbindung mit der Welt stehen. Ich arbeite mich langsam aber sicher durch die Liste der Elemente der Seltenen Erden (Rare Earth Elements). Angefangen habe ich 2011 mit Neodymium.

Was fasziniert dich daran?
Seltene Erden sind aus unterschiedlichen Gründen sehr interessant. Sie haben etwas sehr Alchemistisches oder Okkultes, sogar Homöopathisches an sich - also etwas leicht Verrücktes, Pseudowissenschaftliches oder Unmodernes. Seltene Erden sind erst seit Kurzem für technologische Entwicklungen und Wissenschaft wichtig. Sie scheinen viel unentdecktes Potential in sich zu tragen. Den Gedanken, dass diese Rohstoffe in Zukunft neue Anwendungen finden können, finde ich sehr spannend. Gleichzeitig versuche ich ihre Bedeutungen in meinen Skulpturen zu verzerren, zu verschieben und zu verändern. Das heißt, dass das, was ich skulpturales System nenne, im Grunde Komplexität erkundet, deren spezielle Folgen wir nicht ganz verstehen können - was wir tun und die Technologien, die wir verwenden, und welche Folgen dies für die Erde hat.

Was bedeutet Energy Pangea?
Die beiden Worte bilden zusammen eine Art Behauptung über unseren gegenwärtigen Augenblick. Ich meine damit das Anthropozän - von dem massiven Einfluss der Menschen auf den Planeten definiert - und einem starken Bewusstsein unserer geologischen Ära. Begriffe wie Global Village aus den 1990er Jahren schienen veraltet, Pangea dagegen kommt aus dem Altertum. Es gibt auch eine kanadische Oel-und Gasfirma, die Pangea Energy heisst, und ich wollte unter derselben Fahne, derselben Ästhetik und Sprache wie diese Art von Unternehmen arbeiten. Zusätzlich ist alles Energie - die Idee, dass wir alle ein einziges Bewusstsein haben, hängt mit dem gegenwärtigen Hype der Singularität zusammen. Energy Pangea scheint also als passender Überbegriff innerhalb dieser Bedingungen zu arbeiten.

Neodymium von Iain Ball 

New-Age-Phänomene, wie Yoga, Ying und Yang oder Heilende Steine, gepaart mit Hyper-Konsumerismus und Individualität sind in deinen Arbeiten sehr präsent. Kannst du mehr über die Bedeutung des kleinen Maitreya-Sonnenkreuzes und seinen Bezug zu dem bärtigen Drachen in deiner Arbeit Neodymium erzählen?
Die New-Age-Bewegung ist in vielerlei Hinsicht ausbeuterisch und problematisch, da es sich östlicher Ideen bedient und diese in Waren für Leute, die die Authentizität des Nicht-Westlichen suchen, umformt. Das kleine Maitreya-Sonnenkreuz ist ein Objekt, das ich in Glastonbury gekauft habe und das auf dem Design des tibetischen Varja-Kreuzes basiert. Dessen Form wurde übernommen und in eine Luxusware des New-Age-Kults in eine High-End-Produktlinie namens The Church of Shambhala/Shambhala Healing Tools aus Kalifornien verwandelt. Das Sonnenkreuz besteht aus Neodymium-Magneten, Gold, Kupfer und im Labor gewachsenem Quarz. Es nimmt auf die heilige Geometrie des Metatronwürfels Bezug und stellt die Sonne als männlichen Schöpfer und Lebensspender dar. Es war wirklich teuer und hat etwa 600 Pfund gekostet. Normalerweise kaufen es wohlhabende Leute, die sich erhoffen, dass das Objekt Energie für sie umwandelt.

Neodymium ist ein skulpturales System, das versucht, eine Geschichte über unseren evolutionären Link mit dem Reptiliengehirn zu erzählen - den Kampf- oder Fluchtreflex, Vertrauen in die Sonne, und die Aussicht/Perspektive, gleichzeitig gegen sie zu rebellieren. Das reptilische Stammhirn, das Amygdala, verbindet uns evolutionär mit Reptilien und die Zirbeldrüse am Ende der Wirbelsäule des Menschen hat evolutionäre Gemeinsamkeiten mit dem Parietalauge von Reptilien. Beide regulieren den Schlaf-Wach-Rhythmus. Der von mir produzierte Soundtrack folgt der Idee von Carl Jung, dass Drumbeats die Schwelle des Bewusstseins senken und das dritte Auge öffnen. Man kann die Skulptur also als sehr speziell eingefärbten Gedankenraum für unsere Beziehung zu Mineralien, der Sonne und der evolutionären Geschichte unserer Gehirne sehen.

In vielen deiner Werke scheint ein Spannungsfeld zwischen neuen Glaubenssystemen, dem Verlust von Raum und Identität und möglicher Veränderung und einer Zukunft innerhalb des Hyper-Konsumerismus zu herrschen. Ich denke zum Beispiel an Those Men In Fruit / A SILENT Tremble, 2009.
Wenn ich Attrappen, Gimmicks, Täuschungen, neoliberalen Wahnsinn und falschen Glauben präsentiere, die sich materiell in der Gestalt von technologischen und kulturellen Erfindungen zeigen, denke ich, dass diese Strukturen im Metaphysischen interessant sind und von einer Art Neo-Animismus zeugen. Entfremdung heißt nicht automatisch Ende und ich denke, dass neue Innovationen Teil eines großen Ganzen sind. Meine Arbeiten bewegen sich in diesem dunklen Platz.

In Those Men In Fruit / A SILENT Tremble habe ich einen Konferenzraum gemietet und fünf angestellte Männer in Anzügen und 3D-Kinobrillen schweigend darin sitzen lassen, während im Hintergrund die BBC-Serie Planet Erde lautlos lief. Es ist entfremdet, in einem totalen Nicht-Ort, aber gleichzeitig zeugt die Szene von einem gewissen Schmerz, Schönheit, Einigkeit und Identität. Ich glaube, die Geschäftsmänner befinden sich scheinbar kurz vor dem Selbstmord und entdecken dann plötzlich ihr Potential: Sie erreichen die ultimative Krise, um dann wie der Phönix aus der Asche aufzusteigen.

Woran arbeitest du gerade?
Ich höre seit Kurzem eine Menge Dark-Forest-Psytrance und arbeite an einer Skulptur, die in einen Trinkrucksack passt. Sie ist wie eine seltsame Alientech-Drone festgeschnallt. Der Psytrance ermöglicht es mir, einen neuen ästhetischen Raum zu betreten. Die Ästhetik um Psytrance in den Mixes auf YouTube oder Facebook ist ziemlich interessant - die Mode ist widerlich, aber irgendwie steh' ich drauf. Das ist Teil eines größeren Projekts über das Element Terbium. Mir gefällt die Idee, Terbium und dunklen Psytrance zusammenzubringen. Ich habe auch eine Sammlung von hunderten Bildern der französischen Verschwörungstheorie- und Pseudowissenschafts-Website Eden Saga. Ich werde sehen, wo mich das hinbringt.

Die Ausstellung Rare Earth ist von 19.02. - 31.05.2015 in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Wien zu sehen.

@Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Interview: Franziska Wildförster 
Bilder: Thyssen-Bornemisza Art Contemporary