the xx über fehler, entzug, die (beinahe) bandauflösung und den wert von freundschaft

Romy, Oliver und Jamie haben in den letzten vier Jahren gelebt, geliebt und ihre inneren Dämonen konfrontiert — und das alles in ihr neues Album „I See You“ gepackt. Wir haben sie zum Interview getroffen.

von Amelia Abraham
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13 März 2017, 11:23am

Als das britische Trio The xx sein gleichnamiges Debütalbum vor acht Jahren veröffentlicht hat, haben die drei wohl nicht erwartet, dass sie einen Mercury Award dafür erhalten, auf Platz eins der britischen Albumcharts landen und Leute wie Jay Z und Madonna zu Gästen bei ihren Konzerten zähen würden. Oliver Sim, Jamie Smoth und Romy Madley Croft waren gerade mal 20, ein Trio aus Introvertierten, als sie auf einmal unter der Beobachtung der Pop-Größen standen, was nicht einfach gewesen sei: „Ich glaube, unsere Verschlossenheit kam daher, weil wir schüchterner sind als die meisten Popstars", sagt Oliver zurückblickend. „Das hatte teilweise mit unserem Alter zu tun, aber auch mit dem Selbstvertrauen. Wir haben jetzt das Gefühl, dass wir mehr mitteilen wollen. Wir haben das Gefühl, dass wir offenherziger geworden sind."

Die neugefundene Offenheit ist auch vielleicht der Grund, warum sich unser Gespräch, das Anfang Januar im Büro ihres Musiklabels stattgefunden hat, mehr als eine Gruppentherapie anfühlt als ein normales Interview. Wir sprechen natürlich über ihr neues Album, das hochgelobte I See You, eine Platte geprägt mit ihrem bekannten emotionalen Minimalismus, die die Zuhörer aber auch in bisher unbekannte Territorien entführt. Die Band sitzt eng beieinander, keiner wirkt noch von den Silvesterfeierlichkeiten angegriffe; Jamie hat Silvester in einem Pub mit Dschungel-Mottoparty verbracht, Romy hat sich zu Hause in London mit ihrer Freundin verlobt, der Designerin und Künstlerin Hannah Mashall, und Oliver hat mit Freunden außerhalb von London sein einjähriges Jubiläum gefeiert, seit einem Jahr ist er trocken. Ein relativ ruhiger Start ins Jahr 2017. Ein Zeichen, nach ihrer eigenen Einschätzung, dass sie älter werden.

Erwachsenwerden ist eines der zentralen Themen auf I See You, ein Album, das Oliver als Ode an „das Ende einer Party" beschreibt, und das, wie jede wirklich gute Party, die euphorischen Hochs und die epischen Tiefs, nachzeichnet. Die Hochs beschreiben das Gefühl jugendlicher Leichtigkeit, der Moment, in dem man das Gefühl hat, dass einem die Welt offensteht. In den emotionaleren Teilen des Albums geht es darum, was der Erfolg der Band für ihre Freundschaft bedeutet hat. Nach der Tour für ihr letztes Album Coexist war auch die Band fast Geschichte. Ein Mix aus einem eng getakteten Tourplan und den Problemen, die entstehen, wenn man erwachsen wird, hat die Band extrem herausgefordert und an den Rand der Trennung gebracht. „Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass wir uns trennen wollten", erinnert sich Jamie. „Ich will mich nie wieder so fühlen müssen."

Romy und Oliver sind in Londons Südwesten aufgewachsen und kennen sich, seitdem sie Kinder waren. Sie sind auf die Elliott School in Putney gegangen, wo sie Jamie kennengelernt haben (auf dieselbe Schule wie bei Burial & Four Tet). Romy und Oliver haben die Band 2005 gegründet. Sie an der Gitarre und Vocals und er am Bass, Vocals und am Keyboard. Jamie kam ein Jahr später dazu und war für die Produktion zuständig. Nach Jahren in Pubs und kleinen Gigs hat sie das britische Indie-Label Young Turks unter Vertrag genommen und 2009 ihr Debütalbum xx veröffentlicht. Eindringlich und minimal, Indie- und Elektrofans gleichermaßen waren begeistert. 2012 ist Coexist erschienen. 2013 haben sie an Night + Day gearbeitet, eine Minifestival-Reihe mit Bands wie London Grammar und Kindness. Zu der Zeit sind innerhalb der Band die ersten Spannungen aufgetreten.

„Eine Weile haben wir uns nicht gesehen", sagt Romy und sitzt zwischen Jamie und Oliver in ihrem typischen Look aus schwarzen Jeans und schwarzen T-Shirt. „Das lag zum einen an den Entfernungen, wir waren auf verschiedenen Erdteilen, aber ich meine das auch emotional. Wenn man so viel Zeit mit Personen verbringt, blickt man durch sie hindurch." Der Albumtitel I See You beziehe sich auf die neugefundene Klarheit der Freundschaft zwischen den drei. Der Name stammt aus dem Velvet-Underground-Song „I'll Be Your Mirror" und war Olivers Idee. „Als Oliver das vorgeschlagen hat, haben wir alle zugestimmt. Es steht für den Wert von Freunden, sie sind wie Spiegel. Sie spiegeln die Dinge wider, die man selbst gar nicht sehen kann, sie reflektieren Gutes und Schlechtes", sagt Romy. „Das war der Zeitpunkt, als wir für das Album wieder zusammengefunden haben. Unsere Freundschaft hatte sich verändert."

Für Jamie hat ihr emotionales Wachsen damit zu tun, dass sie ihre Komfortzonen verlassen hätten, als sie im März 2014 eine kleinere Gigs in der New Yorker Armory gespielt haben. Sie haben pro Abend drei Konzerte für jeweils 40 Zuschauer gegeben. Die Tickets waren schnell ausverkauft und Promis wie Björk, Alicia Keys und Beyoncé standen in der ersten Reihe. „Ich weiß nicht, was nervenaufreibender war: dass Beyoncé schon vor Konzertbeginn kam oder sie während des Konzerts im Publikum zu sehen", sagt Romy lachend. Die Konzerte in der Armory markieren das Ende von Coexist und der Anfang von I See You. „Alles hat zu diesen Konzerten geführt. Wir hatten gelernt, auf großen Bühnen zu spielen und waren auch echt gut darin. Deshalb haben wir dann das genaue Gegenteil gemacht und sehr intime Konzerte gegeben, das war auf eine ganz andere Weise einschüchternd."

Die Arbeit an I See You hat viereinhalb Jahre gedauert, weil jeder in der Zwischenzeit mit seinen eigenen Projekten beschäftigt war. Romy hat in L.A. kommerzielles Songwriting studiert, Oliver hat für Dior gemodelt und „einige Dinge nachgeholt" und Jamie hat sein fantastisches Soloalbum In Colour veröffentlicht, das 2015 unter seinem Künstlernamen Jamie xx erschienen ist. „Mit der Band wollten wir immer alles live spielen und deshalb war es der Sound so minimal", sagt Jamie. „Diese Einschränkung bei In Colour nicht zu haben, hat mir im Studio für I See You den nötigen Freiraum gegeben. Wir haben mit jedem Song herumgespielt und uns Gedanken darüber gemacht, wie wir ihn später live spielen. Das war ein befreiendes Gefühl."

Die Parallelen zwischen Jamies Soloalbum und I See You sind am sichtbarsten in den unerwarteten Samples: Hall & Oates in der Single „On Hold", die Alessi Brothers in „Say Something Loving" (eine Zusammenarbeit mit Stella Mozgawa von Warpaint) und ein Drake-Sample in „Naïve". Nach In Colour hat Jamie selbstbewusster mit den Lyrics von Romy und Oliver experimentiert. Zum ersten Mal überhaupt haben die beiden die Texte für I See You im persönlichen Anblick geschrieben, anstatt per E-Mail. „Wir fanden es immer etwas schräg, die Seele vor dem eigenen Freund zu offenbaren", erklärt Romy und schaut Oliver scheu an. „Es hat eine Weile gebraucht, um verletzbar zu sein."

Verletzbar ist ein gutes Wort, um I See You zu beschreiben. Das Album ist nach xx und Coexist zwar keine ganz neue Richtung, aber ein Dokument einer neuen Ära der emotionalen Offenheit und Ehrlichkeit für die Band. In „Test Me" geht es um Romys Gefühle der Entfremdung zwischen hier und Oliver. „Just take it on me / It's easier than saying what you mean", singt sie. „Tell me this time you've changed." „Brave For You" ist ein emotionaler Song mit 80er-Vibes. Es ist der erste Song, den Romy über den Tod ihrer Eltern geschrieben hat. In „Replica" geht es um Olivers ehemalige Laster: „Ich habe einen Großteil meiner Zwanziger auf der Überholspur verbracht und haben viel gefeiert. Ich bin einfach nur vor Sachen weggelaufen und habe mich mit nichts richtig auseinandergesetzt. Ich bin Anfang 2016 auf Entzug gegangen und habe in den letzten Jahren viel in mich hineingehört. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu reden, aber ich bin auch so stolz darauf und möchte das teilen. Ich weiß nur nicht wie. Es ist fast so, als ob es einfacher wäre, darüber einen Song zu schreiben, als es in einem Gespräch zu erwähnen."

Auch wenn die Themen manchmal ernster sind, ist I See You am Ende ein positives Album. Das merkt man schon beim ersten Song „Dangerous", ein von Dancehall inspirierter Track, in de auch der auffällige Horn-Sound von Jamie zu hören ist. „A Violet Noise" ist eine eingängige House-Nummer und die Single „On Hold" dürfte aber ohne Zweifel zum Song des Sommers werden und ist ein perfektes Beispiel dafür, wie geschickt Jamie in seiner Produktion mit den Stimmen von Romy und Oliver umgeht. Ohne Frage dürfte es auch mit den clubtauglichsten Songs auf I See You gehören. „Ein paar Songs stecken voller Energie", erklärt er uns zum Abschluss und grinst. „Ich hoffe, dass das Album widerspiegelt, wie wir uns fühlen. Wir haben viel durchgemacht, aber wir sind auf der ganzen Seite angekommen."

Hier findest du alles aus unserer The Family Values Issue.

Credits


Text: Amelia Abraham
Fotos: Alasdair McLellan 
Styling: Ellie Grace Cumming
Haare: Mark Hampton / Julian Watson Agency
Make-up: Frankie Boyd / Tim Howard Management
Fotoassistenz: Lex Kembery, Matt Healy, Simon Mackinlay
Retouching: Output London

Vielen Dank an Terry Hack bei Bayeux Ltd.