Wenn man in den Neunzigern in Berlin lebt und keinen Techno mag...

... gründet man ein Magazin, das sich mit dem Berliner Underground abseits von Raves beschäftigt. Im Interview mit "Style & the Family Tunes"-Gründerin Cathy Boom.

von Alexandra Bondi de Antoni; Fotos von Bilder via Style Mag
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25 September 2015, 11:55am

peaches fotografiert von Henrike Stahl

"i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

"Ich muss dir gleich sagen, dass ich mit Techno nicht so viel am Hut hatte. Die Style stand vor allem für HipHop und alles andere, was in Berlin passierte", sagt mir Cathy Boom, als wir uns zum ersten Mal am Telefon hören. "Für uns gab es in Berlin viel mehr als diese geraden Beats. Uns ging es darum, unsere Stadt zu zeigen", sagt sie weiter. Und genau das ist es auch, was Style & the Family Tunes außergewöhnlich gut über Jahre hinweg machte.


Auch auf i-D: Wir waren in der Underground-Szene Moskaus unterwegs


1994 erschien unter der Leitung von Cathy zusammen mit Christian Tjaben und JayBo Monk die erste Ausgabe. In einem Berlin, das von Techno geprägt war, schauten sie über den Tellerrand hinaus und zeigten den Aufbruch einer neuen Generation von Kreativen nach dem Mauerfall hinein in eine neue (vielleicht bessere) Welt. Ganz nach dem DIY-Prinzip inszenierten sie aufwendige Modeproduktionen, die Seiten waren mit den Hauptakteuren der Musik-, Kunst- und Clubszene gefüllt und mit der Style-Ästhetik prägten sie die deutschen Neunziger wie kaum ein anderes Magazin. "Zu dieser Zeit existierte in Deutschland kein anderes Magazin, das vergleichbar gewesen wäre. In London gab es i-D, aber auf dem deutschen Markt war Style das einzige Magazin, das wirklich fast forward war. (...) Ihr konntet in einer neuen Lebenssituation einer Generation, die noch kein Bild von sich hatte, ein Gesicht geben", sinniert Andreas Mühe, langjähriger Contributor und freier Fotograf, über den Einfluss von Style & the Family Tunes.

17 Jahre und 130 Ausgaben später wurde die Printausgabe eingestellt. Vor Kurzem erschien nun der Bildband Style & the Family Tunes - The Book, in dem die spannendsten Fotografien zusammen mit Texten und Interviews von ehemaligen Mitarbeitern zusammengefasst wurden. Wir haben Cathy ein paar Fragen zum Berlin der Neunziger abseits des Technos gestellt und zeigen euch unsere liebsten Style-Archiv-Bilder.

von Hadely Hudson

Warum hast du dich damals dazu entschlossen, das Magazin zu gründen?
Es gab in Deutschland einfach kein Magazin, welches wir selber gerne lesen wollten, welches unsere Ästhetik und unser Lebensgefühl aufgriff. Und deshalb haben wir einfach selber ein Magazin gemacht - ganz im Sinnes des 90er DIY. Dafür war Berlin der perfekte Nährboden, hier schien alles möglich - die Grenzen waren offen, die Stadt und der Kopf waren frei.

Wie kann man sich den allgemeinen Vibe im Berlin der Neunziger vorstellen?
Die Stadt Berlin war im besten Sinne unfertig. Alles hat gerade erst Form angenommen, nichts war festgelegt, wie in anderen Metropolen. Das war großartig, es gab einfach ungeahnte Möglichkeiten, ohne sich darüber einen Kopf zu machen, ob etwas machbar ist oder nicht. Einfach machen, war die Devise. Alles schien möglich.

von Frank Grimm

Wie wurde das Magazin aufgenommen. Damals war doch ziemlich alles Techno?
Berlin stand in den 90ern hauptsächlich für Techno, das stimmt. Es gab aber um den Club Boogaloo eine sehr aktive HipHop-Community - dort spielten in den 90ern Bands wie The Poor Righteous Teachers, The Pharcyde und The Roots vor kleinem Publikum. HipHop war noch Underground. „Style and the Family Tunes" stand am Anfang sicher für Funk, Soul, HipHop und dann Drum & Bass. Also für die ungeraden Beats. Über die Jahre hat sich die Musiklandschaft aber so verändert, dass sich unsere Musikredaktion auch elektronischer Musik gegenüber geöffnet hat. Es ging um ein Lebensgefühl, welches auch durch Musik ausgedrückt wird. Das verändert sich natürlich mit der Zeit. Überhaupt ist das Denken in festgefahrenen Kategorien ziemlich langweilig. Das haben wir bei der Style immer versucht zu vermeiden.

von Ronald Dick

Wie erklärst du dir, dass die Styles aus genau dieser Zeit nun stärker als jemals zuvor wieder ihren Weg in die aktuellen Kollektionen finden?
Da alle in Zyklen arbeiten, ist das nur logisch. Ich bin darüber nicht erstaunt. Grundsätzlich darf man sich meiner Meinung nach in jeder Epoche Inspiration holen und diese auch zitieren, wichtig ist dabei nur, dass man es neu kombiniert - sonst ist es tot und nicht zeitgemäß. 2015 ist ja nicht 1995.

von Henrique Gendre

Kannst du dich an dein erstes Shooting erinnern?
Da gibt es mehrere Erinnerungen. Eines der ersten Shootings war in Wien und wir haben mit Astrid Grosser an sehr jungen Modellen Ballkleider mit T-Shirts kombiniert auf der Straße fotografiert. Man darf nicht vergessen, dass das 1995 war. Damals war diese Herangehensweise völlig neu. Alles war Guerilla: wir sind einfach mit den Kleidern und dem Team durch Wien gezogen und haben Bilder gemacht. Mit Alexander Gnädinger habe ich vor dem Haus des Lehrers am Alexander Platz Schuhe auf Skateboards fotografiert - Architektur, Still- und Modefotografie gemixt. Wenn ich dort heute entlangfahre, denke ich immer wieder daran, wie wir auf dem Boden lagen und die Schuhe auf dem Skateboard befestigt haben, dieses dann vorsichtig rollten und wir die Bilder machten. Stundenlang....nur er und ich.

von Michael Mann

Warum hast du dich dazu entschlossen, gerade jetzt das Buch zu veröffentlichen?
Wir haben 130 Ausgaben des Magazins gemacht, deshalb erschien es uns als eine schöne Würdigung all der kreativen Arbeit, die über 17 Jahre von so vielen Mitstreitern geleistet wurde, in einem Buch zusammenzufassen. 2011 haben wir das Print Magazin eingestellt - vier Jahre später ist der Blick zurück frei. So konnten wir im Editing etwas Neues entstehen lassen. Das war mir wichtig. Die Devise war, retroaktiv an das Projekt heranzugehen.

„Style & the Family Tunes - The Book" ist bei Hatje Cantz erschienen und im Handel erhältlich.

@stylemag

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

In Kooperation mit Converse.

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