wie ein belgischer designer (mal wieder) die französische mode aufrüttelt

In Paris passiert was. War die französische Hauptstadt lange für ihre Couturehäuser bekannt, machen immer mehr junge Designer auf sich aufmerksam, die die alten Traditionen durchbrechen – allen voran natürlich Vetements und Jacquemus. Die Lobeshymnen...

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Dez. 7 2015, 8:50am

Es gibt Designer, deren Einfluss eine scheinbar niemals endende Wirkungskraft besitzt. Martin Margiela ist so einer. Mit entarteter Schneiderkunst, Luxus-Recycling und Dekonstruktion hat der belgische Designer die Mode maßgeblich und nachhaltig geprägt. Während sein eigenes Maison (Margiela) mittlerweile von John Galliano neu definiert wird, nimmt sich eine Garde junger Designer seiner ursprünglichen Stilattribute an. Neben dem vielbesprochenen Kollektiv Vêtements, macht sich in Paris gerade noch ein anderes Label einen Namen: Y/Project und dessen Designer Glenn Martens. Zwei Namen, die du dir merken solltest, um zu wissen, worüber die Modewelt 2016 reden wird. 

Der Designer hinter Y/Project Glenn Martens entstammt der modischen Talentschmiede in Antwerpen, der Königlichen Akademie der Schönen Künste. Der Zufall machte ihn dort zum Modedesigner. Eigentlich studierte er nämlich Innenarchitektur. Nach dem Abschluss mit 21 Jahren besuchte er die Akademie in Antwerpen nur, um sich ihre Architektur anzuschauen. Mit „einem Portfolio voller Stühle und ohne nähen zu können", wie er erzählt, hat er sich dann kurzerhand noch fürs Modestudium beworben. „Ich dachte, das könnte interessant sein." Man kann nur erahnen, wie großartig seine Stühle gewesen sein müssen, denn einer von 80 Plätzen, auf die insgesamt 400 Bewerber kamen, ging an Martens. Vier Jahre und nochmal weitere Auswahlprozesse später, blieb er 2008 als einer von 16 Designern übrig, die ihre Masterkollektion erfolgreich präsentierten. Anschließend sammelte Martens Erfahrungen bei Jean Paul Gauliter (dem Couturier), Weekday (der Kommerzkette) und Bruno Pieters (dem Nachhaltigen). Seit 2013 verantwortet er nun die tragbar-schrägen Entwürfe von Y/Project.

Y/Project gibt es schon seit 2010. Dessen Gründer Yohan Serfaty entwarf damals noch ausschließlich Männermode, die ganz im Rick-Owens-Stil eher düster war. 2013 erlag Serfaty seiner Krebserkrankung und Glenn Martens, der dem Designer mit marokkanischen Wurzeln zuvor assistiert hatte, übernahm die kreative Leitung. Aus Yohan Serfaty wurde Y/Project. Die erste Kollektion von Martens war sehr von den Archiven des Hauses inspiriert. Erst in den darauffolgenden Entwürfen befreite er sich langsam von der Schwermut seines Vorgängers - hin zu Experimenten in Schnitt und Konstruktion mit immer absolut tragbarem Ergebnis. 

Unter Martens Leitung wurde das Label dann auch um eine Damenkollektion erweitert. Die Geschlechtergrenzen beider Linien mögen zwar recht fließend sein, von geschlechtsneutraler Mode möchte der Designer aber trotzdem nicht sprechen. Er entwirft in erster Linie klar erkennbar Mode für Männer und Mode für Frauen, die er als großes Ganzes betrachtet. Es ist ihm jedoch egal, wer am Ende welche Stücke anziehen möchte. „Knapp 20 Prozent der Herrenkollektionen von Y/Project werden von Frauen angezogen", weiß Martens. Attitüde kommt vor Geschlecht. Stereotypen mag er nicht. Man sollte lieber tragen, was man will, wie man will und wo man will. 

Und tatsächlich, ein bisschen schizophren muten sie schon an, der Y/Project-Mann und die Y/Project-Frau. Er könnte ein Businesstyp am Tag und Raver in der Nacht sein. Sie befindet sich irgendwo zwischen Powerfrau und verruchtem Party-Girl, oder um es konkret in Bezug auf die Kollektion Frühjahr/Sommer 2016 zu sagen: zwischen Mädchen von der Straße, Achtzigerjahre-Karrieretyp und texanischer Schönheitskönigin mit Föhnfrisur. Bedeutet modisch gesprochen: dekonstruierte Baggypants mit Gucklöchern und Blousons mit XL-Ärmeln, selbstbewusst übergroße Blazer, Nadelstreifenhosen und Trenchcoats, zerpflückte Seidentops und Abendkleider sowie gewollt kitschig gerüschte Blusen. Alles irgendwo zwischen Futurismus und Nostalgie, zwischen Trash und Romantik. Darin kann man sich die elegante Französin hervorragend vorstellen, non? Es dürfte die Mode in Paris in den kommenden Saisons auf jeden Fall interessanter machen.

yproject.fr

Credits


Text: Lisa Riehl 
Bilder via YProject