Im Gespräch mit Westbam

Wir haben den Urvater des deutschen Technos zum Interview getroffen.

von i-D Staff
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05 Oktober 2015, 2:05pm

Sven Vaeth und Westbam

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

Es ist kurz vor 17.01 Uhr, als ich vor der Studiotür von Westbam in Berlin Mitte stehe und nach dem richtigen Klingelschild suche. Was ein Westbam wohl auf das Klingelschild seiner Studiotür schreibt? Mr. X wäre ganz witzig, finde ich. Aber ich komme nicht mehr dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, weil mich Sekunden später sein leicht echauffierter Manager Jürgen Laarmann anruft: „Max hat mich gerade angerufen. Er will wissen, wo du steckst." OK, das ging schnell, Maximilian Lenz, wie Westfalia Bambaata, also Westbam, mit vollem Namen heißt ist also nicht nur der klügste, sondern auch Deutschlands pünktlichster DJ, und er hat überhaupt kein Klingelschild — hätte ich mir denken können.

„Willkommen im Underground!", Westbam grinst mich mit den Augen eines zwanzigjährigen Filous an, als wir in sein Kellerstudio gehen, alleine über diesen Begrüßungssatz aus diesem Munde könnte ganz unproblematisch einen Hundertseiter schreiben. Westbam hat den Underground in über zwanzig Jahren deutscher Technogeschichte erfunden, verraten und redefiniert — wir gehen aber nur kurz in den Untergrund, Westbam muss den Akku für sein E-Bike aus dem Studio holen. Für das Interview ziehen wir weiter in die Cocktailbar nebenan und bestellen uns erst einmal zwei Mojitos.

Habt ihr mit der „Ravenden Gesellschaft", eurer Love Parade, eurer Musik die Gesellschaft verändert?
Verändern ist in dem Zusammenhang ein vielleicht zu großes Wort. Ich hatte ein paar Ideen, die sich zur jeweiligen Zeit als nützlich erwiesen haben. Die politischen Umstände haben dabei geholfen, dass die Musik, die ich mag, sich so etablieren konnte. Dieser ganze größenwahnsinnige Sound der 90er, das kam mir sehr entgegen. Ohne den Mauerfall hätte ich mit Sicherheit nicht so viel Erfolg gehabt, aber gesellschaftliche Entwicklung hat uns auch inspiriert: Eine Bewegung wie die „Ravende Gesellschaft" hätte man sich niemals ausgedacht sonst, einen Song wie „Somewhere Over The Rainbow" hätte es ohne den Mauerfall nie gegeben. Was sich in dieser Zeit sehr schnell geändert hat, ist das Selbstverständnis von Deutschen und auch die internationale Wahrnehmung des Landes. Welche Demonstration hat das Bewusstein durch Bilder und Gefühle mehr verändert als diese Loveparade? Irgendwann haben Leute festgestellt, dass die Deutschen das beliebteste Volk der Welt sind! Ohne die Loveparade wäre das nicht passiert. Das Bild, das die Welt in den 90er-Jahren von Deutschland hatte, war nicht mehr direkt mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpft, es war die Loveparade.

Aber es ist schon eher so, dass die Gesellschaft umgekehrt mich als Künstler entdeckt hat. Die Gesellschaft findet immer den Künstler, der gerade zu ihr passt und gut für sie ist, in dem sie sich und ihr Lebensgefühl spiegeln kann. In den Nuller Jahren hat alles, wofür ich gestanden habe, mich zur Persona Non Grata gemacht. Und womit hat das zu tun? Weil in New York irgendwelche Twin Towers zusammengeballert wurden. Und als Künstler stehst du dann plötzlich ganz anders da, weil du für die falschen Dinge stehst.

Minimal hat also auch mit 9/11 zu tun?
Die Gesellschaft hat nach dem Attentat gesagt: „Nee, jetzt sind wir schockiert." Wir, die wir immer dachten, wir bomben den Leuten das Glück herbei mit unseren Smart Bombs, alle lieben uns dafür … Aber die lieben uns nicht, die hassen uns. Das gesellschaftliche Motto war plötzlich „Ball flach halten. Die wollen nichts von uns und wir auch lieber nichts von denen." Wir gehen in einen Club, da sind wir unter uns und die Musik ist eher unaufdringlich, das ist ein romantisches Bedürfnis. Das, was später Minimal genannt wurde, gab es natürlich vorher auch schon, aber damals wurde das eben in der dritten, vierten After Hour gespielt, nicht zur Peak Time.

Improvisation und Größenwahn sind in Berlin gerade nicht mehr so angesagt. Fühlst du dich trotzdem noch wohl in dieser Stadt?
Ja, Berlin never ceases to amaze me. Das Nachtleben ist ja zumindest in der Mainstream-Wahrnehmung immer noch wie früher, die Bretterbuden und all das wirken immer noch improvisiert — aber, soweit ich das beurteilen kann, sind die ganzen Läden heute, die Berghains und Katers dieser Stadt eine professionalisierte Fortsetzung von dem, was damals hier in den 80ern und 90ern passierte. Wenn du heute im Berghain den Wasserhahn aufdrehst, kommt da eben auch ordentlich Wasser raus, das war früher ein bisschen anders. Damals hat im Nachtleben niemand Geld verdient, die waren alle zu verpeilt. Wenn damals wieder jemand ein Restaurant aufgemacht hat, klappte überhaupt nichts: Das Essen kam nicht, weil auf einmal kein Koch da war, dann war wieder die Kasse weg … das ist heute eben doch alles besser gemacht und solider. Man pflegt auch gute Kontakte zur Stadt. Früher im Planet haben sich die Veranstalter noch den Strom vom E-Werk geklaut.

Auch das Publikum hat sich verändert, die Türsteher haben einfach einen viel größeren Pool von Leuten, aus dem sie auswählen können. Aus der ganzen Welt kommen Leute angereist und wollen Teil der Szene sein. Damals war das alles nicht so schön anzusehen, was ich natürlich cooler fand, es war noch nicht so klar definierbar, was Pop ist und was Underground.

Und diese Szene gibt es heute nicht mehr?
In Neukölln gibt es dieses Improvisierte vielleicht heute noch, da gibt es Clubs, die du nur über eine Strickleiter hinter der Dönerbude erreichst. Ich dachte zwischendurch wirklich, es gäbe heute nur noch diese hybride Form von Berghain und Watergate und Berlin-Mitte-Boys, die die Zeit von damals nachspielen. Aber nein, dieses verpeilte Berlin gibt es in ein paar Nischen immer noch. Komische Läden, Loser-Veranstalter, seltsames Publikum, das da rumstolpert. Die Gäste machen da auch keine Show draus für andere, sondern sie sind unter sich, manche haben einen lustigen Hut auf, einfach so—geil! Das ist tatsächlich noch Underground, das ist kein Echo, da ist lebendig. Das ist es, was ich damals toll fand.

Das ganze Interview kannst du bald auf Thump nachlesen.

@westbam

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Credits


Text: Andreas Meixenberger
Fotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org
In Kooperation mit Converse.

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