was bedeutet es 2016 eigentlich noch, feministin zu sein?

Kann man überhaupt noch von Feminismus sprechen, wenn er anschließend klickbringend in Überschriften verpackt wird? Wenn die Bewegung zum Verkaufsschlager wird, wie viel echte Botschaft steckt dann noch dahinter?

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26 November 2015, 12:50pm

„Das ist Klickfang", äußerte Tavi Gevinson kürzlich über das popkulturelle Cool-Sein von Feminismus gegenüber der Vanity Fair. „Ich fühle mich ermüdet von der Besessenheit, die Prominenten-Kultur als Aktivismus, als Diskurs oder als Handeln zu maskieren", so Gevinson. Und weiter: „Ich denke, es ist dumm, Leute, die gerade nur ihren eigenen Film promoten, im Interview zu fragen, ob sie sich als Feministen sehen. Das ist kein Feminismus. Da geht es nur um den Wunsch des Journalisten, abzuschätzen, wie sehr sich jemand über die Welt oder über die feministische Bewegung im Klaren ist." Gevinson selbst ist bekannt für ihre feministische Haltung und kritisiert, dass der Feminismus nur thematisiert wird, um ihn anschließend klickbringend in Überschriften zu verpacken. Ganz nach der Devise: „Hey, lass uns was von Feminismus schreiben und wir haben einen super Aufhänger für das neue Album!" Doch wenn die Bewegung zum Verkaufsschlager wird, wie viel echte Botschaft steckt dann heutzutage noch dahinter?

Nina Power, die britische Philosophin, Journalistin und Autorin zeichnet in der Einleitung zu ihrem 2009 erschienenem Buch „Die eindimensionale Frau" ein klares Dilemma des zeitgenössischen Feminismus. „Dass der Höhepunkt angeblicher weiblicher Emanzipation so schnurgerade mit dem Konsumdenken zusammenläuft, stellt unserer politisch desolaten Zeit ein erbärmliches Zeugnis aus." Ihr Vorwurf: Feminismus sei heutzutage mehr zum persönlichen Spaß-Feminismus geworden und komme gerne ohne jede objektive Auseinandersetzung mit den historischen, politischen und systematischen Strukturen unserer Gegenwart aus. Heißt im Klartext, Feminismus hat sich frei gemacht - frei von Politik, Arbeitswelt und Kultur, frei von echter Entrüstung, frei von Forderungen. Die humanistische Grundidee von der Ungleichberechtigung der Geschlechter in vielen gesellschaftlichen Bereichen wird meist ausgeblendet. Damit ist Feminismus, vereinnahmt von unserer Konsumkultur „so leicht runterspülbar wie probiotischer Trinkjoghurt", schreibt Power.

Sechs Jahre später ist sie mit ihrer Einschätzung am Nerv der Zeit. Feminismus ist aktuell so im Trend wie noch nie zuvor, absolut kleidsam, egal in welcher Form und welcher Disziplin. Eine wirkliche Position braucht es also gar nicht - jede Person und jede Klamotte kann augenblicklich feministisch sein. Gerade die jüngsten Beispiele aus der Modeindustrie zeigen die Ausmaße des Hypes. Immer mehr Labels entdecken das F-Wort für sich und hübschen ihre Damen- und Herrenkollektionen damit gleichermaßen auf: „Feminisism - The Radical Notion That Women Are People", so der Schriftzug bei H&M; „Radical Feminist", „Women Power" und „Gender Equality" heißt es in der Interpretation von Acne Studios. Ins Rollen brachte die Trendlawine 2014 Karl Lagerfeld mit seinem inszenierten Protestmarsch für die Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 von Chanel: „Feminist but Feminine" und „Boys should get pregnant, too" hieß es auf den bunten Schildern der Models. Das Modehaus erntete für diesen Coup viel Lob, allerdings auch einige kritische Kommentare. Susie Lau schrieb auf ihrem Blog: „Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist." Karl Lagerfeld brillierte bis dato eben eher weniger in Gender-Themen, als vielmehr mit der Auffassung, dass wohl niemand „kurvige Frauen" auf dem Catwalk sehen wolle. „Der Feminismus wird heute für alles mögliche gebraucht, außer für den Kampf um echte Gleichberechtigung: um Turnschuhe zu verkaufen, Körperverstümmelungen zu rechtfertigen, Frauen Pornos drehen zu lassen, [...] um sicherzustellen, dass Frauen Selbstvertrauen besitzen, weil sie eine das Selbstvertrauen fördernde Shampoomarke verwenden", heißt es in der von Nina Power zitierten Aussage Katherine Viners. Man muss keine Feministin sein, um zu erkennen, dass beide Autorinnen, so wie auch Gevinson, ein grundsätzliches Problem unserer Konsumkultur ansprechen: das Ausnutzen jeglicher Überzeugungen für die eigenen Verkaufszwecke.

Feminismus als reines Accessoire, als bloßes Extra zum Kleidungsstück, ohne jeglichen Kontext übergestreift, ist „ungefähr so radikal wie ein mit Strass besetztes Handycover", so Nina Power. Glaubt man ihrer Argumentation, beschäftigen sich junge Feministinnen wohl schon eine ganze Weile lieber mit sich selbst, als mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Die meisten von ihnen sehen Feminismus mehr als den persönlichen Prozess, als Frau mit sich selbst endlich ins Reine zu kommen - ein gesundes Selbstbewusstsein zu kultivieren, um zu starken, unabhängigen Wesen zu werden. Was zählt, ist der freche, weibliche Freigeist; das Powergirl, das sich all das nimmt oder nicht nimmt, was ihr zwischen die Finger kommt: Traumberuf, Klamotten, Schokolade, Männer und Sex.

Diese modernen Auswüchse der erfolgreichen, stilsicheren, auch mal unperfekten Emanze sind in der Popkultur weit verbreitet. So beweisen vor allem prominente Anhänger, dass Feminismus total en vogue ist: Beyoncé macht eine tolle Figur im glitzernden Minikleid vor dem riesigen „Feminist"-Schriftzug während ihrer Show bei den MTV Video Music Awards. Auch andere Celebrities wie Taylor Swift, Pharell und sogar Emily Ratajkowski gehen mit der Mode und bekennen sich zu der Bewegung. Wir erinnern uns, Ratajkowski tanzte bisweilen quasi unbekleidet durch Robin Thickes Hit „Blurred Lines". Dieser Pop-Feminismus, böse Zungen sprechen hier auch vom Fame-inism, proklamiert vor allem eins, um es im Sinne Miley Cyrus' und Beyoncés zu verdeutlichen: Habt keine Scheu, ihr selbst zu sein. Was scheinbar in erster Linie bedeutet, offen mit der weiblichen Sexualität umzugehen, ergo sich so aufreizend wie möglich zu zeigen.

Dass sich das neue weibliche Selbstbewusstsein ausgezeichnet mit den sexistischen Darstellungen von Frauenkörpern in den Musikvideos männlicher Rapper verträgt, mutet dabei etwas merkwürdig an. Denn damit sind wir doch wieder am Anfang, einer etwas unglücklichen Reduzierung der Frau auf ihre äußerlichen Reize. Widerspricht das nicht dem Gedanken des Feminismus? Oder sollten wir Frauen auf unsere Brüste stolz sein, einfach weil wir es können? Die Ursache solcher Ungereimtheiten ist aus Sicht von Nina Power schlicht die fehlende kollektive Definition des Wortes. Wer weiß heute schon, was genau Feminismus bedeutet, was er will und kann, was es wirklich heißt, eine Feministin zu sein? Der Begriff ist heute vielmehr etwas zum „Selbstdefinieren" geworden, Inventar der rhetorischen Zwischenablage, und genau dort bietet sich die Angriffsfläche für leere Werbemitteilungen. Selbstverwirklichung und Stärke haben eben schon immer gut (an-)gezogen.

Die Ankunft des Feminismus in der Mode ist denkwürdig, daran besteht kein Zweifel. Dass die Kreativen der Branche klar Stellung beziehen und ihre Entwürfe als Sprachrohr nutzen, ist das, was Mode machen soll und kann. Sie war und ist seit jeher ein Spiegel unserer politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart. Wenn diese Auseinandersetzung beim Käufer allerdings ausbleibt, fehlt es an Substanz und Kleidung bleibt eine bloße Hülle. „Bei aller aufgesetzten Fröhlichkeit und Exaltiertheit bleibt der selbstgefällige, vor allem die persönliche Identität preisende Feminismus ein eindimensionaler Feminismus", so schließt Nina Power ihre Beobachtungen. Wir sollten ihr Buch gerade jetzt zum Anlass nehmen, uns einmal kritisch mit den Kontexten unserer Zeit auseinandersetzen - genauso wie wir es uns auch von der Mode wünschen, Trend hin oder her. 

Credits


Text: Lola Fröbe