„trust the girls“ will herausfinden, wie feminismus heute funktioniert

Wo wir in Deutschland mit dem Feminismus stehen, was noch getan werden muss und wie wir das am besten anstellen, haben wir versucht, im Gespräch mit den Gründerinnen von „Trust the Girls“ herauszufinden.

von Lisa Leinen & Alexandra Bondi de Antoni
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27 September 2016, 10:37am

Girlpower, Empowerment und Feminismus sind Worte, die heutzutage als Buzzworte überall zu lesen sind. Was jedoch oftmals fehlt, ist der Dialog zwischen den einzelnen Gruppen, die alle ihre eigene Definition von Feminismus haben, aber am Ende des Tages doch für die gemeinsame Sache kämpfen. Dass dieser Dialog jedoch wahnsinnig wichtig ist und noch viel zur Aufklärung getan werden muss, haben sich auch Melodie Michelberger und Eva Dietrich gedacht und vor noch gar nicht so langer Zeit Trust the Girls gegründet. Trust the Girls ist eine Plattform, die Menschen zusammenbringen will, um zu reden. Es geht ihnen um das Gespräch, den Austausch in Workshops, Talks und auch auf ihrer Onlineplattform und um die gegenseitige Bestärkung, um ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Wo wir in Deutschland mit dem Feminismus stehen, was noch getan werden muss und wie wir das am besten anstellen, haben wir versucht, im Gespräch herauszufinden.

Das Thema eures Talks war Zwischen Girlpower und politischen Inhalten—wie Feminismus heute funktionieren kann. Ist Feminismus zu einem popkulturellen Phänomen geworden?
Melodie: Auf der einen Seite ist es total spannend, was gerade alles passiert, also dass Empowerment, Girlpower und Feminismus auf einmal wirklich zu Überworten geworden sind und dass jemand wie Beyoncé auf der Bühne so angeleuchtete Riesen-Feminismus-Buchstaben hat. Vorgestern haben wir uns das Monkifesto angeschaut, und natürlich die aktuelle und viel diskutierte H&M-Kampagne. Grundsätzlich finde ich—wenn man den ganzen Rest wie Produktionsbedingungen und so weiter ausklammert—das eine tolle Sache, dass Feminismus durch solche Kampagnen für alle greifbarer wird. Das Thema ist einfach gerade sehr im Fokus und wird durch derartige Kampagnen gerade cool und es kann ein Einstieg sein für junge Mädchen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Eva: Beim Talk hat eine der Speakerinnen auch etwas Gutes gesagt, nämlich, dass sobald Feminismus in den Mainstream dringt, man auch die Möglichkeit hat, etwas auf politischer Ebene zu ändern. Man braucht die breite Masse der Menschen, und nicht nur ein starkes Ideal, und die kommt nun mal nur durch den Mainstream. Man muss diese Masse dann natürlich noch in die richtige Richtung leiten, das wollen wir mit Trust the Girls machen, also Aufklärungsarbeit und Leute auffordern, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Worum geht es bei Trust the Girls?
E: Was wir mit unserer Plattform erreichen wollen, ist all diesen verschiedenen Gruppen, die sich mit dem Thema Feminismus auseinandersetzen, eine Möglichkeit zu bieten, sich auszutauschen und zu diskutieren, und sich auch gegenseitig zu helfen. Dass diejenigen, die schon seit einigen Jahren als Aktivisten unterwegs sind, den Jüngeren auch dabei helfen, das Ganze zu verstehen. Einfach, dass man diese Zielgruppen nicht alleine behandelt, sondern dass wir unsere Arme um alle legen und alle zusammenbringen und verknüpfen.

Wo steht der Feminismus zurzeit in Deutschland? Wir fragen uns öfters, warum es hier eben keine Vorreiter wie Lena Dunham oder Petra Collins gibt. Woran liegt das, denkt ihr?
M: Die Deutschen feiern sich einfach grundsätzlich nicht so ab, wie zum Beispiel die Amerikaner. Die Autorin Margarete Stokowski oder Charlotte Roche könnten beispielsweise viel mehr gefeiert werden. Es gibt hier schon tolle Rolemodel-Frauen, die für eine bestimmte Art von Feminismus stehen, die werden aber so oft zerrissen. In Deutschland ist es einfach leider nicht so üblich, dass man Frauen auf ein Podest hebt und sie feiert—auch untereinander nicht.
E: Wir sind in Deutschland ein bisschen langsam ...
M: ... Und vielleicht auch ein bisschen langweilig. Wenn wir schon über Lena Dunham reden, können wir uns ja auch fragen: Warum gibt es hier keine Serie wie Girls? Wer würde sie produzieren? Oder Transparent. In Amerika gibt es da einfach mehr Möglichkeiten, solche Serien zu realisieren. Vielleicht hat es auch noch etwas mit den Strukturen hier zu tun.

Warum denkt ihr, dass es immer noch so ist, dass Frauen im Umgang mit anderen Frauen am strengsten sind?
M: Das hat ganz viel mit den Medien zu tun, also mit der allgemeinen Prägung durch sexistische Werbung. Von Anfang an geht es bei Frauen darum, schöner und besser zu sein als die anderen. Das hat auch viel mit Erziehung zu tun, und mit allen Kommentaren, die von außen kommen und eben mit jeder Litfaßsäule und Werbetafel.

Würdet ihr sagen, dass sich euer Selbstbild und Selbstbewusstsein auch noch mal verändert hat, seit ihr euch so intensiv mit dem Thema beschäftigt?
E: Ja, auf jeden Fall. Generell entwickelt man durch die Auseinandersetzung mit dem Theman ein gewisses Hau-Drauf-Gefühl. Ich bin jetzt eher bereit, jemandem zu widersprechen oder mit Menschen zu diskutieren, die eine andere Meinung als ich haben.
M: Dieses Selbstbewusstsein kommt aber auch dadurch, dass wir uns immer gegenseitig so bestärken. In allem, was wir tun! Ich sage mir auch immer: „Channeling my inner Lena Dunham"-also den viel zu knapp gewordenen Bikini trotzdem anziehen und damit mit den anderen zum See fahren. Und ich merke aber auch, dass ich viel sensibler geworden bin, was dieses Thema angeht, also dass ich viel schneller wütend werde, wenn jemand etwas unreflektiertes sagt.

Warum ist es gerade jetzt eine gute Zeit, Feministin zu sein?
E: Für mich steht der Feminismus in Deutschland noch total am Anfang. Wir leben in einer großen Metropole, da wird das Thema auch schon vielfältiger diskutiert, aber wenn ich dann bei meinen Eltern bin, dann ist das noch eine ganze andere Welt. Meine Eltern sind gebildet, und setzen sich viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinander, und trotzdem ist der Begriff noch so weit weg von dem, was er eigentlich bedeuten sollte. Und so lange das noch so ist, ist auch jede H&M oder Monki-Kampagne völlig egal, denn dann ist die Wurzel noch nicht so erreicht, dass was daraus wachsen kann.
M: Ja, das sehe ich auch so. Ich komme vom Land und wenn ich dort etwas von Feminismus erzähle, dann wird es schwierig. Da stehen wir auf jeden Fall erst am Anfang. Das ist das Ergebnis nach 40 Jahren? Das ist schon hart. Alleine das Wort Feminismus ist in Deutschland nicht wirklich salonfähig, also in unseren Kreisen natürlich schon, aber eben nicht im Mainstream.

In Deutschland denken viele dann eben an Leute wie Alice Schwarzer, wenn es um Feminismus geht. Und sie hat ja in den letzten Jahren auch oftmals dazu beigetragen, dass der Begriff ins Negative gerutscht ist. Wir haben ja jetzt als Generation die Chance, genau das zu ändern.
M: Und trotzdem ist sie als Vorzeige-Feministin immer noch so laut! Und das ist das Problem, dass so wenige jüngere Frauen, die sich auch schon lange mit dem Thema beschäftigen, in den Medien dazu befragt werden. Das muss sich ändern—und zwar bald. Es gibt mittlerweile schon viele wichtige Posten, die von Frauen besetzt sind. Das ist gut, aber noch nicht genug. Es ist wichtig, dass man etwas sagt, dass verschiedene Stimmern gehört werden und dass man darüber berichtet, so wie ihr es tut—und wir es nun eben auch tun. Trust the Girls! 

trustthegirls.org

Wenn du dich nicht durch das Thema Feminismus blickst, haben wir dir hier eine Liste mit einigen Büchern zusammengestellt, die dir einen guten ersten Einblick geben.  

Credits


Text: Lisa Leinen & Alexandra Bondi de Antoni
Foto: Iga Drobisz

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