der regisseur barry jenkins spricht über „moonlight“, den besten film des jahres

Der mit dem Oscar als Bester Film prämierte Film startet Anfang März in den deutschen Kinos. Wir haben uns mit Regisseur Barry Jenkins über den besten Film des Jahres unterhalten und mit ihm über Black Identity und Homosexualität gesprochen.

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27 Februar 2017, 1:50pm

Februar 2016. Academy Präsidentin Cheryl Boone Isaac gibt die Nominierten für die 88. Oscar-Verleihung bekannt. Nicht eine Person of Color ist nominiert. Das zweite Jahr in Folge wurde kein schwarzer Schauspieler in den wichtigsten Schauspielkategorien nominiert. Das führt 2016 zum Oscar-Boykott und die #OscarsSoWhite-Bewegung wurde ins Leben gerufen: Spike Lee, Ava DuVernay, Michael Moore und Will Smith gaben bekannt, dass sie nicht zur Award-Show erscheinen werden und viele machten ihrem Ärger auf Twitter Luft.

Aber seit letzter Nacht ist das anders. Zwar führte La La Land, die Hommage an Tinseltown, die Nominierungsliste an, aber Moonlight ergatterte den Oscar für den Besten Film. Der erste LGBT-Film überhaupt in der Geschichte der Academy Awards, der diese Auszeichnung bekommt. Insgesamt waren dieses Jahr drei Filme über die Identität schwarzer Menschen im Rennen um die begehrten Goldjungen: Hidden Figures, Fences und Moonlight, der zweite Film des in Miami geborenen Regisseurs Barry Jenkins.

Seitdem Moonlight im letzten Jahr auf dem Telluride Film Festival zum ersten Mal gezeigt wurde, ist er von Erfolg zu Erfolg geeilt: acht Oscar-Nominierungen, fünf Golden-Globe-Nominierungen, plus dem Preis für das Beste Filmdrama und vier BAFTAS. Nachdem nun mit den 89. Oscars letzte Nacht der Höhepunkt und Abschluss der Award-Season über die Bühne ging, hat der Film drei Oscars und den Golden Globe für das Beste Filmdrama erhalten. Der Erfolg zeigt, was ein Jahr für einen Unterschied bedeuten kann, auch wenn der Film natürlich schon lange vor der #OscarsSoWhite-Bewegung im Kasten und in der Produktion war. Umgesetzt wurden die Dreharbeiten von einem mehrheitlich schwarzen Team: der Regisseur schwarz, das Drehbuch wurde von zwei schwarzen Männern, einer schwul, einer hetero (Jenkins) geschrieben und der Cast bestand fast nur aus Schwarzen.

In Moonlight geht es um das Leben des jungen Schwarzen Little, der in Miami in einer Sozialsiedlung aufwächst und von drei Schauspielern zu unterschiedlichen Zeiten in seinem Leben dargestellt wird: Alex Herbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes. Little wird tagtäglich gemobbt, muss sich mit seiner heroinabhängigen Mutter (Naomie Harris) herumschlagen und gleichzeitig noch mit seinem eigenen Erwachsenwerden und Schwulsein klarkommen.

Jenkins weiß natürlich, dass die Themen des Films bisher kaum auf der großen Kinoleinwand zu sehen waren. Alles begann vor drei Jahren, als der Filmemacher mit zwei Mitgliedern es Borscht Film Collective gesprochen hat. Das Kollektiv setzt sich dafür ein, dass sich alle Menschen in Miami in Filmen wiederfinden können. „Sie haben das Theaterstück In the Moonlight Black Boys Look Blue von Tyrell gelesen und sie kannten uns beide. Tyrells Lebensweg und meiner unterscheiden sich in wesentlichen Aspekten. Sie haben sich an mich gewandt und meinten: ‚Es geht nicht um dich, sondern um dich!". Jenkins hat die Geschichte sofort gefallen und alles andere ist mittlerweile Kinogeschichte.

Mit dem Film wollte Regisseur Jenkins dem Publikum aber keine Definition davon geben, wie die männliche, schwarze Identität aussieht. Das Leben sollte stattdessen realistisch dargestellt werden, so wie er es selbst teilweise kannte: „Solche Charaktere gibt es nicht oft", erklärt Jenkins. Er wollte die Black Community ohne Klischees zeigen und seinem Publikum einen Eindruck von der Welt vermitteln, die sie noch nie davor gesehen haben. Um sich der Bedeutung des Films bewusst zu werden, genügt ein Blick auf die Fernsehserien und Filme, die das Leben von schwulen Schwarzen authentisch darstellen: Es gibt kaum welche! Da ist zum einen die Figur des Omar Little in der HBO-Serie The Wire, gespielt von Michael K. Williams, und Noah's Arc. Doch von der Serie dürften die wenigsten jemals gehört haben, geschweige denn sie gesehen haben. 

Hatte er irgendwelche Bedenken, diesen Stoff als seinen zweiten Spielfilm umzusetzen? Auch wenn Brad Pitts Produktionsfirma Plan B die Idee unterstützt? Er muss überlegen: „Ich bin ein heterosexueller schwarzer Mann aus Miami, der einen Film (Medicine for Melancholy) in der Tasche und der ein Budget von 2000 Dollar hatte. Kann das mein zweiter Film sein? Ist das nicht schlecht für meine Karriere? Das ist schlecht für meine Karriere", scherzt er. „Ich habe einen Freund gefragt, was er von der Idee hält. Der meinte nur ‚Bist du dir sicher?'. Ich meine, es war nicht gefährlich, sondern eine unlogische Entscheidung und ein mutiges Statement." Letzten Endes habe er gar keine andere Wahl gehabt, weil ihn der Film so sehr beeinflusst habe. „Ich habe mir gedacht, wenn ich mich von diesem Projekt verabschiedet hätte, nachdem mich der Stoff so bewegt hat, wäre ich feige gewesen", sagt er uns. „Dann war es mir egal und ich habe mich für die genau entgegengesetzte Richtung entschieden und mich dem Projekt ganz hingegeben." Er hat seine Entscheidung nie bereut.

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Wir sprechen über das Thema Homosexualität und erzählt eine alarmierende Anekdote vom Set: „Wir sind gerade bei den Dreharbeiten zu einer der ersten Szenen im Film, in der Kinder ein Spiel spielen. Das Spiel geht so: Man nimmt sich eine Zeitung, rollte sie zu einem Ball, wirft ihn in die Luft und wer den Ball auffängt, den greift man an. Wir nennen das Spiel Throw-up Tackle", so der Regisseur. „Der Gaffer am Set, ein weißer Typ aus Kalifornien, sagte dann: ‚Hey, wie nennt ihr dieses Spiel?', ich antworte ‚Throw-up Tackle' und er darauf ‚Wo ich herkomme, nennen wir es Smear the Queer'. Die Geschichte verrät viel über die Homophobie, nicht nur in der amerikanischen Gesellschaft."

Man muss Jenkins dafür bewundern, dass er bereits mit seinem zweiten Film Themen wie Black Identity und Homosexualität anspricht und das auf eine Art und Weise, die sehr berührt. Auszeichnungen und Preise sind gut und wichtig, aber noch wichtiger ist, dass es ein wirklich schöner Film ist.

Moonlight läuft ab dem 9. März in den deutschen Kinos.

Credits


Text: Joseph Walsh
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Moonlight | Official Trailer HD | A24" von A24