​rashida jones über die zukunft von pornos und die intimität im zeitalter von tinder

Die neue Netflix-Serie „Hot Girls Wanted: Turned On“ thematisiert den aktuellen Zustand der Pornoindustrie. Rashida Jones erklärt uns mit ihrem Fünf-Punkte-Plan die Probleme der Branche.

von VICE Staff
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24 April 2017, 11:20am

„Du hast also noch nie mit einem schwarzen Typen gevögelt?", fragt ein schmieriger Pornoregisseur, worauf eine vielleicht gerade mal volljährige, kaukasische Schauspielerin schüchtern antwortet „Ich glaube, es ist einfach etwas, das jeder einmal im Leben ausprobieren sollte." Regisseur und Schauspielerin gehen nochmal den Text für ihr Debüt bei dem Dreh einer „IR" (das Porno-Kürzel für „interracial"-Szene) für eine Folge von Hot Girls Wanted: Turned On durch, eine neue Netflix-Serie, die von Rashida Jones, Jill Bauer und Ronna Gradus co-produziert wird. Als Vorlage hat ihnen ihr gleichnamiger Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015 gedient. Die sechsteilige Serie baut auf ihrem Eintauchen in die Pornowelt auf, wo sie sich von Camgirls über Dating-Apps, den Gefahren von Diensten wie Periscope und den einigen wenigen Pornoregisseurinnen, die gegen den vorherrschenden Male Gaze in der Branche ankämpfen, mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzt.

In den Folgen werden den Zuschauern viele beunruhigende Zahlen und Fakten über Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Fehlinformationen und die Auswirkungen, die Pornos und Technik auf unser Sexualleben haben können, präsentiert. In Hot Girls Wanted: Turned On wird indirekt bestätigt, dass Pornos und Technik allgegenwärtig sind und auch in naher Zukunft nicht vom Bildschirm verschwinden werden. Die Doku-Serie befasst sich also stattdessen mit den ambivalenten menschlichen Dynamiken, die wir vielleicht für selbstverständlich halten. Ob als Darsteller, Teilnehmer oder Zuschauer, HGWs Protagonisten müssen mit ihren technisch vermittelten Begegnungen zurechtkommen. Ist die Fernbeziehung eines Mannes mit einem Camgirl echt oder fake? Welche Verantwortung trägt ein Tinder-Typ gegenüber den Frauen, mit denen er sich ab und zu unverbindlich trifft? Und sollten wir Porno-Darsteller dafür verurteilen, dass sie dabei mitwirken, Frauen zu demütigen oder „interracial"-Inhalte zeigen, wenn es doch im Grunde nur eine Frage von Angebot und Nachfrage ist?

Rashida Jones, die bereits einiges an Kritik einstecken musste, weil sie sich gegen die beunruhigende Verschmelzung von Pornos und Popkultur in den USA ausgesprochen hatte, führt bei der Folge Women on Top Regie, in der es um ein paar namhafte Pornoregisseurinnen geht, die in der Branche durchstarten. Diejenigen, die Rashidas Kritik zuerst nicht nachvollziehen konnten, werden herausfinden, dass es ihr keineswegs darum geht, Pornos komplett zu verbieten oder die Darsteller zu verurteilen, sondern vielmehr darum, in der Branche die bis heute stark vernachlässigte, weibliche Perspektive und die Darstellung der weiblichen Lust endlich zu berücksichtigen. Jetzt, wo Hot Girls Wanted: Turned On auf Netflix verfügbar ist, hat sich i-D mit Jones, Bauer und Gradus über die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt unterhalten, für das sie sich definitiv durch extreme Grauzonen bewegt haben.  

1. Die frauenfeindlichen Elemente in Pornos bleiben
Seit Trump das Amt des Präsidenten übernommen und angedeutet hat, dass er das Fortpflanzungsrecht von Frauen einschränken wolle, kann man beobachten, wie sich die unterschiedlichsten Frauenbewegungen zusammengetan haben, um dagegen anzukämpfen und solche archaischen Einstellungen anzuprangern. Doch auf die Pornobranche hat sich das leider nicht übertragen. Die Statistiken, die uns in der Serie präsentiert werden, zeigen ganz klar, dass in fast einem Drittel der Internetpornos aggressive Handlungen zu sehen sind, die in 94 Prozent der Fälle gegen Frauen gerichtet sind. In Women on Top spricht die in Barcelona lebende Regisseurin Erika Lust darüber, mit ihren Erotikfilmen eine Alternative zu den Szenen anbieten zu wollen, in denen Sex als eine Art Bestrafung dargestellt wird. In der Folge bricht sie auf erfrischende Weise mit den Konventionen, als sie beim Dreh dem Pornodarsteller erklärt, dass er nicht kommen muss (was ihn sehr erstaunt), weil der Fokus auf dem Orgasmus der Frau liegen soll. Und doch sagt Lust, dass sie für ihre kreativen Ideen oft als „Feminazi" beschimpft wird. „Die Pornoindustrie ist der einzige Ort, der gegen jegliche kulturelle und politische Kritik immun ist", erklärt Rashida. „Man sieht Rassismus, Sexismus, Missbrauch, Klassendenken; all diese Dinge, die allgemein in der Gesellschaft total inakzeptabel, aber unter dem Deckmantel der Fantasie in Ordnung sind. Die Tatsache, dass es sich nur um die Fantasie von jemandem handelt, rechtfertigt es auf gewisse Weise. Wir müssen einfach mehr darüber sprechen, nur so können wir das Spektrum erweitern."

2. Auch die rassistischen Elemente bleiben — Schuld daran ist der Kapitalismus
In der oben erwähnten „interracial"-Szene fragt der Regisseur die Frau explizit nach ihren Erfahrungen, um deutlich zu machen, wie mulmig ihr beim Anblick des „großen, schwarzen Schwanzes" zumute sein muss. Beide Darsteller geben zu, dass sie bei der ethnischen Objektivierung mitspielen, weil sie davon profitieren. Für Rashida ist der Instinkt, so viel Geld wie möglich verdienen zu wollen, typisch amerikanisch. „Pornos sind die offenkundigste Manifestation des Kapitalismus", erklärt sie. „Wenn man damit Geld verdienen kann, ist alles andere egal. Es ist egal, ob man Stereotype weiter bestärkt oder Leute ausbeutet, jeder wirft seine Moral über Bord, solange es Geld gibt. Das ist eine typisch amerikanische Einstellung und ich glaube nicht, dass sich daran in absehbarer Zukunft irgendetwas ändern wird. Die interracial Quote, bei der Frauen für diese Art von Szenen Prämien bekommen, ist erschreckenderweise etwas ganz Normales. Die Darsteller müssten sagen, dass sie sich dabei nicht wohl fühlen, erst das würde etwas ändern. Es geht auch hier darum, das Spektrum der Fantasie und dessen, was möglich ist, zu erweitern, und nicht darum, zu versuchen, diese Art von Pornos zu verbieten." 

3. Vergesst die Vorschriften. Wir alle müssen gemeinsam unsere Porno-Scham ablegen
Zu den ernüchternden Statistiken in HGW gehört auch die Tatsache, dass mehr als 50 Prozent der amerikanischen Teenager in der Schule nur zwei oder weniger Tage Sexualkunde-Unterricht gehabt haben. „Und mit den jungen Leuten, die überhaupt ausreichend über Sex aufgeklärt werden, spricht höchstwahrscheinlich niemand über die Pornos, die sie gucken", merkt Ronna Gradus an. „Sie lernen im Sexualkunde-Unterricht vieles über die menschliche Anatomie und die biologischen Abläufe. Ihre Vorstellungen über Sex prägen aber Pornos. „Glaubt aber nicht, dass es für die Branche bald striktere Vorschriften geben wird", warnt Rashida. „Das Internet ist alles: gut, schlecht, das Schlechteste, das Beste, und auf allen Ebenen wird versucht, sich vor der Verantwortung zu drücken. Technik-Unternehmen, Porno-Unternehmen, sie alle sagen nur: ‚das liegt nicht in unserer Verantwortung. Wir können euch nicht beibringen, wie man diese Tools benutzt, sie existieren einfach.' Was natürlich nicht stimmt. Wir müssen also mehr über Pornos sprechen und es Teil unserer Sexualität werden lassen, damit es nicht nur zu dieser zwielichtigen Industrie gehört, in der alles stigmatisiert und marginalisiert wird", fügt sie hinzu.

4. Die Zukunft liegt vielleicht im Camming
Nur drei Prozent der Leute, die 2016 Pornos geschaut haben, haben dafür auch gezahlt, heißt es in HGW. Suze Randall, die 1975 die erste Fotografin beim Playboy gewesen ist, fasst den Umbruch in der Industrie so zusammen: „Damals haben wir drei Tage lang an einem Foto gearbeitet. Heute macht meine Tochter an einem Tag drei Fotos." Wie sieht also die Zukunft der Pornobranche aus, wenn niemand mehr dafür zahlen will? „Die Leute wenden sich dem Camming zu", sagt Rashida. „Man hat die Kontrolle, man kann es bequem von Zuhause aus machen und muss nicht persönlich mit anderen Darstellern interagieren. Und es gelingt damit meist besser, eine gewisse Intimität nachzuahmen, vor allem, wenn die Leute für eine private Zuschaltung extra zahlen. Ich glaube, dass im Camming viel Potenzial steckt, aber es geht auch hier wieder darum, ob wir als Gesellschaft anerkennen können, dass Pornos Teil unserer Sexualität sind. Wenn das passiert, hat die Industrie auch noch eine Zukunft." 

5. Die Art, wie wir einander wahrnehmen, hat sich verändert
In einer Folge, die sich der Fernbeziehung über Kamera zwischen einem Camgirl aus Hollywood und ihrem australischen Fan widmet, fragt sich der verliebte Mann, ob ihre Dynamik überhaupt echt sei. „Eine Unterscheidung zwischen echt und fake zu machen ist mittlerweile echt schwer geworden", meint Rashida. „Die Technologie verstärkt diesen Konflikt noch weiter. Ich will nicht wie ein nostalgischer Technikfeind klingen, denn vieles hat sich ja auch zum Besseren gewendet. Es gibt Geschichten von homosexuellen Leuten, die durch Pornos ihre sexuelle Orientierung entdeckt haben, und das spricht für die Pornos. Es gibt viele positive Aspekte rund um die Freiheit beim Thema Sexualität. Das Problem sind die fehlenden Regeln. Man kann eine Dating-App benutzen, um jemanden kennenzulernen, zu heiraten oder sich unverbindlich zu daten, und jeder hat andere Absichten. Die Ausgangsbasis ist also der kleinste gemeinsame Nenner — die, die dabei mitmachen. Wir alle haben diesen Zugang zueinander, zu dieser Art der Kommunikation, und doch kommunizieren wir oft nicht wirklich miteinander." Jill Bauer stimmt dem zu und sagt, dass es den Teilnehmern von HGW schwer gefallen sei, zu erkennen, wie sich der Umgang mit diesen Technologien auf ihr soziales und sexuelles Ich ausgewirkt hat. „Das sind sehr komplexe Geschichten, die nicht einfach schwarz oder weiß sind. Man kann nicht sagen, dass die Technologie schlecht ist, ebenso, wie man nicht sagen kann, dass sie gut ist. Wir haben noch keine endgültigen Antworten. Mit den Geschichten wollen wir also im Endeffekt einfach nur ein Gespräch anregen."

Hot Girls Wanted: Turned On ist ab jetzt weltweit auf Netflix verfügbar. 

Credits


Text: Michael-Oliver Harding
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Hot Girls Wanted: Turned On / Maxine Pezim

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