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„ich vermisse manchmal die möglichkeit, eine ganze normale 19-jährige zu sein.“

Nächsten Freitag erscheint Låpsleys Debütalbum „Long Way Home“. Wir haben mit der jungen Musikerin über falsche Erwartungen und ehrliche Gefühle gesprochen.

von Lisa Leinen
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24 Februar 2016, 2:55pm

Ihre Musik an grauen Tagen wie diesem zu hören, ist ein bisschen so, als würde man mit der besten Freundin auf dem Sofa liegen. Man würde die gleichen Geschichten immer wieder erzählen, um immer wieder die gleichen Ratschläge zu hören. Nebenbei würde man im Tagebuch blättern und in der Zeit und den Gefühlswelten zurückgeworfen werden. Wie ein Tagebuch klingt auch Låpsleys Debütalbum.
Schon vor über einem Jahr war die junge Britin Teil unserer Ones To Watch 2015-Liste, jetzt haben wir sie zum Interview in Berlin wiedergetroffen.

Dein Debütalbum Long Way Home erscheint Ende nächster Woche, am 4.März. Erzähl uns davon!
Ich sehe dieses Album ein bisschen wie eine Chance, in verschiedene Musikrichtungen einzutauchen und damit zu spielen. Aber alle Texte sind in einer bestimmten Zeit entstanden. Es geht darin um eine gescheiterte Beziehung, die ich verarbeiten musste. Also ja, ich denke man kann fast jeden Song in eine andere Kategorie einordnen, aber sie werden alle zusammengehalten von dem Fakt, dass ich es bin—einfach ich.

Wie lange hast du an dem Album gearbeitet?
Letztes Jahr war ich die meiste Zeit unterwegs, auf Tour und so was. Also habe ich immer wieder daran gearbeitet, aber das Schreiben der Texte ging schnell. Es war eine bestimmte Zeit, in der ich alles niedergeschrieben habe. Ich liebe das Songwriting, das fällt mir sehr leicht. Ich wusste ziemlich genau, was ich ausdrücken und sagen wollte.

Du hast alle Texte auf dem Album selbst geschrieben. Welcher Song ist dir dabei am schwersten gefallen? 
„Silverlake". Ich hatte diese bestimmte Idee im Kopf, diese Metapher, dass Silverlake das Wasser ausgeht, wie einer Beziehung die Zeit ausgeht. Diese Zeit, wenn man schon weiß, dass es enden wird. Daran habe ich lange gesessen und ein paar Tage lang geschrieben, während die anderen Songs meistens an einem Tag fertig geschrieben waren. Die Produktion hat so lange gedauert, aber das Songwriting an sich ging so schnell.

Hast du noch immer einen Lieblingssong auf dem Album?
Ja! „Tell Me The Truth". Ich wollte etwas R 'n' B-mäßiges machen. Ich sehe dieses Album irgendwie auch als eine Art Portfolio für die Zukunft. Denn ich würde gerne mehr Songtexte schreiben, auch für andere Künstler. Ganz abgesehen von meiner Musik natürlich …

Auf dem Album gibt es einige sehr dramatische Zeilen wie: „So if you're gonna hurt me, why don't you hurt me a little bit more?". Du hast eben von einer Beziehung gesprochen, die du auf dem Album verarbeitet hast. Also sind all diese Zeilen persönlich, oder war es mehr die Idee, Texte für junge Leute zu schreiben, in denen du ausdrückst, was so viele denken und fühlen?
Ich wollte bei den Singles sehr transparent sein—sehr direkt sagen, was ich sagen will. Aber bei den restlichen Songs auf dem Album habe ich viel mit Metaphern gearbeitet, bei denen jeder selbst entscheiden kann, wie er sie verstehen möchte.

Also fällt es dir leichter, traurige Lieder zu schreiben?
Auf eine Art, ja. Wobei es natürlich viel schwieriger ist, traurige Lieder zu schreiben. Ich empfinde das als so starke Emotion, dieses Traurigsein, und man muss die Worte so sensibel und gleichzeitig so drastisch wählen. Aber es ist nun mal so, dass ich über das schreibe, was in meinem Leben so passiert. Wer weiß, vielleicht habe ich eines Tages mal eine so glückliche Beziehung, dass ich nur noch über all die schönen Dinge des Lebens und der Liebe schreiben möchte. Aber hey, momentan sage ich: „Shit happens!" Und genau darüber habe ich geschrieben.

Während du an deinem Album gearbeitet hast, hast du dabei viel andere Musik gehört als deine eigene?
Dieses Mal nicht so sehr, nein. Ich versuche jede Woche eine ganz andere Musikrichtung zu hören, sodass ich immer neue Einflüsse in meine Songs einbringen kann. Aber die meiste Zeit, wenn ich nicht im Studio war, wollte ich eigentlich gar nichts hören—nur die Stille. Ich wollte nur im Bett liegen, mir dir Decke über den Kopf ziehen und eine Pause vom Leben nehmen. Aber so langsam fange ich wieder an, Musikhören zu schätzen …

Zurück zu deinem Album mit dem schönen Titel Long Way Home, was bedeutet das Wort Zuhause für dich?
Der Titel hat zwei Bedeutungen für mich. Als erstes natürlich die Entfernung zwischen meinem Heimatort Liverpool und meinem jetzigen Wohnort, London. Dann meine ich damit dieses Gefühl, wenn man mit jemandem so gerne Zeit verbringt, dass man alles dafür tut, dass der Nachhauseweg so lange wie möglich andauert, damit man sich noch nicht verabschieden muss.

Bekommst du Heimweh, wenn du wie jetzt so lange von Zuhause weg bist?
Ich vermisse das Vertraute. Mein Bett, meinen Hund, meine Familie. Und ich vermisse die Normalität, meine Freunde zu treffen, wenn mir danach ist. Außerdem vermisse ich manchmal die Möglichkeit, eine ganz normale 19-Jährige zu sein, statt irgendwie auf der Überholspur ins Erwachsenenwerden zu rauschen. Wenn ich unterwegs bin, bin ich die meiste Zeit mit Leuten unterwegs, die Mitte 30 sind, also fast 20 Jahre älter als ich. Und manchmal habe ich das Gefühl, mich nicht richtig fallen lassen zu können, ohne einen irritierten Blick zugeworfen zu bekommen. Vor allem wenn ich bin betrunken bin, da habe ich immer Angst, was total Dummes zu sagen. Die haben das alles schon hinter sich; diese Zeit, in der man mit den falschen Leuten schläft, in der man falsche Sachen sagt und falsche Dinge tut. Ich lebe gerade genau in dieser Zeit, aber ich stehe unter Beobachtung.

Dennoch hast du das Selbstbewusstsein, dich in den sozialen Medien als Vorbild zu verstehen, oder? Es gibt da einige Fotos auf instagram, auf denen du dich im Spiegel fotografierst und dazu aufrufst, als Frau zu seinen Kurven zu stehen und sich nicht einschüchtern zu lassen. 
Ich glaube, dass ich zur Zeit sehr selbstbewusst bin, was mein Äußeres angeht. Nachdem ich so langsam verstanden habe, wie sexistisch die Musikindustrie ist—von ganz oben nach ganz unten—will ich die Wahrheit erzählen und sagen: „Hey, da gibt es Probleme, da gibt es Druck." Ich hatte schon Fotoshootings, wo meine Beine anschließend so dünn retuschiert wurden, dass sie nicht mehr wie meine Beine aussahen—ohne es mir zu sagen. Für manche klingt das vielleicht sehr banal, aber wenn man jung ist, und wenn man sich von so etwas leicht beeinflussen lässt, dann kann sowas ganz schön auf das zerbrechliche Selbstbewusstsein einhauen. Und wenn ich auch nur ansatzweise andere junge Menschen davor warnen und schützen kann, dann will ich das tun. Das gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, mein Gehirn schrumpft und schrumpft in dieser Musikindustrie-Blase. Aber so langsam bekomme ich das Gefühl, dass auch ich etwas ändern oder beeinflussen kann, und das ist ein tolles Gefühl.

Also wurde dieses Gefühl, etwas beitragen und ändern zu wollen, durch die Musikindustrie noch verstärkt?
Ja, auf jeden Fall. Es wird so viel von dir verlangt. Bei Shoots und Terminen sollst du aussehen wie ein Model, beim Dreh vom Musikvideo sollst du dich verhalten wie eine Schauspielerin und zwischendurch sollst du auch noch eine verdammt gute Rednerin sein. Ganz ehrlich, wenn all diese Dinge von mir verlangt werden, dann habe ich auch das Recht, genau all diese Dinge zu hinterfragen.

Und nicht zu vergessen: Auf der Bühne musst du eine Performerin sein. Dieses Jahr wirst du beim Coachella-Festival auftreten.
Ja, aufregend! Ich mag Coachella, aber nicht die Leute, die dort hingehen. Jedenfalls viele von denen nicht.

Warum?
Ach, vielen von denen geht es doch gar nicht mehr um die Musik, wenn sie zum Coachella fahren. Es geht vielmehr darum, perfekt auszusehen und dann viele Fotos vom perfekten Aussehen zu posten. Ich habe das Gefühl, das ist total ungesund, sich diese Fotos anzuschauen. Generell für längere Zeit in L.A. zu sein, ist ungesund, jedenfalls für jemanden wie mich, der Größe 40 trägt, was absolut OK ist. Aber man bekommt schnell den Eindruck, dass es nicht normal ist. Dabei sollte es doch irgendwas geben zwischen Modelmaßen und Plus-Size. Was ist damit passiert?

Ja, du hast Recht, das hat sich alles sehr verschoben. Ein hartes Business, in dem man sich ständig behaupten muss. Trotzdem hast du dich dazu entschlossen, Musikerin zu werden. Wann und wie war das?
Vor ein paar Jahren habe ich auf Soundcloud ein paar meiner Songs hochgeladen. Dann ging irgendwie alles viel zu schnell und jemand hat mich gefragt, ob ich beim Glastonbury-Festival spielen möchte. Kostenloses Ticket? Da bin ich dabei!
Dann ging wieder alles viel zu schnell und ich habe meinen Plattenvertrag unterschrieben. Das war, glaube ich, der Moment, wo ich alles richtig realisiert und kapiert habe. Danach habe ich auch einen Vertrag als Songwriterin unterschrieben, das war auch ein toller Moment. Ich hatte das Gefühl für alles, was ich tue und kann, respektiert zu werden. Dasselbe Gefühle hatte ich dann noch mal im Dezember, als ich eine Mail mit dem fertigen Album bekam. Da habe ich noch in der Nacht heulend meine Mama angerufen, weil ich so überwältigt und stolz war.

Es gibt diesen sehr traurigen Song, „Station", auf deinem neuen Album, den du bereits letztes Jahr veröffentlicht hast. Worum geht es darin?
Das ist jetzt ein absurder Zufall, aber genau dieser Song ist der einzige auf dem Album, in dem ich über jemand anderen singe als in all den anderen Songs. Es ist ein sehr ehrliches Lied, ohne versteckte Botschaften, Metaphern oder Bildsprache. Es geht um jemanden, den ich sehr mochte, aber er wollte mich nicht. Dieser Song war eigentlich nicht dafür bestimmt, dass andere ihn hören, und, ich glaube, das hört man. Das macht ihn so besonders, so ehrlich und vielleicht auch ein bisschen naiver als die anderen Texte. Damals habe ich mir das einfach alles vom Herzen geschrieben und gesungen. 

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Credits


Text: Lisa Leinen