„es ist, als würde man sich nackt auf einen tisch legen und leute dürfen mit einem messer hineinschneiden.“

Neben seinem eigenem Label leitet der junge Designer Arthur Arbesser als Creative Director das italienische Label Iceberg. Es ohne Disneyfiguren aus dem Dornröschenschlaf zu wecken - das ist sein Plan. Ob der funktioniert? Wir haben mit ihm gesprochen.

von Magdalena Vukovic
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14 Juni 2016, 1:45pm

Der gebürtige Wiener Arthur Arbesser hat gerade seine zweite Saison als Creative Director des italienischen Strickwarenlabels Iceberg vorgestellt. Die Stelle wurde ihm nach nur einem Jahr Laufzeit seines eigenen Labels angeboten, das er auch weiterhin erfolgreich führt. Man sagt, Arbesser habe eine Welle neuer Kreativität in der Mailänder Modewelt losgetreten.  Zum besseren Verständnis muss man ihn im Kontext seiner Heimatstadt—aber auch Mailand, wo er nun schon lange lebt und arbeitet—sehen. Beide Städte sind nicht unbedingt bekannt dafür, Nährböden neuer, aufregender Jugend- oder Subkulturbewegungen zu sein. Ein hartes Pflaster für junge Kreative? Nicht, wenn man den Spieß umdreht und seinen bodenständigen Hintergrund annimmt, ja sogar zu einer Stärke macht. 

Arbesser findet in seiner Traditionsverbundenheit, die gleichberechtigt neben seiner Liebe zur Kunst existieren darf, eine neue, authentische Sprache. Die Mischung funktioniert, weil Humor und Leichtigkeit nicht zu kurz kommen. Arthur Arbesser bezeichnet sich selbst als Denker-Typ und schwärmt gleichzeitig mit ansteckender Begeisterung von seinen Freunden, die er gerne in seine Arbeit einbezieht—als Musen, Kollegen oder für eine energiegeladene Zusammenarbeit. 

Iceberg

Zuerst einmal: Gratulation zur Iceberg-Kollektion. Bist du zufrieden?
Iceberg ist ein Familienbetrieb und das ist immer schwierig. Die Familie betreibt die Marke seit etwa 40 Jahren und es sind Mutter, Sohn, alle noch mit dabei. Man kommt als Creative Director rein und muss sich nicht nur um das Kreative kümmern, sondern auch um viele familiäre Aspekte—es ist auf jeden Fall eine sehr intensive Erfahrung. Das Schöne ist, dass sie mir relativ viel Freiheit lassen. Gleichzeitig sind sie sehr kunstinteressiert und das liegt mir auch. Meine Inspirationen von verschiedenen Künstlern oder Kunstrichtungen konnte ich auch einfließen lassen. Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg. Iceberg soll leicht und spritzig sein, cool, jung und sportlich. Es war nie eine intellektuelle Marke, die Abendkleider gemacht hat oder den Businessanzug. Sie waren mehr für Grafik, Pop und Fun verantwortlich.

Die Reviews waren gut ...
Als Designer ist das schon so, als würde man sich nackt auf einen Tisch legen und Leute dürfen mit einem Messer hineinschneiden. Ich lege alles in eine Kollektion, es ist ein intimer Prozess und ich stelle mich damit bloß—aber das ist auch wieder das Schöne daran. Die Momente danach, also die Reaktionen wahrzunehmen, ist trotzdem hart. Konstruktive Kritik ist super, wenn aber nur Böses rauskommt ... Journalisten sollen natürlich ihre eigene Meinung haben, aber man gibt eben all sein Erspartes und Energie hinein.

Als junger Designer, der ein Label revitalisiert—hast du Angst davor, durchgekaut und ausgespuckt zu werden?
Das ist theoretisch ein Luxusproblem. Mit Iceberg und meiner eigenen Kollektion habe ich das ganz gut im Griff, es ist aber natürlich auch nicht der gleiche Druck und Stress wie bei Dior zum Beispiel. Bei meiner Marke gibt es noch so viele Probleme, organisatorische und finanzielle, dass noch gar keine Zeit ist, zum Denken und Angst haben. Ich habe gewartet bis ich dreißig geworden bin, um von Armani wegzugehen. Davor habe ich ein Firmenleben geführt, mit gutem Gehalt und langen Ferien. Ich hatte jedes Wochenende einen freien Kopf, um Party zu machen und Spaß zu haben. Mit dreißig habe ich dann aber diese Lust in mir verspürt, mich auszudrücken.

Du gehörst zu einer neuen aufregenden Generation von Designern in Mailand.
Ja, das war auch mein Gedanke damals. Die amerikanischen Medien haben mich stark unterstützt, obwohl ich in keinem einzigen Shop vertreten war. Es war sehr hilfreich, dass Leute wie Suzy Menkes, die ja schon alles gesehen hat, an mich geglaubt hat. Dadurch wurde zwar das Bankkonto nicht dicker, aber es hat mir Mut gemacht, weiterzumachen.

Iceberg

Bei Iceberg hast du nicht das Naheliegende gemacht, also Pop und Comicfiguren eingebaut, wie zum Beispiel Jeremy Scott bei Moschino.
Ich habe Probleme mit dem Disneyzeug und bin auch bei meiner eigenen Kollektion eher ein Denkertyp. Ich fand es schöner, die Sache anders anzugehen und trotzdem den grafischen, farblichen Aspekt sowie die Knitwear, also die DNA von Iceberg, hervorzuheben und damit das Know-how der Firma zur Geltung zu bringen. Banales und Poppiges war dabei weniger im Vordergrund, sicher auch weil Jeremy Scott das mit Moschino abgearbeitet hat. Die Aeffe-Gruppe, zu der Moschino gehört, ist in Cattolica am Meer durch eine ganz kleine Straße getrennt von Gilmar, die Iceberg macht. Du schaust rüber zur anderen Firma und damit war für mich klar, dass ich eine andere Richtung einschlagen werde.

Während viele Designer von einer Saison zur nächsten alles über den Haufen werfen, ist es interessant, dass du für deine Kollektion mit der Illustratorin Agathe Singer über zwei Saisons hinweg gearbeitet hast.
Ich habe mir gedacht—so kitschig das klingt—, dass ihre naturbezogenen Illustrationen sich wie die Jahreszeiten durch das ganze Jahr ziehen. Die Inspiration für meine Winterkollektion war der belgische Maler Michaël Borremans, über den ich zur niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts kam, zu der dann ihre Blättermotive sehr gut gepasst haben. Die Zusammenarbeit davor war so schön, dass wir beschlossen haben, das Jahr gemeinsam abzuschließen.

Arthur Arbesser

Deine Affinität zu Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch deine Arbeit. Woher kommt das?
Sicher von meinen Eltern, die ganz bürgerliche Wiener sind und total kunstinteressiert. Unsere Urlaube als Kinder fanden immer nur in Museen und nie an einem Strand oder am Pool statt—was wir als Kinder logischerweise oft auch gehasst haben. Es ging von einem Schloss ins andere, dann in dieses Museum oder jene Kirche. Im Auto ohne Klimaanlage wurden wir ausgefragt über Philipp den Schönen oder Karl V. Jede Reise war ein hardcore Geschichte- und Kultur-Treatment. Meine Eltern waren auch an moderner Kunst interessiert. Von klein auf war ich von uns Geschwistern das Kind, das am meisten darauf angesprungen ist. Ich habe in Saint Martins studiert und in dem alten Gebäude auf der Charing Cross Road war Fine Art im Erdgeschoss und Mode im ersten Stock. Ich habe schon damals in dem Fine-Art-Kurs irrsinnig viele Freunde gehabt. Kunst, Design und Architektur sind die Dinge, die mir am meisten geben. Ich schaue nie auf Mode, um meine Ideen zu bekommen. 

Du scheinst dich auch nicht an einer Subkultur oder an einer bestimmten Epoche zu orientieren, sondern eher an Künstlern.
Wenn du das so siehst, dann ist das wirklich ein Kompliment für mich. Ich versuche nicht, einem gewissen Klientel zu gefallen oder besonders cool oder aggressiv zu sein. Ich mache das, was ich als schön empfinde, was mich als Person weiterbringt. In meinem Fall geht es wohl auf einen konservativen Background zurück. Ich bin nicht motzig auf die Gesellschaft oder muss meine Wut ausdrücken. Ich bin ein ziemlich heiterer Typ, wenn auch nachdenklich. Meine Inspiration kommt primär von etwas, dass ich gesehen oder gehört habe.

Arthur Arbesser

Ich denke, ein Grund für deinen Erfolg ist, dass du Altes nicht neu aufbereitest. Du hast eine eigene und auch authentische Sprache.
Das ist schön, dass du das so siehst, aber das ist eine Sache, an der ich noch weiter arbeiten muss. Wenn du finanziellen Erfolg haben willst, musst du noch konkreter werden. Das ist zwar ein luxuriöser Zustand, in dem ich mich gerade befinde, aber ein Ziel für die nächsten Saisons, ist das Ganze zu konkretisieren. Damit auch der Endverbraucher die Marke und den Look versteht und entscheidet, dass er es gut findet. Das ist ein sehr intimer und persönlicher Gedanke von mir, aber ich muss die Essenz der Aussage mehr herausholen und. 

Meinst du jetzt beide Labels?
Nein, ich spreche jetzt ausschließlich von meinem Label. Bei Iceberg denke ich, dass es darum geht, der Marke einfach wieder mehr Relevanz zu geben, denn sie ist in einen Dornröschenschlaf gefallen. Man hängt immer noch an den Werbungen Oliviero Toscanis und Castelbajacs aus den 80er-Jahren, die natürlich genial waren. Die Marke braucht aber wieder ein neues Fundament. 

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Warum sind dir Freunde so wichtig?
Mode ist ein knallhartes Business. Man ist ein Überlebenskämpfer, jeder für sich. Noch dazu ist es ein internationales Business und man zieht oft um oder weg. All diese Freunde, der Kreis den man um sich bildet, ist wie eine zweite Familie. Ich habe eine Gruppe von Freunden, die zum Großteil auch in diesem Business arbeiten: Journalisten, Stylisten oder Fotografen. Die Freude, die wir miteinander teilen, wenn unsere Projekte wachsen und man sich gegenseitig unterstützt, gibt Rückhalt und Stärke. Eine Show ist wahnsinnig viel Arbeit und eine verrückte Investition, aber auch magisch. Es sind viele Leute involviert und die Pizza nach der Show schmeckt einfach besser zu zwanzigst als alleine, weil du etwas Schönes gemeinsam realisiert hast. Sich gegenseitig inspirieren und pushen von diesem Freundeskreis, den ich zum Glück habe, sowohl in Mailand als auch in Wien—das ist mir wirklich extrem wichtig und eine Quelle guter Energie und Stärke. 

Hast du manchmal deine Freunde im Hinterkopf, wenn du etwas designst?
Ja, extrem oft. Ich denke mir „Das wird sie lieben!" oder „Das wird sie gerne anziehen!".

Iceberg

Du bist geradezu offensiv Wiener und sprichst gerne über deine Wurzeln.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich nicht hier lebe, sondern nur alle ein bis zwei Monate herkomme und dann hier arbeite. Wenn du nicht immer zu Hause lebst, liebst du es viel mehr, denn du bist nicht direkt mit den Problemen konfrontiert. Wenn du einen Schritt zurücktrittst, siehst du einfach vor allem das Schöne und das Gute. Je mehr ich reise, desto mehr sehe ich, wie dicht die Kulturmasse in Wien ist: die Qualität von Museen, Musik—das Kulturleben hier ist auf einem sehr hohem Niveau, im Vergleich zur Größe der Stadt. 

Als Wienerin erkenne ich auch den Wiener in dir. Zum Beispiel darin, dass du das Konservative witzig findest.
Ja, und auch total inspirierend. Mode verbindet die tollsten, wagemutigsten und lustigsten Leute, aber es zieht hin und wieder auch etwas Trashiges an. Ich mag an Wien, dass es so elegant ist und auf eine reiche Geschichte und Kultur zurückblicken kann. Ich bin ein passionierter Botschafter.

arthurarbesser.com

Credits


Text: Magdalena Vukovic
Foto Porträt
: Elsa Okazaki
Fotos: via Pressestelle Iceberg & Arthur Arbesser

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