Fotos: Joachim Mueller-Ruchholtz

Wenn Models die Türen zu ihren Kinderzimmern öffnen ...

Der deutsche Fotograf Joachim Mueller-Ruchholtz zeigt dir die interessantesten Gesichter von Tomorrow Is Another Day.

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01 November 2018, 12:01pm

Fotos: Joachim Mueller-Ruchholtz

Joachim Mueller-Ruchholtz hat sie getroffen. Die aufstrebenden Models, die für Raf Simons laufen, exklusiv von Balenciaga gebucht werden oder auf Calvin Klein Billboards zu sehen sind. Auf seinen Bildern sehen wir sie in Kinderzimmern, Hotelzimmern,in den ruhigen Momenten. In den letzten zwei Jahren hat der Düsseldorfer Fotograf die Jungs auf ihrer Reise zum Erwachsenwerden begleitet und diese in seinem Buch Portraits für die Ewigkeit festgehalten. All diese Models gehören zur renommierten Agentur Tomorrow Is Another Day, die von Eva Gödel gegründet wurde, um die Schönheitsideale in der Branche aufzubrechen.

Male model at home
Jonny D, London

Seit der Gründung im Jahr 2010 entwerfen die von Eva handselektierten Skater Boys, Club Kids und aufstrebenden Kreativen einen Gegenentwurf zum muskulösen Adonis-Modeltyp, der vor allem in den 90ern und frühen 2000ern die Catwalks dominierte. Mit ihrem Streetcast hat sie den Blick der Öffentlichkeit auf Männermode und -körper beeinflusst – denn heute geht es um so viel mehr als ein makelloses Aussehen. Bevor TIAD die Modewelt umkrempelte, setzten nur wenige Designer auf unkonventionelle Typen: "Zuerst habe ich nur Models für Raf Simons gebucht. Er kam nach Köln und fand all die Jungs super spannend, die ich auch der Straße entdeckt habe", erklärte Gödel 2013 in unserer The Street Issue. "Danach wurden auch andere Designer auf uns aufmerksam."


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Zu ihrem Kundenstamm gesellten sich schnell Rick Owens und Stephan Schneider. Mittlerweile scoutet TIAD die interessantesten Jungs für internationale Modenschauen. In der Serie Portraits zeigen sie jedoch eine Seite, die in der Modeindustrie normalerweise ungesehen bleibt. "Ihre Mimik verrät alles. Sie zeigen sich verletzlich, selbstbewusst, sensibel, ehrlich, sicher, erwartungsvoll, offen", erklärt Lucy Kumara Moore in der Einführung zum Buch.

Male model with dog
Leevi, Helsinki

"Eva und ich sind Freunde", sagt der Düsseldorfer Fotograf. "Ich habe ihre Jungs seit Jahren für die Website fotografiert. Ich habe mich immer gefragt, wie man unsere Zusammenarbeit auf das nächste Level bringen könnte. Als Eva dann erwähnte, dass 40 der Jungs im selben Hotel in Paris übernachten, habe ich eine interessante Story gewittert." Bewaffnet mit seiner Kamera, schritt er in die Leben der Models, die eigentlich gerade frei hatten. "Nachdem ich die Jungs in dem Hotel fotografiert habe, besuchte ich sie in der nächsten Saison zu Hause, um der Serie mehr Intimität zu verleihen", erzählt er weiter. Mit Erfolg! Die Fotos, die in natürlichem Licht gehalten sind, enthüllen eine nahbare Wahrheit, die in der typischen Hochglanz-Modefotografie nur allzu gerne weggeblitzt wird.

Male model in his bedroom
Na

"Die Jungs leben in Städten und Vororten, sie lassen dich in ihr reales, alltägliches Leben und im nächsten Moment laufen sie die größten Schauen – aber in der Sekunde, in der ich auf den Auslöser drücke, würdest du es niemals vermuten", sagt der Fotograf. Dieses Thema wird auch von Lucy Kumara Moore aufgegriffen: "Sind sie Jungen oder Männer? Sie sind gefangen zwischen den Welten. Zwischen der Jugend und dem Erwachsensein, zwischen dem Einfachen und dem Luxuriösen."

Male model at home
Saed, Paris

"Schaut man sich die verschiedenen Porträts an, erkennt man, dass einige Jungs unterbewusst die Persönlichkeit von Männern annehmen, die sie aus Filmen und Magazinen kennen. Diese Bilder projizieren sie auf ihre eigenen Körper", schreibt Kumara Moore in der Einleitung zum Buch. "Ein Model sieht aus, wie der Frontmann einer 90er Indie Band, das nächste, wie ein Grunge Fan, dann gibt es den Jim-Morrison-Zwilling, den queeren Liebhaber, den Vater, den Lebemann, den unzufriedenen Einzelgänger."

Male model in bed
Sofianne, Paris

"Ich möchte, dass die Leser die Jungen für das mögen, das sie wirklich sind", erklärt Mueller-Ruchholtz. "Wenn sie die Bilder betrachten und realisieren, dass die Zeit stehen geblieben ist. Dann entdecken sie die Outfits, die Umgebung, die komische Einrichtung, die Bettbezüge. Es ist eine Momentaufnahme, die so nicht mehr zurückkehrt." Es ist eine Welt fernab der kurzlebigen Instagram-Augenblicke, die einen Einblick in die Entwicklung maskuliner Identität geben. Das Buch zeigt nicht, was es heißt, heute ein Mann zu sein – sondern wie man zu einem wird.

Male model in his bedroom
Ning, Paris
Male model relaxing on the sofa
Tom A, London
Male model in his hotel room
Heikke, Paris

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.