richard kerns nie zuvor gezeigte polaroids vom new york der 80er und 90er jahre

„Polarized“ ist eine wahre Fundgrube erotischer Kurzfilme, experimenteller Zines und Testbilder des Fotografen aus dem New Yorker Stadtteil East Village.

von Hannah Ongley
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16 September 2016, 12:50pm

Die Filme und Fotos, die Richard Kern in den 80er und 90er Jahren aufgenommen hat, werden die meisten von uns auch heute noch schockieren. Der langjährige Bewohner des Szeneviertels East Village hat in den Jahren, in denen Downtown noch nicht zum glamourösen Teil Manhattans zählte, die Underground-Kunstszene dokumentiert. Obwohl er nicht abstreitet, dass viele seiner Arbeiten als „erotische Fotografie" eingestuft werden können, wird diese Beschreibung seinem experimentellem Werk nicht gerecht. Wenn der erfolgreiche Porträtist nicht gerade halbnackte junge Mädchen für den Playboy oder zum eigenen Vergnügen ablichtet hat, arbeitete er an seinem neuen Zine The Heroin Addict—das später in The Valium Addict umbenannt wurde—oder steuerte mit erotischen Kurzfilmen seinen Teil zur Undergroundfilm-Bewegung, dem sogenannten Cinema of Transgression, bei.

Frühe Avantgarde-Zines und Ausschnitte aus verlorenem Videomaterial bilden einen Teil der neuen Ausstellung von Kerns Arbeiten im Fortnight Institute. Doch der beeindruckendste Teil besteht aus seiner Polarized-Serie. Die noch nie zuvor gezeigten Fotos des schäbigen East Village und seiner Bewohner sind zum Großteil Testbilder: Fotos von nachgestellten theatralischen Szenen in seiner Wohnung und Porträts von namhaften Kollegen wie Leg Lung und Lydia Lunch. Wir haben uns mit Kern über die Fundstücke aus seinem Archiv, übers Lunchen mit Petra Collins und darüber unterhalten, warum er oft Frauen fotografiert, die seinen Ex-Freundinnen so ähnlich sehen.


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Woher kam dir die Idee zu dieser Ausstellung? Warum möchtest du die Bilder und Videos gerade jetzt zeigen?
Die Besitzerinnen des Fortnight Institute wollten etwas älteres ausstellen, es ist also alter Kram, den ich schon ewig habe. Sie haben nach meinen Fanzines und ähnlichem gefragt, also habe ich ihnen gesagt, dass ich einen Haufen Polaroids habe, die sie zeigen können. Beide arbeiten für Richard Prince. Sie wissen also, was sie tun, sagen wir es so.

Erzähl uns etwas über deine Studentenarbeit als Bildhauer und Land Art-Künstler. Warum hast du dich dafür entschieden, auch diese Fotos in der Ausstellung zu zeigen?
Sie haben mich gefragt, ob ich auch etwas hätte, was noch nie jemand gesehen hat, also habe ich die Dia-Bilder aus meiner Zeit als Student erwähnt. „Das ist gut", meinten sie. Als Student habe ich es geliebt, zu zeichnen, auch wenn es mir nicht leicht gefallen ist. Die Bildhauerei gefiel mir, weil ich schon immer unterschiedliche Dinge verbinden wollte. Ich bin also alle zur damaligen Zeit möglichen Arten der Bildhauerei durchgegangen—ich habe mit Stahl, Keramik und Holz gearbeitet. Einfach mit allem.

Wie war es für dich, dir Fotos und Video anzuschauen, die du vor 20 oder sogar 30 Jahren geschossen hast?
Bei vielen der Polaroids konnte ich mich noch genau an die damalige Situation erinnern, weil ich von vielen der Motive auch richtige Fotos gemacht habe. Die Polaroids waren nur die Testbilder. Als ich damals Filme gedreht habe, hatte ich eine Schwarz-weiß-Kamera und eine Polaroid-Kamera in der Nähe, und ich habe sehr oft beide benutzt. Es war alles vorbereitet, sodass ich immer mit so vielen Medien wie möglich fotografieren konnte. Immer, wenn ich beispielsweise ein Video aufgenommen habe, habe ich auf einem Stativ in der Ecke auch eine Kamera aufgestellt. Es ist komisch, jetzt die Musik zu hören, die ich damals gut fand. Ich frage mich ständig „Was ist das?" Ich glaube, es war Dio—Ronnie James Dio. Dann gab es noch die Nine Inch Nails und die ganzen anderen obskuren Bands.

Also war es für dich merkwürdig, dir im Nachhinein das alte Video-Material anzugucken?
Ja, es gab vieles, das ich bereits vergessen hatte. Es gibt da dieses Video von einem Model—ich habe keine Ahnung, wo ich sie kennengelernt hatte, oder wer sie zu mir geschickt hatte, denn das war alles vor der Zeit des Internets und allem—, die ein Skinhead war. Ihre Haare waren nur etwa einen Millimeter lang, deswegen wollte ich sie fotografieren. Sie war gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Sie ist zusammen mit ihrem Freund festgenommen worden, der auch ein Skinhead war. Sie hatte damals 14 Jahre und er 16 Jahre bekommen, aber sie kam wegen guter Führung früher raus. Sie redet, als hätte sie das Asperger-Syndrom, sie redet und redet. Ich habe mich mit ihr über eine Frau unterhalten, mit der ich mal ausgegangen bin, die auch zur gleichen Zeit wie sie im Gefängnis gewesen war. Ich hatte dieses Mädchen komplett vergessen. Ich habe sie gedatet, als ich noch drogenabhängig war und sie wurde in einen Streit mit der Polizei verwickelt und wurde für fünf Jahre in ein Gefängnis in Texas eingesperrt. Diese Geschichte hatte ich komplett vergessen.

Glaubst du, du wolltest sie deswegen fotografieren—weil sie dich an eine Ex-Freundin erinnert hat? Welche Eigenschaften reizen dich normalerweise an einem Model?
Zunächst müssen sie in ein Profil passen, das wahrscheinlich aus meinen Erinnerungen an all die Frauen besteht, in die ich in meinem Leben verliebt gewesen bin oder zu denen ich mich hingezogen gefühlt habe. Dann gibt es aber auch eine Menge Mädels, bei denen ich es selbst nicht genau weiß—sie kamen rein und ich dachte mir: „Sie ist ganz in Ordnung, ich werde mal ein paar Fotos von ihr schießen." Ich weiß nicht, ob ihr das Gefühl kennt, wenn ihr jemanden anschaut und euch denkt: „Woher kenne ich dieses Gesicht?" Von Geburt an werden wir von den Menschen geprägt, die wir sehen und die uns gefallen. Diese Erinnerungen werden irgendwo im Gehirn abgespeichert und dann reagiert man wieder auf das Gesicht. Es ist komisch, aber bei dem Mädchen, das im Gefängnis gewesen war, ist mir lange, nachdem ich sie fotografiert hatte, aufgefallen, dass sie eine große Ähnlichkeit mit meinem Bruder hat! Das fällt mir auch jetzt immer wieder auf—warum gefällt mir dieses Model? Wem aus meiner Vergangenheit sieht sie ähnlich?

Auf vielen deiner Fotos sind deine Freunde zu sehen. War es sehr anders, Leute zu fotografieren, die du bereits sehr gut kanntest?
Ich denke schon, aber in meinem Alter hat man einfach schon viele Leute kennen gelernt. Es ist interessant, immer und immer wieder auf die gleichen Typen zu treffen. Es gab da diese Frau, die ich diesen Sommer fotografiert habe, die eine Doppelgängerin von einem Mädchen war, mit dem ich vor 30 Jahren mal was hatte. Das gleiche Lachen, die gleiche Persönlichkeit, alles. Es passiert einfach immer wieder.

Stört es dich, dass Leute dein Werk als „erotisch" bezeichnen?
Ich weiß nicht, ob erotisch der richtige Begriff ist, um ehrlich zu sein. Es soll einfach gut aussehen. Ich sitze nicht da und denke mir: „Ich werde mit diesem Foto jemanden richtig scharf machen. Jemand wird es sich angucken und total erregt sein." Daran denke ich überhaupt nicht. Ich mache viele Fotos dieser Art—ich glaube, dass es mir in dem Buch Shot by Kern ganz gut gelungen ist, auch einige meiner normalen Sachen einfließen lassen, wie zum Beispiel in der Reihe Medicated—Frauen mit der Pille und sowas—aber um dieses Bild zu haben, brauchte ich auch all die anderen Bilder von Frauen, die im Bett liegen und dabei sexy aussehen.

Wie ist es dazu gekommen, dass du mit Petra Collins zusammenarbeitest und zu ihrem Mentor geworden bist?
Petra und ich haben gerade erst vor einer Stunde zusammen Mittag gegessen! Wir haben uns 2010 über einen Typen kennengelernt, der meinte, er würde in Toronto eine Ausstellung für mich organisieren, aber er konnte keinen Raum dafür finden. Als er schließlich einen gefunden hatte, hat sich schnell rausgestellt, dass er dem der damaligem Freund von Petra gehört hat. Petra war auch da und hat wie verrückt gearbeitet, hat beim Streichen, Tragen und Dekorieren geholfen. Damals war sie erst 17. So habe ich sie kennengelernt.

Und sie hat dann damit begonnen, neue Models für dich zu suchen?
Als ich dann das nächste mal nach Toronto gereist bin, ja. Und auch danach noch einige Male. Für Shot by Kern hat sie ein offenes Casting veranstaltet, und mir beim Shooting für ein Video geholfen—ich habe sie dann als meine Assistentin engagiert. Außerdem hat sie mich auf gewisse Weise auch zu der Reihe Medicated inspiriert, von der ich gerade gesprochen habe. Sie hat mir von all den jungen Frauen—Kindern—erzählt, die Medikamente einnehmen. Es hat sich sofort nach einer tollen Idee angehört. Für dieses Projekt habe ich Petra auch fotografiert.


Inwiefern hat ihr Casting dich als Fotografen beeinflusst?
Es war fantastisch, denn sie hat damals bei American Apparel gearbeitet, und es gab eine Zeit, in der Laden total beliebt war. Er wurde zu meiner Modelquelle. Es wurden Mädels angestellt, die andere junge Frauen ansprechen würden, um sie zu fragen, ob sie nicht auch in dem Laden arbeiten wollten, und diese Mädels halfen mir normalerweise dabei, Models zu finden. Petra nahm mich in Toronto einfach mit zu American Apparel und wir haben die Mädels direkt angefragt: „Hey, hast du Lust, dich fotografieren zu lassen?"

Was interessiert dich nach all den Jahren immer noch am East Village?
Das Interessanteste ist, dass ich eine 3-Zimmer-Wohnung habe und nur 1.500 Dollar zahle. Deswegen bin ich hier. Auch großartige ist aber auch, dass es einst eine total hippe Gegend gewesen ist. Ich bin hierher gezogen, bevor sie so beliebt wurde, dann war sie plötzlich total cool, und jetzt ist das Gott sei Dank wieder Vergangenheit. Jetzt ist es einfach eine angenehme Gegend zum Wohnen.

„Polarized" ist noch bis zum 9. Oktober 2016 im Fortnight Institute in New York zu sehen.

Credits


Text: Hannah Ongley
Fotos: Richard Kern

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