Wie nehmen wir heutzutage Drogen?

Welche Drogen werden heutzutage konsumiert? Wie oft und wo werden sie gekauft? Wir haben den Suchtexperten Dr. Adam Winstock vom Global Drug Survey zum Gespräch getroffen und uns über den sich verändernden Drogenkonsum unterhalten.

von Dean Kissick
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14 April 2016, 3:35pm

"Du landest auf einer einsamen Insel und es gibt Magic Mushrooms, Cannabis, Kokain und MDMA, welche davon würdest du für eine neue Droge aufgeben?", fragt Dr. Adam Winstock, der Gründer der weltweit größten Drogenumfrage, Global Drug Survey. An der Umfrage haben im letzten Jahr über 32.000 Menschen aus Deutschland teilgenommen. Die Umfrage, die in Zusammenarbeit mit ZEIT ONLINE durchgeführt wird, dient dazu, eine zuverlässige und unabhängige Datenquelle zum Drogenkonsum in Deutschland und der Welt zu bekommen und gleichzeitig auch die Leute, die Drogen konsumieren, über die Substanzen aufzuklären – und das ohne erhobenen Zeigefinger.

Ersonnen hat sich die Umfrage der Suchtexperte und Facharzt für Psychiatrie Dr. Adam Winstock. Er glaubt, dass die meisten Leute bei den Drogen bleiben, die sie kennen, Magic Mushrooms, Cannabis, Kokain und MDMA, weil sie eine angenehmere Erfahrung bieten als die neuen synthetischen Gemische, die in den letzten Jahren aufgekommen sind. "Wenn ich mir die weltweiten Schlagzeilen und VICE-Dokumentationen anschaue, in denen auf der Straße in großen Städten gefakte Cannabis-Ersatzstoffe konsumiert werden", erklärt er, "dann hab ich langsam den Eindruck, dass diese Substanzen ihren Platz in der Drogenhierarchie gefunden haben – ganz unten." Winstock spricht natürlich über die Kräutermischungen zum Rauchen, die unter Namen wie Blueberry Kush, K2 oder Spice verkauft werden, und deren illegaler Erwerb ohne großen Aufwand möglich ist. Bereits zum dritten Mal kommt das Global Drug Survey zu dem Ergebnis, dass bei den sogenannten Cannabinoiden genannten Stoffen die Wahrscheinlichkeit höher liegt, in der Notaufnahme zu landen, als bei allen anderen Drogen (harte Drogen wie Heroin, Crystal Meth und Crack wurden dabei nicht berücksichtigt). 2015 sind 3,5 Prozent der Konsumenten von Cannbinoiden in der Notaufnahme gelandet. Dieser Wert klettert auf 12,5 Prozent bei denjenigen, die mehr als 100 Mal pro Jahr Cannobinoide konsumieren. Das Risiko liegt um 30 Prozent höher als bei den Konsumenten von tatsächlichem Cannabis. "Als Faustregel gilt: Je billiger die Droge, desto höher ist das Risiko", schlussfolgert der Suchtexperte.


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Zu den interessantesten Ergebnissen der Umfrage gehört, dass die meisten Konsumenten diese synthetischen Drogen nicht nehmen, weil sie legal und angeblich sicher sind – Gründe, die oft in den Medien genannt werden –, sondern weil sie billig sind. Viele der Befragten würden – wenn sie die Wahl und genügend Geld hätten—auf die angenehmste Droge mit den geringsten Nebeneffekten zurückgreifen. Das ist aber oft einfach nicht möglich. Nur, weil man gerne high ist, ist man nicht automatisch dumm. Vielen fehlt einfach das Geld, sich qualitativ bessere Drogen zu leisten. Viele sind einfach verzweifelt.

Kokain ist nach wie vor die Droge für die Wohlhabenden. Für ein Gramm zahl man in Deutschland durchschnittlich 71 Euro. Ein Trend, den die Forscher beobachten, ist der zunehmende Aufspaltung des Marktes in Produkte, die unreiner und deswegen billiger sind, und Produkte, die reiner und damit teurer sind. Aber mit einem höheren Reinheitsgrad steigt auch das Risiko für eine Überdosis, da es einfach ist, von reinem Stoff zu viel zu nehmen als von unreinerem. Der Suchtexperte erklärt sich das so: "Qualitativ bessere Drogen verursachen mehr Schäden als qualitativ schlechtere Drogen, besonders wenn man nicht weiß, was man überhaupt zu sich nimmt."

Zunehmende Reinheit ist ein Trend, der sich im ganzen Drogenspektrum breitmacht. In Deutschland kostet eine Ecstasypille durchschnittlich 8,71 Euro. Zum Vergleich: In England zahlt man umgerechnet 11 Euro. Die Ecstasypillen sind dabei so stark wie nie zuvor und 32 von 5.250 Nutzern mussten den Notarzt aufrufen. Pillen beinhalten mittlerweile 200 oder 300 Milligramm MDMA, das ist das Zwei- oder Dreifache der empfohlenen Maximaldosis. VICE-Journalist Thijs Roes hat niederländische Ecstasy-Hersteller, die die Weltmärkte beliefern, interviewt und sagt: "Ein Hersteller hat mir gesagt, dass die Produzenten untereinander im Wettbewerb stehen und sich übertrumpfen wollen. Der andere bewirbt seine 330-Gramm-Pille als Flagship-Produkt, eine Strategie, um sich einen Namen in der Szene zu machen."

Zu den Umfrageergebnissen gehört auch, dass sich die Art und Weise, wie wir Drogen nehmen, verändert hat. Viele Partysüchtigen leben nach dem Motto „Mehr ist besser". "Mehr Drogen bedeuten nicht, dass die Nacht besser wird. Es geht eher darum, die richtige Dosis, die für sich richtige Einnahmeweise zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort für sich selbst herausfinden", beobachtet Dr. Winstock.

Als MDMA Ende der 80er auftauchte, war sie die Droge der Raver. Aber die Jugendkultur verändert sich ständig. Heutzutage wirft man sich eher eine Pille auf einer Privatparty oder zu Hause auf dem Sofa mit dem Partner ein als auf dem Dancefloor. Dasselbe gilt für Kokain. Die Realität sieht heute doch so aus, dass ein Abend in der Bar unnötig in die Länge gezogen wird, in dem man zu jemanden nach Hause geht und sich dort so viele Lines zieht, bis die Sonne aufgeht. Danach ist man trotzdem nicht glücklicher. Drogen nehmen wurde an sich zu einem erstrebenswerten Ziel. Einige Menschen nehmen nur Drogen, um sich abzuschießen. Ich vermisse die Clubszene der 80er und 90er, als Drogen genommen wurden, um etwas zu verbessern. Heute scheint das einzige Ziel darin zu bestehen, sich zu zuballern. Und ich bin mir nicht sicher, wie man das ändern kann.

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