aus dem leben einer demisexuellen

Und ja, das gibt es wirklich.

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Nov. 18 2015, 9:40am

Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal von Demisexualität erfuhr, öffnete mir das die Augen.

Ich war 22, surfte im Internet, las Artikel über Gender und Sexualität und ich entdeckte das AVEN Wiki, betrieben vom Asexual Visibility and Education Network. Auch wenn ich mich für eine fortschrittliche Mitstreiterin der LGBT-Community sah, sah ich mich selbst doch immer als klassisch heterosexuelle Frau. Ich hätte nie geglaubt, dass ich ein besseres Wort für meine sexuelle Orientierung finden würde.

Demisexualität ist eine sexuelle Orientierung, bei der nur dann eine sexuelle Anziehung empfunden werden kann, wenn vorher eine tiefe emotionale Bindung zu jemandem aufgebaut wurde.

Ich war auf der Schule verknallt, aber nie in Prominente. Ich mochte Sex, konnte aber nie jemanden finden, mit dem ich Sex haben wollte. Ich fand bei ein paar Typen, dass die ganz gut aussehen, aber attraktiv? Hot? Sexy? Nie. Im Nachhinein sollten sich diese Kleinigkeiten als frühe Formen von Demisexualität herausstellen.

Ich wusste, was Asexualität ist: wenn man niemanden sexuell attraktiv findet. Die meisten Asexuellen interessieren sich nicht für Sex, ich mich aber schon. Es war nur so, dass ich an einer Hand abzählen konnte, wen ich sexuell anziehend fand. Das Wort Demisexualität, als einer der vielen Spielarten unter dem Label Gray-Asexualität, gab meiner Identität einen Namen.

Demisexualität ist eine sexuelle Orientierung, bei der nur dann eine sexuelle Anziehung empfunden werden kann, wenn vorher eine tiefe emotionale Bindung zu jemandem aufgebaut wurde. Es ist keine selbstgewählte Präferenz, weil Demisexuelle diese Bindung haben müssen, um überhaupt eine sexuelle Anziehung spüren zu können. Und auch wenn eine Bindung besteht, muss daraus nicht notwendigerweise die sexuelle Anziehung folgen.

Das erste Mal tauchte der Begriff 2006 in einem Thread in AVEN-Foren auf und wurde dort von Usern geprägt und populär gemacht. Ins öffentliche Bewusstsein gelangte er durch die stärker werdende Sensibilität gegenüber Asexualität. Wenn man sich als Demisexueller outet, kommt es nicht oft vor, dass das Gegenüber damit nichts anfangen kann. Die meisten Demisexuellen, mit denen ich gesprochen habe, mussten bei ihrem Coming-out erst einmal erklären, was es bedeutet, so zu sein, sich dafür rechtfertigen und unangebrachte Fragen über ihr Sexualleben ertragen.

Unter Demisexuellen gibt es eine große Vielfalt an Meinungen über Sex. Laut dem AVEN Community Census von 2014 finden 16 Prozent der Demisexuellen Sex abstoßend, das heißt in der ein oder anderen Form widert sie Sex an, dabei geht es nicht nur um den körperlichen Akt an sich, sondern auch sexuelle Referenzen. 30 Prozent stehen Sex offen gegenüber. 50 Prozent der Demisexuellen haben keine einheitliche Meinung zu dem Thema, das heißt, dass sie Sex haben können oder auch nicht. Man konnte bei dieser Umfrage mehrere Antworten geben. Demisexuelle haben - wie Angehörige anderer sexuellen Orientierungen auch -persönliche Vorlieben, was sexuelle Aktivitäten wie Masturbation, BDSM oder Pornos angeht. Demisexuelle sind so unterschiedlich in ihren sexuellen Identitäten wie es Demisexuelle gibt.

Viele weibliche Demisexuelle müssen die Erfahrung machen, dass ihre Identität als normale weibliche Sexualität abgetan wird. Es kommt auch vor, dass ihre demisexuelle Orientierung als Produkt einer prüden Herkunft oder Religion diffamiert wird.

Das Dating-Leben kann für sie aufgrund von schnellen Sexerwartungen schwierig, wenn nicht sogar beängstigend, sein. Die Suche nach einem Partner durch konventionelles Dating stellt Demisexuelle vor eine schier unlösbare Aufgabe. Es kann lange dauern, bevor Gefühle für sexuelle Anziehung entstehen - wenn es überhaupt passiert - und zu diesem Zeitpunkt hat die andere Person vielleicht dann schon das Interesse verloren. Einige Demisexuelle finden es erfolgsversprechender, wenn sich Beziehungen aus Freundschaften heraus entwickeln.

Doch auch in Beziehungen kann es Konflikte geben. Während einige Partnerschaften mit Leuten aus dem nicht-asexuellen Spektrum funktionieren, scheitern wiederum andere. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Die Partner sind sexuell nicht kompatibel. Sie werden zu Sex genötigt, um ihre Partner zu befriedigen. Andere Demisexuelle haben Angst, sich gegenüber ihrem Partner als eben solcher zu outen, weil sie auf Ablehnung bei der Person in der Welt stoßen könnten, von der sie hoffen, dass sie ihr am meisten vertrauen können.

Eine der Strategien, um Demisexualität lächerlich zu machen, ist zu sagen, wie Leute normalerweise sind. Der Unterschied zwischen Demisexualität und normaler Sexualität liegt in der Unterscheidung von Anziehung und Verhalten. Viele Leute entscheiden sich dafür, keinen Sex mit Leuten zu haben, die sie nicht gut kennen. Dennoch können sie sich anfangs sexuell zu dieser Person hingezogen fühlen, auch wenn sie dieser Person nicht vertrauen. Demisexuelle Personen sind nicht in der Lage, diese sexuelle Anziehung zu empfinden, solange sie keine emotionale Bindung aufgebaut haben. Wie jeder andere auch, können sie dann entscheiden, ob sie Sex haben oder nicht.

Einige machen die Hormone für Demisexualität verantwortlich - dass sie behandelbar ist - und andere missinterpretieren es als Weg, um sich in den Vordergrund zu drängeln und besonders zu sein. Gerade jungen Leuten wird gesagt, dass sie Spätzünder seien oder dass sie noch zu jung seien, um sich so bezeichnen zu können. Was diese Kritiker aber vergessen, ist, dass eine Bezeichnung für jemanden, der sich anders als die anderen fühlt, positiv anfühlen kann.

Viele weibliche Demisexuelle müssen die Erfahrung machen, dass ihre Identität als normale weibliche Sexualität abgetan wird. Es kommt auch vor, dass ihre demisexuelle Orientierung als Produkt einer prüden Herkunft oder Religion diffamiert wird. Diese Demisexuellen, genauso wie Demisexuelle mit Behinderungen oder Demisexuelle, die Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, wird es nicht leicht gemacht, eine Identität auszubilden, die so einfach zu einem Klischee verkommen kann.

Aktivisten haben noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Asexualität ist nur in der westlichen Welt bekannt, in vielen anderen Ländern existiert kein Bewusstsein dafür. Viel hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Demisexuelle werden immer sichtbarer, auch auf Social Media. Ich habe das Demisexuality Resource Center gegründet, um für ein stärkeres Bewusstsein zu sorgen. Es ist bis jetzt die einzige Website, die sich ausschließlich mit Demisexualität (und nicht Asexualität als Ganzes) beschäftigt. Je mehr Leute über Demisexualität erfahren, desto mehr Leute werden entdecken, dass sie nicht alleine sind, dass ihre Gedanken und Gefühle nicht falsch sind.

Credits


Text: Arf Gray
Foto: Sascha Kohlmann via Flickr