ezra furman, der jüdische rock’n’roll superstar

Ezra Furman trägt roten Lippenstift, Kleider und singt über seinen Glauben.

von Andy Morris
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16 Juli 2015, 11:10am

„Aus den Weirdos werden Helden. Wenn das für euch Rock 'n' Roll ist, dann sind wir Rocker", sagt Ezra Furman mit Kippa auf dem Kopf, Perlenkette, U-Boot-Ausschnitt, Rock, Strumpfhosen, schwarzen Socken und einem leuchtend roten Lippenstift auf der Bühne vor dem Publikum des Rough Trade Flagship Stores im Osten Londons. Ezra Furman ist hier, um sein neuestes Album vorzustellen - mittlerweile sein sechstes -, was man im Store zwischen John Frusciante und The Fresh and Only findet.

Ezra findet die Situation ganz offensichtlich surreal. Er gehört definitiv zu den Live-Acts, über die momentan am meisten gesprochen wird. Björk war Gerüchten zufolge bei seinem Soundcheck und dank der Aufsteller läuft er an 41 Bildern von sich auf dem Weg zur Bühne vorbei. Sein Manager trifft die Entscheidung, dass Ezra Furman kein Künstler-Armband benötigt, wenn die Security den 28-jährigen Chicagoer mit Lippenstift und Rock nicht erkennt, dann sind sie ganz offensichtlich nicht aufmerksam genug.

Ezra auf der Bühne zu sehen ist wie Jonathan Richman mit Make-up auf Bühne zu sehen, wie er Songs mit Loudon Wainwright performt und dabei von einer Doo Wop-Band begleitet wird, deren Mitglieder so aussehen, als ob sie einen leicht umhauen könnten. Sein Sound ist außergewöhnlich: geschmeidiger, agiler Rock 'n' Roll. Er widmet einen Song dem niederländischen Zollbeamten, der ihn am selben Tag gefragt hat: „Sind wissen schon, dass sie ein Kleid tragen?". Wir sprachen mit dem Musiker backstage über Ratschläge von Lou Reed, seine Liebe zu Fiona Apple und warum Beyonces „XO" wie Liebe ist.

Beschreibe uns das erste Mal, als du auf der Bühne ein Kleid getragen hast.
Es war im Sommer 2011 und ich dachte mir: ‚Es fühlt sich gut damit in der Öffentlichkeit an, anstatt mich im Kleiderschrank einer Freundin zu verstecken.' Es gab immer noch den trennenden Moment: Ich denke, meine Band und der Großteil des Publikums hielten es für eine Art Witz. Was OK ist, es sorgt für eine kognitive Distanz. Ich erinnere mich, dass ich mir dachte: ‚Ich wünschte, ich würde mich genauso wohl fühlen, wenn ich es morgen trage.' Außerdem die große Angst vor Ablehnung natürlich. Dass mich die Leute angucken, auslachen und mich auseinanderreißen. Letztlich war es OK.

Wer ist deine Stilikone?
Ich hatte einen Freund namens Cantwell Faulkner Muckenfuss IV - der wahrscheinlich beste Dresser, den ich jemals getroffen habe. Der fand Dinge wie einen violetten, glitzernden Pailetten-Jumpsuit, der rechteckige Löcher da hatte, wo normalerweise die Brustwarzen bedeckt sind.

Kommst du aus einer musikalischen Familie?
Nicht meine Vorfahren, aber meine Geschwister: mein Bruder ist in einer Band. Ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich „Sail Away" von Randy Newman in der Plattensammlung meiner Eltern gefunden habe, was ich wirklich wie einen Schatz hüte. Meine Eltern standen auf echt gute Songwriter: „Graceland" von Paul Simon war ein wichtiges Erbstück. Es wird niemals alt, es ist so gut.

Dich hat Velvet Undergrounds Loaded inspiriert. Hast du Lou Reed schon mal live gesehen?
Ich habe ihn sogar getroffen. Er war Keynote-Speaker beim South by Southwest Festival 2008 und alle Bands spielten Coverversionen von Lou Ree-Songs. Er machte mir für meine Version von „Heroin" ein Kompliment, was ich solo auf einer Akustikgitarre gespielt hatte. Er hat mich gefragt, ob ich Heroin genommen habe. Ich antwortete nein. Er sagte: ‚Gut. Nimm den Scheiß nie!'.

Welche Aspekte bei Punk magst du besonders?
Für mich war es als 12-Jähriger etwas Neues, dass man seine Außenseiterrolle mit Stolz tragen kann. Es als etwas zu behandeln, dass man feiert, anstatt davon eingeschüchtert zu sein und sich dafür zu schämen. Mehr als alles andere ging es um Selbstakzeptanz. Zu sagen: ‚Ja, ich bin nicht so, wie mich verschiedene autoritäre Instanzen haben wollen. Und das es eher eine gute als eine schlechte Eigenschaft ist.'

Was liest du im Moment?
The Ghost Network von Catie Disabato. Es ist erst ein Krimi, schweift dann aber ab, wie zum Beispiel zum stellvertretenen Kartografen Christopher Columbus. Und ich lese die Tora und das Alte Testament, ziemlich regelmäßig sogar.

Wie schwer fällt es dir, auf Tour deinen Glauben zu praktizieren?
Ich denke, dass es das zweite Mal ist, dass ich Schabbat nach meinen Lebensgewohnheiten begehe. Ich halte es fake koscher und ich bin Vegetarier. Mein Ziel ist es, dreimal am Tag zu beten. Ich halte mich nicht immer daran und das liegt hauptsächlich daran, dass ich erschöpft bin oder es nicht der richtige Moment ist. Es ist schwierig.

Gibt es einen zeitgenössischen Künstler, der dich inspiriert?
Ich habe gerade an Fiona Apple gedacht. Sie ist toll. Ihr letztes Album ist ein Klassiker. Es ist vollgepackt mit Energie und Power. Das Album hat eine ruhige, brodelnde Wut. Ich würde es hassen, ihr Ex-Freund zu sein.

Was ist der beste Ratschlag, der dir jemals gegeben wurde?
Ich habe M. Ward gesehen, als ich 18 war und ich habe mit der Vorband Devotchka gesprochen. Ich habe einen Typen um Rat als professioneller Musiker gefragt. Ich erinnere mich nur noch an einen Satz: ‚Jeder denkt, dass er weiß, was du tun solltest. Aber nur du kannst wissen, was du tun solltest.' Es hat lange gedauert, bis ich es wirklich verinnerlicht hatte, aber ich lebe nach dem Credo.

Was treibt dich an, wenn du performst?
Als schüchterne Person baut man viel Anspannung auf. Ich bin auf mehrere Arten sozial unterdrückt. Besonders wenn ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bin, was die meiste Zeit so ist. Gerade bin ich in meiner gewohnten Umgebung auf gewisse Weise, auch wenn ich im Ausland bin. An der Wand hängt ein Bild von mir. Die meisten Orte sind feindliches Territorium. Wenn man das Gefühl hat, nicht die Wahrheit sagen zu können, dann baut sich viel Anspannung auf. Das bricht sich dann in einem Song Bahn.

Welche Musik magst du, von der die Leute überrascht sind?
Die Leute sind überrascht davon, dass ich Beyoncé mag. „XO" ist ein Meisterwerk. Es ist einer dieser Songs, die tatsächlich so versuchen zu klingen wie die Liebe. Es gibt ein paar Songs, die für mich so klingen: „Little Star" von den Elegants ist ein alter Doo Wop-Song. Wenn ich diesen Song höre, dann berührt er genau die Stellen, die auch die Liebe berührt.

Wie sieht die Zukunft aus?
Alles kann passieren.

Ezras neues Album Perpetual Motion People ist bei Bella Union erschienen und ab sofort überall erhältlich.

Credits


Text: Andy Morris
Foto: Phil Sharp

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