diese junge modedesignerin entwirft innovative mode für rollstuhlfahrer

Lucy Jones beweist, dass Rollstuhl-gerechte Kleidung nicht hässlich sein muss.

von Courtney Iseman
|
20 Juli 2015, 12:58pm

photo courtesy Lucy Jones

Die in Wales geborene und frischgebackene Parsons-Absolventin Lucy Jones macht wunderschöne Avantgarde-Mode für Leute im Rollstuhl. Minimalistische Designs im Stil von Helmut Lang mit modularen Komponenten für mobilitätseingeschränkte Personen. Nachdem sie mehrere Preise gewonnen hat, darunter den Parson's Womenswear Designer of the Year Award, steht sie unter besonderer Beobachtung mehrerer Leute aus der Mode-, Tech- und Gesundheitsbranche, die sie sich darauf freuen, was wir noch von ihr sehen werden. Wir trafen die Newcomerin und sprachen mit ihr über ihre Kollektion und über das Verhältnis von Menschen mit einer Behinderung zur Modebranche.

Wie bist du zur Mode gekommen?
Ich wusste schon lange, dass ich Mode studieren wollte. Ich habe Darstellendes Spiel in der Schule belegt und mich hat viel mehr interessiert, was ich auf der Bühne tragen würde. Als ich dann an der Parsons School studierte, habe ich gelernt, dass Mode natürlich viel mehr ist.

Was hat dich inspiriert?
Als ich noch in Wales gewohnt habe, war meine erste richtige Modeausstellung, die ich sah, 30 Years of Japanese Fashion. Als ich Issey Miyakes Arbeiten gesehen habe, war ich einfach nur hin und weg. Danach wusste ich, worum es in der Mode wirklich geht: Innovation und Schnittmuster. Mich interessiert der technische Aspekt an Mode und das hat sich bis heute so gehalten. Ich bin besessen von technologischen Innovationen und was das für die Mode bedeutet.

Also du verfolgst genauso sehr was im Technologie-Bereich passiert wie in der Mode?
Ja, weil ich so ein Nerd bin! Ich liebe das MIT. Ich bin immer auf dem neuesten Stand, woran sie gerade forschen. Ich mag ihren interdisziplinären Designansatz, wenn Modedesigner zum Beispiel mit Ingenieuren oder Industriedesignern zusammenarbeiten.

Warum hast du angefangen, Mode für Rollstuhlfahrer zu entwerfen?
Ich hatte das Seminar Design Communication belegt und wir sollten ein Projekt entwerfen, das die Welt verändert. Ich habe meinen Cousin Jake [dessen linke Körperhälfte gelähmt ist, aber der keinen Rollstuhl benutzt] gefragt, wie er sich anzieht. Er sagte ‚Meine Mutter hilft mir'. Das konnte ich nicht glauben, weil ich gesehen habe, wie viel er eigenhändig und selbstständig macht. Es gab einen Satz, der meine ganze Meinung über Mode und deren Potenzial, Dinge zu ändern, verändert hat. Ich habe ihn gefragt, was es für ihn bedeuten würde, wenn er eine Hose hätte, die er sich selbst mit einer Hand anziehen könnte und er antwortete ‚Das wäre der nächste Schritt, nicht behindert zu sein'. Ich dachte nur, wie verrückt es ist, dass das nur durch Kleidung möglich sein soll.

Wie müssen wir uns den Designprozess der ganzen Kollektion vorstellen?
Ich habe Interviews mit Leuten geführt und Fokusgruppen gehalten, weil ich von ihnen wissen wollte, was sie möchten, was ihre Probleme sind und wie ich sie lösen kann. Ich habe relativ schnell begriffen, dass so viele Probleme mit Funktionalität und dem An- und Ausziehen zu tun haben. Ich musste mich auf eine Sache konzentrieren. Also entschied ich mich dazu, mich auf sitzende Körper zu konzentrieren, also auf Leute, die im Rollstuhl sind und selbst die Räder drehen. Ich habe versprochen, dass ich damit beginnen würde und dann nach und nach in andere Bereiche expandiere und andere Formen der Behinderung abdecken würde. Um einen Anfang zu finden, habe ich sehr viel mit Ronnie zusammengearbeitet. Wir haben uns bei ihr zu Hause getroffen und haben stundenlang über Mode gesprochen. Sie hat es nicht gemerkt, aber einfach dadurch, dass sie mit mir gesprochen hat, hat sie mir in meinem Designprozess geholfen.

Wie denken die Menschen mit Behinderung, mit denen du gesprochen hast, über Mode und Stil?
Mode bedeutet für sie vor allem eins: viele Erschwernisse und dass sie sich von der Modeindustrie ausgegrenzt fühlen. Aber die meisten von ihnen interessieren sich total für Mode und wünschen eine größere Auswahl. Wenn wir Menschen ohne Behinderung shoppen gehen, haben wir eine unendliche Auswahl, aber für sie gibt es nur wenige Optionen. Es gibt die Kinderabteilung und es gibt eine Abteilung für Schwangere. Ich denke, dass es eine Abteilung für Rollstuhlfahrer geben sollte, wo man dieselben Looks nur für sitzende Leute kaufen kann.

Du hast den Womenswear Designer of the Year Award und den Empowering Imagination Award der Parson gewonnen. Wie fühlt sich die ganze Anerkennung an? 
Ich kann das nicht in Worte fassen. Ich habe nie an einen Sieg gedacht. Ich habe so viel Liebe empfunden für die Leute, die ich getroffen habe, während ich für dieses Projekt recherchiert und gearbeitet habe. Ich hätte nie geglaubt, dass die Industrie wirklich verstehen würde, worum es mir dabei geht. Der Umstand, dass sie es doch tat, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Außerdem bekam ich viele E-Mails von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die mir „Danke, dass du uns wahrnimmst" geschrieben haben. Aber das Beste daran ist, dass Leute, die normalerweise nicht an Mode interessiert sind, sich dafür interessieren - das MIT zum Beispiel. Es gibt dort das Open Style Lab, ein Zusammenschluss von Ingenieuren, Therapeuten und Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen - Leute, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, um herauszufinden, was wir gemeinsam erreichen und verändern können.

Woran arbeitest du im Moment?
Ich arbeite gerade an mehreren Kollaborationen und hoffentlich werde ich auch mit dem Open Style Lab vom MIT zusammenarbeiten. Ich habe von der New School ein Stipendium erhalten und werde verschiedene Schnitte entwickeln, die als freizugängliches Material im Internet zum Download bereitgestellt werden. Ich möchte, dass meine Schnittmuster kostenlos als Download zur Verfügung stehen, denn so können Leute mit daran arbeiten und auf meiner Arbeit aufbauen.

Credits


Text: Courtney Iseman
Fotos: Courtesy of Lucy Jones