gibt es eine ästhetik weiblicher macht?

Angela Merkel, Theresa May und Hillary Clinton: Einige der mächtigsten Politiker sind heutzutage Frauen. Aber sexistische Artikel über ihre Outfits verhindern oftmals eine ernsthafte Diskussion über ihre Politik.

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Aug. 10 2016, 8:55am

„Zieh' dich schäbig an und sie werden sich an das Kleid erinnern. Zieh' dich tadellos an und sie erinnern sich an die Frau." Diese Worte von Coco Chanel wiederholt die Geschäftsfrau Katherine, gespielt von Sigourney Weaver, im Film Die Waffen der Frau aus dem Jahr 1988 immer und immer wieder. Gerichtet sind sie an Tess, eine ambitionierte junge Frau aus der Kleinstadt, die in der männerdominierten New Yorker Geschäftswelt nach Erfolg haben will. Die Botschaft ist einfach wie direkt: Wenn du erfolgreich sein willst, muss du dich entsprechend anziehen—der Style aus dem Film ist besser bekannt als Power Dressing. Ein Begriff für die Mode der 80er aus Anzugjacken, schwindelerregend hohen High Heels, breiten Schulterpolstern und natürlich den riesigen Dauerwellen. Der Look war die perfekte Mischung zwischen Glamour und Androgynität und verschwand in den Annalen der Modegeschichte so schnell wie die Mode in den 90ern minimalistisch wurde. 25 Jahre später und die skulpturalen Silhouetten feiern bei Balenciaga ihr Comeback. Aber ist Power Dressing immer noch ein politisches Statement oder ist er ein Relikt aus der Vergangenheit?

Die Frage ist wieder aktuell. Mit Theresa May gibt es nach Margaret Thatcher die zweite Premierministerin in Großbritannien überhaupt. Die Boulevardpresse stürzte sich gleich auf ihr Outfit. Die Sun veröffentlichte am Tag nach ihrer Vereidigung eine ziemlich geschmacklose Titelseite: „Heel, Boys". Darunter sind ihre Leo-Print-Pumps zu sehen, die auf ihren männlichen Ministern herumtrampelt. Das war bei Weitem nicht das erste Mal, dass die Schuhe Theresa Mays herhalten mussten, um ihre politische Karriere zu illustrieren. Aber warum ist das so?

Die Schlagzeile in der Sun hat natürlich einen Fetisch-Unterton: Die Premierministerin wird darin zu einer Domina, die ihre männlichen Widersacher dominiert. Das war nicht der einzige Bericht, in dem übermäßig auf die Kleidung der britischen Regierungschefin eingegangen wurde. Es wurden ganze Artikel über ihren ihren Color-Blocking-Mantel geschrieben. Die Kommentatoren zerrissen sich über das schmeichelnde Kleid von Roland Mouret und die Sun veröffentlichte einen Listicle mit ihre schicksten Looks. Auch Franz Josef Wagner von der Bild interessierte sich vor allem für ihre Schuhe.

In der Politik herrscht eine Doppelmoral vor. Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn wurde zwar für seinen Jogginganzug kritisiert, allgemein werden in den Medien aber vor allem die Outfits von Frauen und den Ehefrauen von Politikern besprochen. Der Dresscode für die Herren ist ziemlich einfach und so viel kann man auch nicht über einen Anzug und eine Krawatte schreiben. Die Kleiderwahl der Damen erlaubt hingegen ein größeres Maß an Individualität und wird danach analysiert, welche möglichen Botschaften sich dahinter verstecken. Oder anders ausgedrückt: Ob eine Frau für einen Job geeignet ist, wird an ihren Outfits gemessen. Hillary Clinton muss sich das seit dem Beginn ihrer politischen Karriere gefallen lassen. Die Debatte um ihre Politik wurde oft nur auf ihre bunten Outfits reduziert. Vanessa Friedman von der New York Times findet, dass es Clinton endlich geschafft hat, die Aufmerksamkeit von ihrem Äußeren abzulenken, in dem sie einfach „jeden gelangweilt hat", und zwar mit einer Reihe nichtssagenden Outfits. Was allerdings auch eine ganz andere Frage aufwirft: Warum wird immer angenommen, dass sich Mode und Politik gegenseitig ausschließen?

Das entsteht vielleicht aus der Annahme heraus, dass Mode oberflächlich ist und von den wirklich wichtigen Dingen ablenkt. Um es ein für alle Mal klar zu stellen: Das stimmt nicht. Es geht hier nicht darum, ein neues Tabu aufzustellen. Die Outfitwahl beeinflusst natürlich die öffentliche Wahrnehmung und ist eine Analyse wert. Lobenswert ist, dass nur ein Bruchteil der Artikel über die Outfits Theresa Mays negativ war. Der Großteil der Modejournalisten hat ihre Fähigkeit gelobt, smart und dennoch chic auszusehen. Robb Young hat in seinem Buch Power Dressing: First Ladies, Women Politicians and Fashion das Verhältnis von Mode und Politik untersucht und beschreibt dabei umfassend die Art und Weise, wie Frauen wie Winnie Mandela, Michelle Obama und Margaret Thatcher durch ihre Kleidung kommunizieren. Denn Mode ist auch ein Kommunikationsmittel.

Dass die Kleidung von Frauen seit den 80ern immer mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt ist, hat auch mit der Tatsache zu tun, dass es heute viel mehr Frauen in Machtpositionen gibt. Die Präsentation der Kollektion von Gareth Pugh, in der er sich mit dieser Entwicklung beschäftigt hat, wurde von Hannibal-Lector-Masken und dem Song „Corporate Cannibal" von Grace Jones begleitet. Der britische Designer setzte sich auf beeindruckende, aber doch sehr düstere Art und Weise mit den sogenannten „Power Bitches" auseinander, die größtenteils von Hillary Clinton inspiriert wurden.

Der „Power Look" von Demna Gvasalia für Balenciaga fühlte sich auf der anderen Seite als eine natürliche Entwicklung seiner skulpturalen Silhouetten an, für die der Designer so bekannt ist. Der Anzug ist nur ein Teil einer Kollektion, in der es auch Jacken mit Puffärmeln zu bestaunen gibt. Es gibt um die Ästhetik und nicht um das Konzept. Das sind erstklassige Beispiele dafür, dass Mode kulturelle Strömungen aufnimmt und sie durch ihre Filter schickt. Es ist kein Zufall, dass sich das Thema Frauen und Macht just zu dem Zeitpunkt auf den Laufstegen wiederfindet, in dem mit Angela Merkel, Theresa May und Hillary Clinton drei Frauen als die mächtigsten Politiker auf der Welt gelten.

Diese Kollektionen stehen aber nicht unbedingt für eine moderne Form des Power Dressing. Die skulpturalen Silhouetten und extremen Präsentationen sind eher Beweis dafür, dass Schulterpolster und Businesskostüme der Vergangenheit angehören, und kein Ausdruck einer zeitgenössischen Mode sind. Die Frauen, die heute die Macht haben, fühlen sich in traditionellen Business-Kostümen genauso wohl wie sie Freude am Ausdruck ihrer Weiblichkeit haben—siehe Theresa May, die sich weigert, auf ihre Leoparden-Schuhe und ihre glamouröse Designerkleidung zu verzichten.

Dann gibt es da noch Michelle Obama, die sofort nach dem Amtsantritt ihres Mannes ihre Plattform genutzt, um Werbung für ihre Lieblingsdesigner zu machen, und sich eine große Fangemeinde in der Modewelt aufgebaut hat. Frauen werden dafür kritisiert, sich für Mode zu interessieren, genauso wie sie dafür kritisiert werden, sich nicht dafür zu interessieren. Das Interesse an Mode wird von den Medien gerne als Beleg fehlender politischer Eignung gewertet. Gleichzeitig gelten Frauen, die sich an der klassischen Ästhetik des Power Dressing orientieren, als Matriarchinnen. Mode ist eine der effektivsten Waffen der Frau, wenn sie richtig eingesetzt wird. Die Mächtigen unserer Gegenwart scheinen dieses Potenzial erkannt zu haben. Ihre modischen Instinkte sind sowohl stylisch als auch professionell. Die sexistische Schlagzeile mag es zwar auch weiterhin geben, aber es ist unwahrscheinlich, dass uns diese Shaming-Kultur die Zeit zurückbringt, in der Power Dressing ursprünglich entstanden ist—zum Glück.

Credits


Text: Jake Hall
Foto: Still aus Die Waffen der Frau