Momilo Gruji

Liebe und andere Drogen

Seit den 60ern sind Liebe und Drogen Mittel der sozialen Revolution und der Bewusstseinsveränderung. Aber was sagt die Wahl unserer Drogen über uns aus? Bertie Brandes findet, dass es wieder an der Zeit ist, die Sonne in dein Herz zu lassen.

von Bertie Brandes; Übersetzt von Michael Sader
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17 April 2015, 6:50am

Momilo Gruji

Als Lou Reed 1985 davon sang, dass Liebe chemisch sei, sprach er nicht über die Vorteile von Oxytocin. Er sang über „chemische Kriegsführung", die einen unfairen Vorteil gegenüber "körperlicher" Liebe habe. 30 Jahre und mehrere Studien später haben sich andere zu Lou Reed gesellt. Schlechte Nachrichten für Romantiker: Nach allem was wir wissen, kann Liebe doch nur eine Droge sein. 2009 veröffentlichte der Neurowissenschaftler Larry Young seinen Artikel Being Human: Love: Neuroscience reveals all im Wissenschaftsjournal Nature. Darin behauptet er, dass er Eros' Geheimnis geknackt hat. Young versteht den immateriellen und unvorhersehbaren Bund der Liebe als eine Reihe von neurochemischen Prozessen.


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Durch Untersuchungen von Signalmolekülen und chemischen Verbindungen (romantisch!) wies er nach, dass komplexe Emotionen auf rationale und wissenschaftliche Weise erklärt werden können. Auf einmal ist es egal, wie viel Seiten du vollgeheult hast; die Welt ist mit der Vorstellung konfrontiert, dass die menschlichen Gefühle nichts weiter als ein Wirrwarr von chemischen Prozessen, die unser soziales Leben ins Chaos stürzen, sind. Während die Wirrungen und Irrungen der Liebe die großartigsten Kunstwerke aller Zeiten dank Dopamin, Oxycotin und Cortisol inspiriert haben, erfreut sich die Wissenschaft im 21. Jahrhundert an dem Fakt, dass die Unermesslichkeit des menschlichen Geistes einfach nur ein Cocktail aus chemischen Reaktionen ist. Es ist mal wieder Zeit einige der Klassiker zu lesen, oder? Wie Lou Reed schon sang: "Tränen auf meinem Kissen, Serotonin in meinem Magen-Darm-Trakt."

Liebe und Drogen verbanden sich mit Musik, Kunst und Politik zu einer Kakofonie der Selbstfindung. Alle Teilbereiche ergänzten sich und alle einte die Hoffnung, den sexuellen und sozialen Konservatismus des vergangenen Jahrzehnts zu überwinden.

An dieser traurigen Diagnose sind nicht ausschließlich gelangweilte Chemiestudenten schuld. Dass Drogen Liebesgefühle hervorrufen oder intensivieren können, ist nichts Neues. Was wäre der "Summer of Love" ohne LSD gewesen? 1967 war San Francisco voll mit Leuten, die sozial, sexuell und politisch aktiv waren; die Konsumterror ablehnten, gegen den Vietnamkrieg kämpften und jedem freie Liebe anboten, der sie wollte. Die Zeit des Faschismus lag noch nicht lange zurück und die Nachkriegsgeneration lehnte entschieden ehemals für progressive gehaltene Ideen einer engineered society, wie Paul Verhaeghe sie getauft hat, ab. Stattdessen traten an deren Stelle Psychotherapie und eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität als Blaupausen des Fortschritts, wie Adam Curtis in seiner Dokumentarserie The Century of the Self erkundet. Was ist mit Liebe? Es gab sie überall und sie war frei. Liebe wurde zum Mittel im Kampf gegen Homogenität, Konsum-Kapitalismus und Gier. Logischerweise wollten die Leute jede Menge Liebe machen. Mit der ganzen freien Liebe kam eine andere Droge, nämlich Acid. Es ist kein Zufall, dass Hippies und Wissenschaftler mit LSD experimentierten. Acid mit seiner gleichzeitigen intro- und extrovertierten Wahrnehmung, Halluzinationen und Visionen hat die Besessenheit der 60er mit persönlicher Entdeckung und Selbstfindung perfekt verkörpert. Verhaeghe beschreibt zutreffend den Wandel von kollektiver hin zu individueller Identität im letzten Viertel des 20. Jahrhundert und den damit verbundenen Anstieg von Experimenten mit bewusstseinserweiternden Drogen. In einer Welt aus Werbung, Maschinengewehren, Fernsehen und Menschenmassen wurde die Suche nach dem wahren Ich über alles gestellt. Wie kann man sich selbst am besten kennenlernen, wenn man nicht das bislang unerforschte Terrain seines Bewusstseins erkundet? Liebe und Drogen verbanden sich mit Musik, Kunst und Politik zu einer Kakofonie der Selbstfindung. Alle Teilbereiche ergänzten sich und alle einte die Hoffnung, den sexuellen und sozialen Konservatismus des vergangenen Jahrzehnts zu überwinden.

Die freie Liebe aus den 60ern wandelte sich in den sachlichen 70ern zu Träumen aus Paisley und Patschuli und die Verspieltheit der Revolution wurde abgeschüttelt. In den 80ern waren die Babyboomer dann ausreichend abgehärtet. Während in Großbritannien die Jugend weitgehend unpolitisch blieb, gab es Ende der 80er in der damaligen DDR massive soziale Aufstände, die zum Fall der Mauer führten, und in China versammelten sich Studenten auf dem Tiananmen-Platz, um friedlich zu protestieren. Bilder von jungen Leuten, die gegen totalitäre Regime kämpften, trafen auf ein wachsendes Gefühl der Unzufriedenheit. Diese Unzufriedenheit führte zu einem neuen "Summer of Love". Der Katalysator dafür war Ecstasy. Leute trafen sich, um Liebe und Mitgefühl anstatt Individualismus zu feiern und Ecstasy verstärkte dieses Gefühl. House-Musik und MDMA brachten Leute zusammen, auch die Fußball-Hooligans, die nichts weiter waren als Arbeiter, die im Zentrum der Verachtung durch die britische Polizei und Regierung standen. In den Wendejahren gab es Impromptu-Raves, auf denen die Herkunft keine Rolle spielte.

Irgendwann fingen Drogendealer an, gepanschte Pillen zu verkaufen und es war vorbei mit der freien Liebe. Im Sommer 2011 brachen in England erneut Unruhen aus, aber dieses Mal war es ein Sommer voller Hass. Offensichtlich ist da etwas schief gelaufen. Vielleicht lag es an unserem Drogenkonsum. Die kulturell relevanteste Droge der 60er mit den Selbstfindungstrips und freier Liebe war Acid. Die kulturell relevanteste Droge unserer Generation ist Ketamin. Was sagt das über uns aus? Ursprünglich war es ein Antidepressivum.

Wo es einst Spannung gab, gibt es jetzt sofortige Bedürfnisbefriedigung; wo es einst sexuelle Entdeckungen und Experimente gab, gibt es die offene Ödnis von Internetpornos. Es gibt sie noch, die Liebe. Sie ist aber nicht länger körperlich, nicht mal chemisch - sie ist digital.

Wir sind alle längst fällig für unseren eigenen "Summer of Love". Wo fangen wir an? Verhaeghe zufolge ist die eigene Identität im Westen zu einer Sache, die perfektioniert werden kann, verkommen. Wir sind kulturell nicht länger mit unserer Selbstfindung, sondern mit unserer Selbstverbesserung beschäftigt. Es gibt Liebe und es gibt Drogen, sehr viele Drogen, aber es gibt kein Gemeinschaftsgefühl, das uns näher zusammenbringt. Der Soundtrack zum zweiten "Summer of Love" war eine Untergrundbewegung gegen die Saubermann-Popstars eines Pete Waterman. Für die YouTube-Generation ist der Mainstream omnipräsent und irgendwie hat er es auch geschafft, cool zu werden. Der Mangel an irgendeiner Gegenkultur hat zu einer Selbstgefälligkeit geführt. Es ist kaum überraschend, dass diese Generation Probleme damit hat, sich mit Gleichaltrigen zu identifizieren. Unser gegenseitiger Kontakt hat sich fast komplett auf technische Kommunikation reduziert. Wo es einst Spannung gab, gibt es jetzt sofortige Bedürfnisbefriedigung; wo es einst sexuelle Entdeckungen und Experimente gab, gibt es die offene Ödnis von Internetpornos. Es gibt sie noch, die Liebe. Sie ist aber nicht länger körperlich, nicht mal chemisch - sie ist digital. Joy Division konnten 1978 das Internetzeitalter noch nicht vorhersehen, aber ihre Prophezeiung der Einsamkeit ist leider zu wahr. Die hypersoziale Natur des Internets bedeutet, dass wir ständig umgeben sind. In ständigem Kontakt mit Leuten zu sein, ist anstrengend; genauso wie die Erwartung, ständig neue Informationen aufzunehmen und dennoch eine einzigartige Identität aufrechtzuerhalten. Unsere Körper sind weniger perfekt, unsere Freundschaften bestehen aus Schmeicheleien und Süßholzgeraspel. Die Vorstellung, dass der Liebe eine soziale und politische Wirkung innewohnt, scheint antiquiert.

Durch den ganzen Lärm, dieselben Geräusche und Vibrationen, durch das ständige E-Mail-Checken sowie die unterschwellige Werbung entsteht eine ansteckende Einsamkeit, die dafür sorgt, dass man noch mehr seine Ruhe haben will. Ich meine, dass Ketamin diese Isolierung hervorruft. Es ist keine kreative Droge, auch keine soziale; stattdessen sorgt sie für eine Art Lähmung. Sie macht Leute nicht aggressiv, gefühlsbetont oder kreativ, sie höhlt die Leute aus. Um eines klarzustellen: Ich hebe nicht den moralischen Zeigefinger über den Gebrauch von Ketamin. Es ist deine Sache, was du dir reinziehst. Es ist billig, macht nicht groß abhängig, aber es ist gänzlich uninspirierend. Wenn Liebe im 21. Jahrhundert einfach eine chemische Reaktion ist, wenn das Leben zur Routine geworden ist, und wenn der Konsum-Kapitalismus unsere Identitäten geformt hat, dann ist es kaum verwunderlich, dass unsere prominenteste Beziehung mit Drogen eine ist, die totale Besinnungslosigkeit verspricht.

Wir müssen die Idee ablehnen, dass unsere Leben über unsere Karrieren definiert werden; dass Verdienste über kommerziellen Erfolg definiert werden. Wir müssen begreifen, dass es immer noch Themen gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn es keinen einfachen Feind mehr zu schlagen gilt.

Vielleicht sind wir auch noch nicht bereit, wenn wir aber einen dritten "Summer of Love" erleben wollen, dann müssen wir aufhören, unsere eigene Ernüchterung mit Selbstgefälligkeit zu verwechseln und wieder anfangen, an die Kraft von Aktivismus zu glauben. Wir müssen die Idee ablehnen, dass unsere Leben über unsere Karrieren definiert werden; dass Verdienste über kommerziellen Erfolg definiert werden. Wir müssen begreifen, dass es immer noch Themen gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn es keinen einfachen Feind mehr zu schlagen gilt. 1967 half Acid Leuten dabei, sich in Bezug zur Gesellschaft neu zu definieren. 1989 wurden mit Ecstasy Rassen- und Klassenstereotype überwunden. Heutzutage hat der Neoliberalismus unserem Glauben an die Bedeutung von Gemeinschaft und geteilten Erfahrungen schwer zugesetzt. Wir sind zu sehr vom Persönlichkeitskult überwältigt, um zu begreifen, was wir dadurch verlieren. Wenn wir bald einen neuen "Summer of Love" erleben wollen, müssen wir Liebe wieder neu entdecken. Hoffentlich werden die Drogen dann folgen.

@bertiebrandes

Credits


Text: Bertie Brandes
Foto: Momilo Gruji