das sind die dokumentationen, die uns 2015 bewegt haben

Die diesjährigen Dokumentationen haben uns mit offenen Fragen und unfassbaren Geschichten zurückgelassen.

von Michael-Oliver Harding
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18 Dezember 2015, 1:05pm

Ein erschütterndes Porträt von verfeindeten Gruppen diesseits und jenseits der amerikanisch-mexikanischen Grenze (Cartel Land), eine ausführliche Betrachtung der Scientology-Bewegung (Going Clear) und 80 Minuten mit DER Stilikone schlechthin, die noch lange nicht ans Aufhören denkt (Iris). Wir werfen einen Blick zurück auf ein gutes Jahr für Dokumentarfilme. Alle Filmemacher schien dieses Jahr das Bedürfnis geeint zu haben, die Grenzen zwischen Gut/Böse, Links/Rechts, Reich/Arm und Realem/Fiktionalem aufzubrechen. Der deutsche Filmemacher Werner Herzog sagte einmal, dass Dokumentarfilme getarnte Spielfilme seien, da „ sie eine tiefere Form der Wahrheit darstellen, jenseits vom rein Faktischem."

Die besten Dokumentarfilme schafften genau das: sie erkunden die persönlichen Triumphe und Tragödien von Leuten wie Kurt Cobain, Amy Winehouse, den Angulo-Brüdern, Laurie Anderson, Adi Rukun und Aussätzigen in Harlem und gleichzeitig hinterlassen sie die Zuschauer mit komplexen Fragen, unbequemen Theorien und Wahrheiten. Zwar umweht unsere diesjährige Auswahl eine gewisse Traurigkeit, dennoch zeigen alle die Kraft, die im Mensch schlummert. Ob es Brüder sind, die durch ihren Zusammenhalt ihr Gefangenschaft überdauert haben, Musiker, deren Texte und Musik die Nachwelt weiterhin inspirieren, oder ein junger Filmemacher, der mit seiner Kamera den von der Gesellschaft Ausgestoßenen eine Plattform gibt. 

1. Field Niggas
Field Niggas ist der beeindruckteste Dokumentarfilm über Außenseitern in Städten seit Marc Singers Dark Days. Es ist das Debüt des 30-jährigen Fotografen Schrägstrich Filmemachers Khalik Allah. Nachdem er als Kind während Trips nach Harlem die Gegend um die 125th Street Ecke Lexington Avenue vermied, kehrte Allah als Erwachsener mit seiner Kamera zurück. Er wollte das echte Leben und das nächtliche Treiben der ärmsten Bewohner des Viertels einfangen. Für ihn sind sie moderne „Feldsklaven", ein Begriff, den Malcom X in einer Rede 1963 prägte. Ausreißer, Drogenabhängige, Obdachlose und sogar die örtliche Polizei wurden in einem hypersaturierten, quasi-spirituellen Licht eingefangen. Unter die atemberaubenden Visuals legte der filmische Autodidakt einen asynchronen Soundtrack aus ergreifenden, situationsbezogenen und verstörenden Gesprächsfragmenten. Das Ergebnis ist anders als alles, was du bisher gesehen hast: beunruhigend, impressionistisch, umfassend und aufschlussreich, dabei verfällt Khalik Allah nie in eine klischeehafte Darstellung von Armut. Ganz im Sinne von Werner Herzog verrät der Filmemacher durch sein Interagieren mit den Beteiligten viel von sich selbst. Der hypnotisierende Flow des Films wird durch das Mordvideo im Fall Eric Garner unterbrochen. Das ist der Moment, an dem die kollektive Empörung über die offensichtlichen, sklavenähnlichen Zustände der Leute spürbar wird. Der Filmemacher liefert mit Field Niggas keine Antworten auf die brennenden Fragen, die die Dokumentation aufwirft. Aber er gibt diesen Leuten mit dem Film ein Sprachrohr und sorgt damit für einen kathartischen Kinomoment.

2. The Look of Silence
Dieser Dokumentarfilm ist das Gegenstück zu The Act of Killing. Joshua Oppenheimer liefert mit The Look of Silence einen weniger grellen, jedoch ergreifenderen Einblick in die Abgründe menschlicher Grausamkeiten. Während The Act of Killing die Perspektive der erbarmungslosen Anführer der Tötungskommandos, die für den Genozid in Indonesien in den 1960ern verantwortlich sind, darstellt und sie mit Begeisterung durch Szenen aus ihren Lieblings-Gangsterfilmen das Abschlachten begleitet, wird in The Look of Silence die Perspektive der Opfer gezeigt, besonders von Adi Rukun (nicht sein wahrer Name). Er ist Augenoptiker und der Bruder von Ramli, der hingerichtet wurde, bevor Adi geboren wurde. Adi tritt den Mördern gegenüber und fordert von ihnen eine Erklärung, da er wissen will, wieso sie so sinnlos gemordet haben. The Look of Silence ist ein mutiger Film, der Adi und einem ganzen Land eine Stimme gibt. Ein Umstand, der durch die anonyme Mitarbeit von vielen Indonesiern an beiden Filmen unterstrichen wird. Die Täter wurden nie zur Verantwortung gezogen und schwelgen weiter in Erinnerungen über die guten alten Tage der Massaker. Weiters drohen sie Adi, dass sich Geschichte für diejenigen wiederholt, die sie nicht vergessen können. 

3. Heart of a Dog
Niemand hielt Lolabelle für ein ganz gewöhnliches Hündchen. Dieser Hund gab Konzerte, malte und übte sich in Bildhauerei, an der Seite seines Frauchens, der gefeierten Multimediakünstlerin, Performerin und Musikerin Laurie Anderson. Ausgehend vom Tod ihres geliebten Haustieres erkundet die Künstlerin das Unterbewusstsein. Heart of a Dog ist eine fesselnde Meditation über Trauer, zugleich philosophisch, lustig und manchmal schnulzig. Größtenteils mit dem Handy gedreht und durch eine Verschmelzung von Voiceover und Erinnerungsfragmenten wirkt die Dokumentation wie ein Essay. Durch gleich drei Schicksalsschläge, der Tod ihrer Mutter, ihres Hundes Lolabelle und ihres Ehemanns, der Velvet Underground-Musiker Lou Reed, spricht sie über die tiefere Bedeutung von Leben und Verlust. Das Ende von Heart of a Dog mit dem Lou-Reed-Song „Turning Time Around" sorgt für einen dieser magischen Kinomomente, die einen gefangen nehmen und für Gänsehaut sorgen.

4. The Wolfpack
Die sieben Angulos-Geschwister, sechs Jungs und ein Mädchen, haben ihr gesamtes Leben im Gefängnis der Wohnung ihrer Eltern in der New Yorker Lower East Side verbracht. Ihr überbesorgter und paranoider peruanischer Vater hatte Angst davor, dass sich seine Kinder im Big Apple verlieren würden. Filmstudios könnten sich so eine Horrorgeschichte über dysfunktionale Familien nicht besser ausdenken. Crystal Moselle wurde gestattet, im Mikrokosmos der Angulo-Familie zu drehen. Durch ihre Gefängnis-artige Jugend entwickelten die zu Hause unterrichteten Geschwister eine Vorliebe für Filme und lebten in ihrer eigenen Traumwelt. Haargenau stellen sie Szenen aus ihren Lieblingsfilmen von Scorsese, Tarantino und Nolan nach. Die Frage, wieso Vater Oscar plötzlich seinen festen Griff gelockert hat, wird nicht beantwortet. Die Geschwister und ihr Umgang miteinander sind das, was den Film sehenswert machen. Sie sind artikuliert, selbstreflektiert, charismatisch und weiser, als ihr Alter vermuten lässt, als ob sie ihr ganzes Leben für die berühmten 15 Minuten geübt hätten.

5. Kurt Cobain: Montage of Heck 
Vom jugendlichen Newcomer zu schwindelerregender Bekanntheit bis zum jähen Ende, Montage of Heck widmet sich mit einer innovativen und collage-artigen Herangehensweise dem zum Mythos gewordenen Musiker Kurt Cobain. Im Film von Brett Morgen Montage of Heck werden beeindruckende Werke aus Cobains Kindheitstagen, Kassetten, Tagebucheinträge und Home-Videos der sensiblen Grunge-Ikone präsentiert. Aus dem Jungen mit schwerer Kindheit in Aberdeen im US-Bundesstaat Washington wurde eine außergewöhnliche Außenseiter-Ikone, ein lebenslanger Feminist und Fürsprecher für die Benachteiligten in der Gesellschaft.

6. Amy 
Asif Kapadias Kassenerfolg Amy vermeidet die ausgeleierten Dokumentarfilmstrategien, wie Interviews. Die Handlung wird ausschließlich durch Audioaufnahmen vorangetrieben, während die Texte der „Back to Black"-Sängerin zu lesen sind. Ob es sich um den Beehive oder die Flannelhemden und Cardigans handelt - Amy war, wie Kurt auch, Moderebell, die aus dem Herzen sang, sich nach Anschluss sehnte und deren Kampf mit ihrer Bekanntheit und Sucht in der Öffentlichkeit - Yellow Press (Cobain) oder der Blogosphähre (Winehouse) - stattfand. So einfühlsam und innovativ die Dokumentarfilme der Regisseure Morgen und Kapadia sind, die Porträts füttern den Mythos und Faszination mit dem 27 Club. Die bekannten Geschichten von Selbstzerstörung zusammen mit ihrer Omnipräsenz machen aus diesen Filmen eine seelische Folter. 

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Credits


Text Michael-Oliver Harding

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