Isabel Magowan fotografiert die dunkle Seite von Amerikas Vorstadtidylle

Die Fotografin hält die Momente fest, wenn die perfekte Vorstadtidylle Risse bekommt.

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Sep. 7 2015, 10:25am

In einem ihrer bemerkenswertesten Fotos sitzen drei kleine Mädchen in pastellfarbenen Bodys vor einem weißen Lattenzaun – die Art Zaun, die man in jedem Film über amerikanische Vorstädte sieht. Das Bild ist Teil von Isabel Magowans Fotoreihe "Cygnets", die zum Großteil entstand, als sie Studentin in Yale war und wo sie gerade ihren Abschluss gemacht hat. Außerdem gibt es ein Bild von einem weinenden Mädchen, das von Beanie-Babys umgeben ist, ein Bild von einer Mutter, die das pinke Kleid ihrer Tochter zurechtrückt, und kleine Tänzer in Tutus zu sehen.


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Magowan musste oft an die dunkle Natur von Schwänen (und von kleinen Mädchen) denken. Als Kind besuchte sie ihre Oma, deren Haus "Swan House" hieß (mit Salz- und Pfefferstreuern in Schwanenform) und das Gästehaus hieß „Küken". Einmal wurden Isabel und eine Freundin von großen Schwänen attackiert, als sie in einem nahegelegenen See badeten. "Das sind wirklich sehr furchteinflößende und boshafte Tiere", erinnert sie sich. Die unterschwellige Gewalt stört das Heile-Welt-Gefühl ihrer ansonsten pittoresken Bilder. Aber ihre jungen Motive können mitentscheiden, wie das Endergebnis aussehen soll. "Sie stehen an der Schwelle zum Erwachsensein. Die Botschaften, die die Welt ihnen vermittelt, machen sie verbittert oder nicht."

Es gibt eine große Tradition von eleganten Frauen, die der Gesellschaft abtrünnig werden und ihre Erlebnisse durch die Kunst Ausdruck verleihen: Julia Margaret Cameron, Edith Wharton und auf gewisse Art und Weise auch Sofia Coppola. Isabel fotografiert erst seit dreieinhalb Jahren, aber die Richtung ist dieselbe. Sie zeigt uns die Welt, die sie gut kennt. In den meisten ihrer Bilder sehen wir Leute, zu denen sie eine persönliche Verbindung at: ihre Eltern, ihre kleinen Cousinen und ihre besten Freunde.

"Ich wurde teilweise so erzogen: Achte auf dein Äußeres, denn du willst nicht, dass andere Leute über dich reden", sagt sie. Anstatt der Denkweise: 'So möchte ich einfach sein und das ist auch OK, dass ich nicht wie andere Leute aussehe.' Thematisch interessiert mich die Welt der Mittelschicht - deren Eitelkeit, Materialismus und Sehnsucht – Themen, die mit meiner Erziehung zu tun haben."

Was passiert, wenn diese Vorstadtidylle Risse bekommt? "Allgemein gesprochen interessieren mich Erwartungshaltungen, oder genauer ausgedrückt, der Streit darum", sagt sie. "Was bedeutet es, wenn wir nicht das Leben führen wollen, das für uns vorbestimmt war?".

Video Still, Isabel Magowan

Dieses Interesse an Momenten, die die perfekte Fassade kurz vor dem Einsturz zeigen, rührt auch aus ihrem eigenen Leben. Als sie ihre bilderbuch-hafte Ballettkarriere beendete – einschließlich mehreren Hüftoperationen und Gewissenskämpfen –, musste sie eine neue Bestimmung finden. "Als ich meine Karriere beendete, fühlte ich mich komisch. Ich bin keine Akademikerin und auch keine Künstlerin. Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass ich diese schräge, exzentrische Person bin, die kein Talent hat, und auch noch kein Ventil hat, um sich künstlerisch auszudrücken", erklärt sie. Dann entdeckte sie die Fotografie als Ventil für alle schlechten Gefühle.

Und Videos. Ihr Film Cake Lady ist ein beängstigendes Hänsel-und-Gretel-Märchen einer Frau, die in einer Märchenküche durchdreht. „Mich interessieren künstliche und konstruierte Sets", sagt sie. "Darüber habe ich immer nachgedacht, als wir Der Nussknacker ungefähr 24 Mal im Monat aufführten. Wir bewegten uns ständig in dieser fiktiven Welt. Wir standen auf der Bühne und mussten so tun, als ob wir diese Plastikkuchen und -Süßigkeiten essen. Alles sah so gut aus, aber am Ende war es alles nicht echt." In anderen Videos sieht man Isabel selbst, in denen die Kostüme und Sets eher an albtraumhafte Tina Barney-Fotos erinnern.

Manchmal schießt Isabel als Gage auch Porträts von ihren Models. Bei den Foto-Aufnahmen sieht sie immer wieder, wie die Mütter ihren Kindern noch den letzten Schliff verpassen. "Es fühlt sich wie Zärtlichkeit an, aber es ist auch eine Form von Kontrolle", sagt Isabel. "Ich mag es, dass in der Realität beide diese Dinge gleichzeitig passieren können. Ich möchte nicht nur dokumentieren. Ich möchte Dinge machen, die bei den Leuten etwas auslösen, auch wenn sie nicht wissen, wieso."

isabelmagowan.com