michel. photography will allen.

"Holy Hell" dokumentiert den Wahnsinn und 22 Jahre langen Ecstasy-Rausch einer Sekte

Regisseur Will Allen war über zwei Jahrzehnte lang Mitglied bei The Buddhafield, eine in den 80ern von einem charismatischen Tänzer und Bodybuilder gegründete spirituelle Gruppe, die er mit der Kamera begleitet hat.

von Alice Newell-Hanson
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28 Juni 2016, 3:30pm

michel. photography will allen.

Als die Dokumentation Holy Hell zum ersten Mal auf dem Sundance Filmfestival gezeigt wurde, hat ein Journalist den Regisseur, Filmemacher und das frühere Sektenmitglied Will Allen gefragt, was er sich dabei gedacht habe: "Haben sie nicht hingeschaut, als sie das aufgenommen haben?"

"Natürlich habe ich das", erzählt Allen bei unserem Skype-Interview. "Ich habe 22 Jahre gefilmt." Aber niemand, der in einer Sekte ist, denkt, dass er in einer Sekte ist.


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Als frischer Filmhochschulabsolvent kam Allen in den Achtzigern nach Los Angeles und nahm an Sitzungen der Meditationsgruppe The Buddhafield teil. Seine Schwester hatte es ihm empfohlen. Angeführt wurde die Gruppe vom charismatischen Ex-Schauspieler und Balletttänzer Michel (bekannt als „der Lehrer"), der seine Message von Liebe, Akzeptanz und Gemeinschaft verbreitete. Obwohl sich Michels Lehransätze so schnell geändert haben wie seine Launen, schaffte er eine Patchwork-Religion, die sich an unterschiedlichen Ansichten und alten Texten wie der Bhagavad Gita bedient.

Im Laufe der zwei Jahrzehnte, die Will Allen Mitglied in der Sekte war, hielt er immer die Kamera drauf und dokumentierte so die Veränderungen und das schleichende Ende—von Los Angeles über Austin und schließlich Hawaii. Was anfangs noch nach idyllischen Wir-halten-alle-Händchen-Zeremonien an der kalifornischen Küste aussah, wurde zu einem Wirrwarr aus Paranoia und Lügen, das schließlich zum Bruch mit der Sekte führte. Holy Hell zeigt nicht nur den hellen Wahnsinn von Michel (zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, aufwendige Ballettaufführungen mit ihm selbst als Star zu inszenieren, ein großes Vogelhaus zu bauen und seinen Jüngern in glitzernden Hotpants seine Botschaften zu verkünden), sondern sie zeigt auch, wie geschickt der Guru darin war, anderen Leute zu manipulieren. Holy Hell ist Will Allens Versuch, seine Erfahrungen zu verarbeiten. Außerdem hofft er damit, die verbleibenden Mitglieder zu erreichen, die mit Michel immer noch in Hawaii leben.

Zu der Zeit, als du Buddhafield und Michel gefilmt hast, hattest du nicht Absicht, sie der Außenwelt zu zeigen. Wie hast du das Material neu zusammengestellt?
Es hat mir wirklich Kraft gegeben. Ich konnte dadurch meine Erfahrungen neu einordnen und das zeigen, was unter der Oberfläche passierte. Weil ich damals nur das Schöne fotografiert habe. Ich hatte ja letztlich nur Propagandaaufnahmen gemacht. Ich wollte zurück und die ganze Geschichte erzählen. Als ich vor vier Jahren damit anfing, mir die Aufnahmen von Michels Reden wieder anzuschauen, wie er mit einem Mikrofon zur Gruppe sprach, rief ich einen Freund an und sagte: "Ich habe fast allem zugestimmt, was er sagte. Ich kann mir das nicht anschauen". Weil wir keine Material davon finden konnten, was abseits meiner Aufnahmen passierte, haben wir die Interviews geführt.

Waren die anderen Mitglieder der Gruppe froh darüber, dass sie in der Dokumentation gezeigt werden?
Ich habe nur Leute angesprochen, die mir nahe und sympathisch waren. Ich wollte ihre Geschichte verstehen. Unser Problem war, dass wir während der Zeit nicht miteinander über Intimes gesprochen haben. Jetzt gibt es keine Grenzen mehr und wir können über alles offen reden. Da fing es an, interessant zu werden. Wir wollen etwas zeigen, was wir lange verstecken mussten.

War das für dich die Kehrtwende? Wann setzte ein Gefühl der Ernüchterung ein?
Die setzte relativ früh ein. Wir kämpften alle mit unserer Desillusionierung. Wir durften nicht zweifeln und nicht kritisch denken. Auch wenn ich schlimme Dinge gesehen und schreckliche Dinge gefühlt habe, konnte ich erst etwas tun, als ich meine Mitbrüder und Mitschwestern auf meiner Seite hatte. Sobald wir eine Stimme hatten, hatten wir die Macht.

Wenn du dir das Material im Rückblick anschaust, gibt es Momente, wo du denkst: Wieso?
Ja, die gibt es. Wir waren alle sehr liebevoll, verständnisvoll und vergebend. Wenn ich mir das Material jetzt anschaue, dann sehe ich mich als sehr offen, liebend und alles akzeptierend. Ich habe mitgemacht, weil ich all meine Meinungen loslassen wollte. Das geht für ein paar Wochen gut, aber nicht für immer. Es ist aber nicht so, dass ich mir das jetzt anschaue und denke, wie verrückt wir waren. Ich schaue zurück und denke mir, er war verrückt. Wir haben uns alle in das verliebt, das er gesagt hat. Er hatte so viel Charisma.

Vieles von dem, das er lehrt, klingt einleuchtend. Gibt es Positives, das ihr gelernt habt?
Das waren alte Glaubensgrundsätze, bei denen er sich bedient hat, aus unterschiedlichen Denkschulen, Philosophien und Religionen. Er konnte uns das auf einfache Art und Weise rüberbringen, wie man bedingungslos liebt, im Moment lebt. Das ist einer der Gründe, warum ich dageblieben bin. Ich habe mich von jedem sofort akzeptiert gefühlt. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das gelernt habe, weil wir das doch alle letztendlich wollen. Ich komme aus einer Familie, in der es dieses Level an Intimität nicht gab, auch wenn wir uns nahe waren. Dann habe ich diese neue Familie gefunden, in der alle über alles reden und keinen interessiert es, ob du schwul bist oder nicht. Das ist kein Thema. Wichtiger ist, was dir dein Herz sagt und so haben uns alle schnell verstanden.

Nachdem ihr euch zerstritten habt, herrschte unter den Mitgliedern ein Gefühl der Verbitterung vor?
Wegen des Aufstands hat keiner mehr dem anderen vertraut. Niemand wusste, was wahr ist. Wenn dein ganzes Weltbild zerstört wird und du hintergangen wurdest und wo alles halb-wahr ist, vertraust du keinem mehr.

Bist du noch eine spirituelle Person?
Ich habe ein spirituelles Naturell, das haben wir alle. Aber ich versuche, dem keine Konzepte oder Gedankenkonstrukte überzustülpen. Wir alle borgen uns Gedanken von anderen Menschen oder Religionen. Letztlich geht Spiritualität über Ideen hinaus. Ich musste meine ganzen Gedanken und Bedürfnisse neu ausrichten. Weil ich mir seine so lange zu meinen gemacht hatte.

Jeder in den Filmen ist wunderschön. Hat Michel nur hübsche Menschen genommen?
Das ist eine sehr gute Frage! Erstens hat nicht Michel die ganzen Leute gefunden. Wir haben uns alle gefunden. Wenn wir meditiert haben, wurden wir schöner. So war es einfach. Du näherst dich der Person an, die du eigentlich bist. Ich habe Leute erlebt, die innerhalb von sechs Monaten wunderschön wurden. Das meine ich nicht im körperlichen Sinn, sondern sie haben innerlich eine Schönheit ausgestrahlt.

Was ist seit Ende der Arbeiten zum Film passiert? Hattest du Kontakt mit aktuellen Mitgliedern von Buddhafield?
Es ist viel passiert. Es gibt Seiten an ihm, die die Leute einfach nicht sehen wollen. Seine neuen Jünger— wie wir damals—sind nicht schlecht, sie sind einfach naiv und vertrauen ihm. Und sie hören nicht auf andere. Deshalb habe ich diesen Film gemacht. In der Dokumentation sieht man, das alles kompliziert wird, wenn alles rauskommt.

[Michel] fängt an zu lügen und sagt, dass das alles nicht stimmt. Und das sagt er jetzt auch wieder. Er sagt den Leuten, dass sie sich den Film nicht anschauen sollen, weil nichts wahr sei. Ich weiß nicht, ob sie die Dokumentation sehen werden. Aber ich weiß, wenn sie es tun sollten, werden sie sehr wütend sein.

Murti, der ältere Gentleman mit den grauen Haaren und jetzige Yoga-Lehrer, war 28 Jahre lang Mitglied der Sekte. Er lebt immer noch auf Hawaii, wo der Lehrer lebt. Er hat eine Todesdrohung bekommen. Er versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, aber die Gruppe attackiert ihn, weil er mit anderen über Buddhafield spricht. Eines Tages stand dieser glatzköpfige, muskelbepackte Zweimeter-Hunne vor ihm und sagte ihm, dass er ihn umbringen würde, wenn er den Film in Hawaii zeigen würde. Er ist dann zur Polizei gegangen und sie suchten nach diesem Typen. Es hat sich herausstellt, dass er Michels Bodyguard ist. Die Geschichte wiederholt sich.

Wir müssen abwarten und schauen, was passiert. Ich habe gehört, dass Michel die Insel nicht verlassen hat. Ich dachte, dass er tot ist. Er wartet und hofft, dass sich die Aufregung um den Film legt und dass sich keiner dafür interessiert. Das muss aufhören. Es muss ein Ende geben. Wir lassen das seit zehn Jahren zu, so kann es nicht weitergehen. In dieser Zeit wurden Menschen verletzt. Ich kämpfe aktiv für ein Ende dieser Sekte.

Mehr Informationen zur Dokumentation findest du hier.

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