und wie definierst du den begriff „girl“?

Wir haben die regelmäßige i-D Fotografin Stef Mitchell und ehemalige Praktikantin von Annie Leibovitz nach den besten Tipps für angehende Fotografinnen gefragt und über ihre Zeit in einem katholischen Mädcheninternat und über die Bedeutung des Wortes...

von Emily Manning
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21 Juli 2016, 12:50pm

Vor zwei Jahren hat Stef Mitchell einige Zeit in Brooklyn verbracht und dabei schwarz-weiß-Porträts der Leute im Viertel Bedford-Stuyvesant als ersten Auftrag für i-D gemacht. Die Fotos der BMX Boys, der Basketballer und der Bewohner stehen für das, was die Fotos der Australierin so einzigartig machen: ihr Auge für Charaktere, ihre Aufmerksamkeit für das kleinste Detail und ihre Fähigkeit, darin authentische Emotionen zu erkennen. Vertrauen ist ihr Geheimrezept.

Immer wieder hat die ehemalige Praktikantin von Annie Leibovitz im Laufe der Jahre für i-D fotografiert, für unsere The New Luxury Issue hat sie Porträtfotografie und Poesie kombiniert. Wir haben sie getroffen und mit ihr über die Bedeutung von kreativer Teamarbeit, ihr Praktikum bei Annie Leibovitz und über die Bedeutung des Wortes „Girl" gesprochen.

Du hast in Australien Journalismus studiert. Warum hast du denn auf Fotografie umgesattelt?
Ich habe Journalismus gewählt, weil das dem Fotojournalismus am nächsten kommt. Das wollte ich nämlich eigentlich machen. Und dadurch bin ich nach Amerika gekommen, das einzig Gute daran.

Erzähle uns mehr über dein Leben. Warum wolltest du nach Amerika und es dort versuchen?
Ich bin für ein sechsmonatiges Praktikum bei der Fotografin Annie Leibovitz nach Amerika gekommen. Ich hatte keine Wohnung und ich kannte niemanden. Ich glaube, ich hatte 700 Dollar in der Tasche. Ich war auf diesen großen Shoots für Vogue dabei und habe in schäbigen Hostels am Times Square geschlafen, es war bizarr. Einer der Assistenten kannte jemanden, der ein freies Zimmer hatte, das war meine Rettung. Ich habe die sechs Monate irgendwie durchgehalten, dann musste ich zurück nach Australien, habe mir ein Visum besorgt und bin zurückgekommen, um es dieses Mal richtig anzugehen.

Was motiviert dich?
Mir hat das Abenteuer gefallen. Ich habe zwar dieses verrückte Leben gelebt. Auf der einen Seite habe ich die merkwürdigsten Jobs gemacht, um zu überleben. Ich habe dem einen von Annies Assistenten geholfen, sein Studio aufzuräumen, damit er mich zum Mittagessen einlädt. Gleichzeitig habe ich aber gesehen, dass man als Fotografin wirklich erfolgreich sein kann. Was Annie alles erreicht hat, hat mich inspiriert. 

Du arbeitest mit deiner Ehefrau George zusammen, die auch eine tolle Produzentin ist. Wie sieht eure Zusammenarbeit aus?
Während des Praktikums hat mir George Tipps gegeben, wie ich mich verhalten soll, was ich anziehen soll. Einer dieser Ratschläge war: „Rasiere dir nicht die eine Kopfhälfte kahl". Kleine Tipps und Tricks eben. Das hat sich dann dahin entwickelt, dass wir sofort darüber sprechen, wenn ich Aufträge bekomme. Wir sind ein Team, wir sprechen die Sachen durch und werden im Planungsprozess immer sicherer. Es ist unbezahlbar so eine Person an deiner Seite zu haben.

Deine neue Ausstellung heißt Girl. Warum?
Ich habe einfach Wörter aufgeschrieben, die mir gefallen. Diese Liste habe ich dann Leuten gezeigt, deren Meinung ich respektiere: dir, George, Spike [Jonze] und meiner Freundin Liz Scarf. Es war interessant zu sehen, wer was warum aussucht. Ich glaube, Spike hat sich für Girl entscheiden. Seine Erklärung war die reifste von uns allen. Das sei die genaueste Beschreibung dessen, was ich zeigen würde. Darüber habe ich länger nachgedacht. Denn für mich ist das nicht nur ein Wort. Aufgrund meines Namens und meines Aussehens wissen die Leute oft nicht, ob ich ein Junge oder ein Mädchen—oder was ich überhaupt—bin. Vielleicht habe ich eine andere Perspektive als die anderen. Ich wünsche mir, dass die Leute über ihre eigene Definition des Wortes „Girl" nachdenken und warum es ihnen genau das bedeutet.

Kannst du uns mehr über die Leute auf den Fotos erzählen?
Das sind Leute, die ich liebe. Leute, denen ich wirklich nahestehe und Leute, die ich erst kennengelernt habe. Darunter sind Fotos meiner Schwester Charlotte in verschiedenen Phasen. Seit sie acht Jahre alt ist, fasziniert mich ihr ganzer Look und ihre Erscheinung. Man denkt bei ihr nicht gleich „Girl". Man denkt jenseits dieser Kategorien Boy oder Girl. Sie hat einfach eine starke Persönlichkeit.

Welche Themen finden sich noch in deinen Arbeiten?
Ich habe erst neulich begriffen, wie viel religiöse Bezüge in meinen Arbeiten stecken. Das mache ich nicht vorsätzlich, ich bin keine religiöse Person. Null. Ich bin auf ein katholisches Mädcheninternat gegangen und wurde von Nonnen unterrichtet. Als ich 14 war, war eine der Nonnen so sauer auf mich, dass sie mich aus dem Klassenraum gezogen, angeschrien, angespuckt und mir gesagt hat, dass ich die Wiedergeburt des Teufels bin. Wie krass, oder? Ich war in dieser Schule für sechs Jahre inmitten dieser Psychos gefangen. Ihr religiöser Scheiß muss sich dann aber bei mir festgesetzt haben, nur nicht so wie sie das wollten.

Stef Mitchells Ausstellung Girl läuft noch bis zum 24. Juli in der New Yorker Galerie Red Hooks Labs.

Credits


Text: Emily Manning
Fotos und Illustrationen: Stef Mitchell

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