Foto über Mistress Carmen

5 Dominas erklären, was es heißt, einvernehmlichen Sex zu haben

"Menschen lernen eine Menge aus der BDSM- und Sexworker-Szene – insbesondere offen und ohne Vorurteile über Sex zu sprechen."

von Mary Retta
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05 Juni 2019, 10:15am

Foto über Mistress Carmen

Vorurteile gegenüber Sexarbeiter*innen sind noch immer auf der ganzen Welt verbreitet. Ein gängiger Irrtum ist, dass es bei BDSM, Bondage oder Masochismus in erster Linie um absolute Kontrolle geht. Dabei geht es vielmehr darum, die Grenzen der ultimativen Lust, des intensiven Vergnügens auszutesten. Was wir dabei schnell vergessen: Alles passiert mit gemeinsamer Zustimmung. In der Community ist Einverständnis die wichtigste Regel – das gilt für Pärchen genau wie für eine Domina und ihren Kunden. BDSM-Sessions funktionieren nur mit aufmerksamer Kommunikation und klaren Grenzen. Um sicherzugehen, dass die Kunden sich wohlfühlen, benutzen professionelle Dominas Safe Words und lernen, die Mimik und Körpersprache der devoten Person zu deuten.

"Menschen lernen eine Menge aus der BDSM- und Sexworker-Szene – insbesondere offen und ohne Vorurteile über Sex zu sprechen", erklärt uns die New Yorkerin und Domina Lucy Sweetkill.

Wir haben mit fünf Dominas aus der ganzen Welt über Consent und weibliches Empowerment in der heutigen BDSM-Szene gesprochen.

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Lucy Sweetkill, New York City

Wie bist du Domina geworden?
So richtig mit Kink und BDSM habe ich vor elf Jahren angefangen, als ich nach New York gezogen bin. Mein Freund hat damals mein Interesse geweckt, nachdem er mir einige Pornos aus der Szene gezeigt hat. Kurze Zeit später bin ich dann auf eine Anzeige gestoßen – und ich habe mich direkt beworben. Eigentlich brauchte ich keinen Nebenjob, da ich Vollzeit in der Modebranche gearbeitet habe, doch die Erfahrung war so gut, dass ich weiter gemacht habe. Heute ist es mein Vollzeit-Beruf.

Was für eine Rolle spielt Consent in einer BDSM-Session?
Zustimmung spielt eine riesige Rolle für beide Seiten. Normalerweise erklärt mir mein Kunde, worauf er Lust hat und ich willige ein. Wenn wir uns dann persönlich treffen, verlange ich eine erneute Zustimmung, weil der Eindruck einer Person online meistens doch anders ist als in Realität. Manche Kunden wissen zum Beispiel gar nicht, wie sie ihre Wünsche richtig kommunizieren sollen. Dabei helfe ich ihnen. Wenn ein Kunde beispielsweise gefesselt oder geknebelt ist und in dem Moment nicht sprechen kann, muss das gegenseitige Einvernehmen trotzdem gewährleistet sein.

Welchen Ratschlag würdest du Frauen geben, damit sie sich beim Sex empowered und in Kontrolle fühlen?
Empowerment passiert nicht für sich alleine, sondern funktioniert nur in einer Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig unterstützen. Aber auch hier ist Kommunikation entscheidend. Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass du selbstbewusst genug bist, um deine Wünsche zu kommunizieren und für sie einzustehen. Das braucht viel Übung.

@mistresssweetkill

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Yin Q, Brooklyn, NYC

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?
Mein Job hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön verändert. Mittlerweile bin ich nicht mehr Domina, sondern mache rituelle Arbeit. Während es als Domina im Wesentlichen um Machtspielchen geht, steht bei ritueller Arbeit Bondage, Sadomasochismus und Fetischismus im Vordergrund. Egal ob meditative Besinnlichkeit beim Bondage mit Seilen oder das physische und emotionale Durchbrechen einer mentalen Grenze, wenn du ausgepeitscht wirst.

Findest du, dass Consent beim BDSM anders stattfindet als bei konventionellem Sex?
Über die gemeinsame Einwilligung wird beim BDSM und Kink viel intensiver gesprochen als beim “normalen” Sex. Das liegt daran, dass die Dinge beim BDSM psychisch und psychisch deutlich markanter und facettenreicher sind. Während eines Kink-Spiels sind Schmerzensschreie, Tränen und “Nein”- Rufe meistens kein Zeichen um aufzuhören, sondern nur vorher bestimmte Safe-Words. Wenn Menschen einem Kink-Spiel zustimmen, bedeutet das trotzdem nicht, dass sie zu jedem einzelnen Vorhaben einwilligen. Aus diesem Grund ist Kommunikation und Fürsorge so wichtig, damit der dominante und der unterwürfige Partner ein Verständnis füreinander entwickeln.

Was sollten wir noch wissen?
Sexarbeit von Dominas wird kulturell anders betrachtet als andere Sex-Bereiche. Dabei sind diese Arbeiterinnen genauso von gesellschaftlicher Stigmatisierung, Schamgefühl, Gewalt und Kriminalisierung der Industrie betroffen. In einer modernen Kultur, in der feministische Ideale wie Gleichberechtigung bei der Arbeit und freie Entscheidung über den eigenen Körper zu gelten scheinen, müssen wir auch die Entkriminalisierung von Sexarbeit im Blick behalten. Wir müssen helfen Gewalt gegen Frauen und Opfern von Sexhandel, den marginalisierten Personen unserer Community, zu verhindern.

@mercymistress

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Miss Fox, UK, US und Dubai

Wie bist du Domina geworden?
Nachdem die langjährige Beziehung mit meinem Freund zu Ende ging. Zuerst habe ich Erfahrungen in finanzieller Dominanz gesammelt – dass ich daraufhin Domina geworden bin, hat sich für mich natürlich ergeben.

Welche Rolle spielt Consent in einer BDSM-Session?
Die gemeinsame Zustimmung ist extrem wichtig für mich, sobald die devote Person und ich uns auf ein persönliches Treffen einigen. Meine Formulare sind klar und legen fest, dass nur die Fetische praktiziert werden, auf die wir uns im Vorfeld geeinigt haben. Ich lese die Mimik und Körpersprache meiner Kunden, um genau zu sehen, ob ich sie an ihre Grenzen gebracht habe. In einer Online-Session ist es anders, weil der Unterwürfige schneller aufhören kann und einfacher kommuniziert, wenn es ihm zu viel ist und er nicht weitermachen will.

Findest du, dass sich hier Einvernehmen anders manifestiert als beim "normalen" Sex?
Beim Vanilla-Sex wird wenig über gemeinsame Zustimmung gesprochen. Sobald ein Mann “Nein” sagt, respektiere ich, als professionelle Domina, seine Entscheidung unverzüglich.

@MissFoxx_FD

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Mistress Carmen, San Francisco

Was hat dich dazu gebracht Domina zu werden?
Eine Freundin hat mich auf ihre Dessous-Party eingeladen, also habe ich auf Amazon eine Gerte und eine Corsage gekauft und bin als Domina gegangen. Als ich ankam, fragte mich ein Mann schüchtern, ob ich eine Domina wäre. Als ich mit "Nein" antwortete, sagte er: "Oh, meine Freundin ist eine Domina. Ihr solltet euch kennenlernen." Dieses schicksalhafte Treffen ist jetzt genau drei Jahre her. Unzählige Workshops, sexy Shopping-Trips und BDMS-Sessions später und ich habe nicht ein einziges Mal zurückgeblickt.

Welche Rolle spielt Consent in einer BDSM-Session?
Zustimmung spielt bereits eine Rolle, wenn der Kunde seine Anfrage bearbeitet. Ich brauche Infos über seine Interessen genau wie über seine körperlichen und seelischen Grenzen. All diese Dinge werden in einem Raum kommuniziert, der komplett frei von Urteil ist. Wenn wir uns persönlich treffen und die Sessions beginnen, besprechen wir nochmal die bevorstehende Szene, da es immer tagesabhängig ist, mit welchen Dingen sich eine Person wohlfühlt. Es ist die Pflicht jeder Domina, die Grenzen des Kunden zu respektieren und niemals darüber hinauszugehen.

Was hast du über Consent gelernt, seitdem du Teil der BDSM-Szene bist?
Seit ich in der Szene bin, habe ich gelernt, wie wichtig es ist, klar festgesetzte Safe Words zu haben. Wenn etwas im Einwilligungsprozess dazwischen kommt, kann kein gültiger Consent geschaffen werden – wenn Klienten unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehen zum Beispiel. BDSM ist ein Ort, der dabei hilft, traumatische Erlebnisse in Bezug auf die sexuelle Identität, Geschlechteridentität, Kindheit und mentale sowie physische Belastungen zu heilen. Deswegen können die Ansprüche an Consent gar nicht hoch genug sein.

@dominatrixcarmen

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Dia Dynasty, New York City and Houston, TX

Wie kamst du auf die Idee, Domina zu werden?
Ich habe als professionelle Domina angefangen, nachdem ich mich auf Craigslist auf eine Werbe-Anzeige gemeldet habe. Es hieß: "Chinatown Dungeon stellt ein – und bildet aus". In dem Angebot wurde mit kostenlosen Fetisch-Outfits und flexiblen Arbeitszeiten geworben. Nach meinem Vorstellungsgespräch war ich einfach nur begeistert über meine Entdeckung – ein Ort, an dem ich pervers sein kann und dafür bezahlt werde. Ich war mehr als bereit, völlig in diesen Bereich einzutauchen, mehr über BDSM zu lernen, meine Sexualität neu auszudrücken.

Was sollten Frauen beachten, die beim Sex Empowerment und Kontrolle erleben wollen?
An alle Frauen: Entdeckt eure Lust. Findet heraus, wie es sich anfühlt, riecht, schmeckt, aussieht, klingt. Was hilft dir, damit du dich sinnlich fühlst? Es gibt keine Einheitslösung, also nimm dir die Zeit. Stehe zu diesen Dingen und suche nach den passenden Worten, um sie zu kommunizieren, damit du dein Vergnügen richtig auskosten kannst. Bring Sinnlichkeit in dein Leben, in dem du sie in deinen Alltag integrierst – so wie einen Talisman. Lust ist transformativ!

Noch irgendwas was du uns sagen möchtest?
Ich freue mich darauf, zu sehen, welche Veränderung empowerte Frauen und Femmes in unserer kaputten Kultur bewirken werden.

@dominadynasty

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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