Foto: Tyler Mitchell

Steve Lacy: Das musikalische Wunderkind

"Ich mag es, ein Chamäleon zu sein, mich in jeder Situation, mit der ich konfrontiert werde, unterzumengen – egal ob in der Musik oder im Leben."

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17 Mai 2019, 8:21am

Foto: Tyler Mitchell

Knapp 30 Kilometer entfernt von Los Angeles, irgendwo zwischen Malibu und Pacific Palisades, liegt der ruhige, abgeschiedene Topanga Canyon. Grün, saftig und weitestgehend unberührt wurde Topanga zu einem Zufluchtsort für Musiker, die dem Chaos der Großstadt entkommen wollen und in der Natur nach Inspiration suchen. Die hügelige Umgebung und die steinigen Straßen haben hörbar die Solo-Karriere von Neil Young beeinflusst. Ein Großteil seines Albums After the Gold Rush wurde hier aufgenommen, in seinem Haus in Topanga – ein Studio, das den Herzschlag der Musikszene in der 60ern angegeben hat. Zur selben Zeit kam das Gerücht auf, das Topanga Corral, ein Rasthaus, das gerne von Janis Joplin, Canned Heat und Jimi Hendrix besucht wurde, Jim Morrison zu seinem Roadhouse Blues beflügelt habe. Und genau in diesem Moment geht auch Steve Lacy ans Telefon.

steve lacy compton tattoo
Steve trägt ein Hemd von Burberry Pre-Fall 19. Jeans: Vintage Levi’s // What Goes Around Comes Around. Schmuck: Model's own.

Steve nimmt sich gerade eine kleine Auszeit, um über seine nächsten Schritte nachzudenken. "Ich bin einfach nur am entspannen ... Das war's schon", sagt er. Ihm geht es gut. "Alles ist kristallklar. Ich mache mir keine wirklichen Sorgen. Ich habe keinerlei Erwartungen an irgendwas."

Es gibt viele Dinge in seinem Leben, die ihn glücklich machen können: Gerade erst kam er zurück von einer Welttournee mit seiner Band The Internet, veröffentlicht bald sein lang ersehntes Debüt-Album und obendrauf steht sein 21. Geburtstag vor der Tür. Trotzdem ist die einzige Sache, an die er momentan denken kann sein neues Bett. "Nur das Bett. Alles andere begeistert mich gar nicht so sehr ...", meint er. "Ich fokussiere mich immer nur auf eine Sache zur selben Zeit. Ich denke nicht zu weit im Voraus, nehme alles Schritt für Schritt. Die Zukunft macht mir Angst, deswegen bleibe ich die meiste Zeit in der Gegenwart."

Steve ist ein paar Kilometer weiter südlich von Topanga aufgewachsen, den Pacific Highway herunter und dem Santa Monica Freeway entlang, in Compton. Seine Mutter hat ihn aufgezogen, zusammen mit drei Schwestern, sein Vater war in seiner Kindheit größtenteils abwesend. "Für ihn war es Stolz", erzählt Steve von seinem Vater. "Er dachte, er müsse etwas vorweisen können, wenn er zu uns kommt. Zumindest ist es das, was mir erzählt wurde. Er kam nur an Feiertagen, zu Geburtstagen, nur wenn er uns Geld oder irgendetwas anderes zeigen konnte." Als Steve zehn Jahre alt war, verstarb sein Vater – aber "nein", sein Tod hatte keine großen Auswirkungen auf ihn oder seine Familie. Seine Mutter bekam ein weiteres Kind, die dritte seiner Schwestern, mit einem neuen Partner. "Wir waren Mittelstand, es war bequem, gemütlich. Sonntags zur Kirche und sowas."

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Seine Mutter wollte nicht, dass Steve mit den gefährlichen, üblen Aspekten des Leben in Compton in Berührung kam, weswegen er eine "nette, intime" Privatschule besuchte. Vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Während seiner Kindheit und frühen Teenagerjahre durfte er das Haus nur selten verlassen. "Ich nenne es eine Art 'Hood-Vorort', so fühlt es sich für mich an. Früher war es definitiv schlimmer ... Ich bin sehr, sehr behütet aufgewachsen, meine Mutter hatte Angst, ich würde Teil illegaler Aktivitäten oder in irgendeiner Weise verletzt werden. Ich konnte nicht einmal richtig im Vorgarten spielen. Nicht abhängen. Nie hatte ich Freunde aus der Nachbarschaft, konnte nie in die Parks gehen, wo alle meine Freunde waren. Ich konnte zwar das Haus verlassen, alleine war es jedoch wenig erfüllend. Es war wirklich sehr beschützt."

Schnell betont Steve allerdings, dass das stereotypische Bild von Compton komplett verzerrt, übertrieben und falsch ist. "Es geht nicht nur um das Image, das zum Beispiel in Boyz n the Hood kreiert wurde, das ist Jahre her. Das Image von Compton ist immer sehr negativ. Ein Wahrzeichen von Compton ist ein verdammtes Gerichtsgebäude, das ist unglaublich traurig." Doch daher kommt vielleicht der Stolz und Respekt für seine Heimatstadt – das Wort "Compton" ist quer über seine Brust tätowiert.

Mit zehn hat Steve angefangen, Gitarre zu spielen. "In der Sekunde als ich sie in der Hand hielt, habe ich mich verliebt. Es war cool, ich habe viel Guitar Hero gespielt und dann dachte ich 'OK, jetzt brauche ich das echte Ding.'" In der High School wurde er Mitglied der Schulband und lernte Jameel Bruner, der damalige Keyboard-Spieler bei The Internet, kennen. Was folgte, ist nicht weniger als Musik-Historie. Steve hat schon bald begonnen, am dritten Album von The Internet, Ego Death, mitzuarbeiten. Mit Syd tha Kyd als Frontfigur hat das Album Applaus bei Kritikern sowie eine Grammy-Nominierung eingeheimst. Doch weil Steve noch die Schule besuchte, konnte er nicht mit dem Rest der Band auf Tour gehen.

steve lacy photographed by tyler mitchell and carlos nazario in los angeles
Weste und Hose: Louis Vuitton Autumn/Winter 19. Schuhe: Model’s Own.

Eine viel erwähnte Qualität von Steve, die mit ermüdender Wiederholung von Musikjournalist*innen und in Headlines aufgegriffen wird, ist der Fakt, dass er ein "iPhone Produzent" ist, der sich selbst beibrachte zu produzieren – mit nichts mehr als einem kleinen iPod Touch. Wie er im Jahr 2017 auf einem TEDxTeens Talk erzählte, wünschte er sich jedes Jahr zu Weihnachten einen Macbook, doch bekam nie einen. Stattdessen kreierte er Beats mit Apps wie iMPC, BeatMaker 2 und GarageBand auf dem iPod. Mit seiner Gitarre, seinem Bass und diesen Apps hatte er alles, was er brauchte, um etwas Einmaliges zu erschaffen. Die Auszeichnungen folgten schnell, genau wie die Aufmerksamkeit von Kendrick Lamar, J. Cole und Denzel Curry, die wollten, dass er ihre Alben produziert. "Das sind alles nette, intelligente, vielseitige, talentierte Menschen", meint er über die Erfahrung mit solchen Hochkarätern. "Sie stellten sicher, dass ich einer von ihnen bin. Das ist wahrscheinlich die größte Sache, die ich gelernt habe ... Dass ich einer von ihnen bin. Ich fühlte mich nicht anders oder eingeschüchtert, wir waren cool miteinander. Einfach menschlich."

Als nächstes kam Steve Lacy's Demos, seine erstes Solo-Projekt. Hauptsächlich mit einem iPhone produziert, sang Steve die Vocals direkt in das Mikrofon. Dark Red, die Lead Single des Mixtapes, hat momentan 27 Millionen Streams auf Spotify – es folgten Kooperationen mit Tyler, the Creator, Frank Ocean und Blood Orange. Sein neuester Streich war seine Zusammenarbeit mit Vampire Weekend (das erste Mal, dass ein Gastmusiker auf einem ihrer Lieder erschien!) und mit Solange für ihr Album When I Get Home.

Mit Solange zu arbeiten war "cool", sagt Steve. "Sie war offen ... offen für alle meine Ideen. Ich erinnere mich noch an dieses eine Mal, als ich eine Akkordfolge hatte, die sehr, sehr langwierig war. Ich war unglaublich nervös, da ich sie zum ersten Mal getroffen habe und Angst hatte, richtig zu versagen. Sie beruhigte mich, war sehr offen und ich schaffte es tatsächlich. Letztlich hat der Song es nicht auf die Platte geschafft, aber dieser Moment war echter Spaß." Auf die Frage warum ein 20-Jähriger bereits auf so krasse Credits blicken kann, riskiert Steve die Vermutung, dass er "irgendwie ganz gut mit Musik" und "einfach ... cool" ist.

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Top: Ludovic De Saint Sernin Swarovski Crystals Autumn/Winter 19.

Die Arbeit für sein Solo-Debüt begann vor knapp zwei Jahren. "Meine kleine Schwester ging zum College und ich konnte ihr Zimmer nutzen. Also habe ich ein Studio darin aufgebaut und Musik gemacht. Für eineinhalb Monate war ich nicht auf Tour und habe die gesamte Zeit damit verbracht, aufzunehmen." Neben der ganzen Arbeit für andere Künstler*innen hatte er an keinem Punkt Probleme, seinen eigenen Sound zu definieren. "Die Musik, die ich mit jemand anderem mache, ist eine andere Energie. Es wird niemals dasselbe sein." Seine Methode ist, so wandlungsfähig wie möglich zu bleiben. "Ich mag es, ein Chamäleon zu sein, mich in jeder Situation, mit der ich konfrontiert werde, unterzumengen – egal ob in der Musik oder im Leben." Die einzige Sache, die sich in den letzten fünf Jahren wirklich verändert hat, ist sein Equipment. "Meine Ressourcen sind nicht mehr so limitiert. Ich habe ein bisschen Geld verdient, habe jetzt einen Laptop und einige Instrumente. Der Prozess ist weiterhin derselbe, ich habe nur eine bessere Ausstattung."

Das durchläuft verschiedene Emotionen, Stile und Wiederholungen von Steves Persönlichkeit. Die Lead Single, N Side, gibt den Ton für das Album an, seine fließenden Lyrics in Kombination mit einem entspannten Rhythmus. Der Schall ist gigantisch. "Es war eine Art Mittelfinger an die Leute, die meinten, ich könne das Lied nicht länger als drei Minuten machen. Ich gebe euch neun Minuten, wie gefällt euch das?" Aber inmitten des Prunk findet sich im Text eine unglaubliche Nähe. "Im Grunde ist es meine Reise, meine Sexualität. Aber in einer spaßigen, originellen Weise, nicht wirklich seriös, nicht super traurig. Es ist ein Ausdruck, wie ich mich gerade fühle."

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Top: Ludovic De Saint Sernin Swarovski Crystals Autumn/Winter 19. Jeans: Levi's. Schuhe: Model's Own.

Diskussionen über Steves Bisexualität waren seit längerer Zeit Inhalt in Interviews. Wenig überraschend also, dass er nicht möchte, dass diese Thematik seine Solo-Karriere definiert. "Es ist mir eigentlich recht egal. Wen wir bumsen, sollte die Welt nicht kümmern. Aber ich spreche auch aus meiner Los Angeles Blase heraus, das muss ich immer bedenken. Ich will keine große Sache daraus machen. Ich will nicht, dass die Leute mich ansehen ...", er schweift ab. "Keine Ahnung, ich weiß nicht."

"Ich glaube nicht, dass sich etwas verändert hat", sagt er. Er lief für Louis Vuitton und war das Gesicht ihrer Kampagne. Seine Selfies auf Instagram bekommen weit über 100.000 Likes. Sein rasanter, kühner Aufstieg vom Produzenten und Gitarristen, der hinter den Kulissen agiert, hin zum globalen Star und Herzensbrecher, dürfte allerdings ungefähr alles verändert haben. "Ich glaube, sobald du berühmt bist, verschwindet der menschliche Aspekt deiner Person – die Menschen sehen dich nur als dieses Geschöpf. Deswegen versuche ich, diese beiden Dinge in Balance zu halten. Solche Sachen gehen in ein Ohr rein, im anderen wieder raus. Es ist schon cool wahrscheinlich ... Ich weiß nicht. Ich sehe mich selbst nicht als irgendwas. Aber das hier ist das Interview für eine Cover-Geschichte, also sollte ich wahrscheinlich was sagen, wie ..." Er nimmt eine lange Pause. "Es ist cool."

steve lacy photographed by tyler mitchell and carlos nazario in los angeles
Jacke und Hose: Loewe Autumn/Winter 19.
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Jacke und Hose: Loewe Autumn/Winter 19.
steve lacy photographed by tyler mitchell and carlos nazario in los angeles
Komplettlook: Prada Autumn/Winter 19.
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Komplettlook: Celine by Hedi Slimane Autumn/Winter 19.
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Weste: Louis Vuitton Autumn/Winter 19. Schmuck: Model's Own.

Credits


Fotografie: Tyler Mitchell
Styling: Carlos Nazario

Haare: Ronnie McCoy III
Make-up: Sarah Uslan
Set Design: Mila Taylor Young // Dandy Management
Fotografie-Assistenz: Zack Forsyth und Daniel Marty
Styling-Assistenz: Christine Nicholson, Ramond Gee, Jose Cordero und Elyse Lightner
Tailor: Susan Korinian
Produktion: Connect the Dots
Analogdrucke: Natalie Hail

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D The Voice of a Generation Issue, no. 356, Summer 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.