Diese Designerin kreiert Kleidung aus deinen Facebook-Posts

Ob Google-Search-Anfragen, Musik-Downloads oder dein Social-Media-Konsum, Flora Miranda übersetzt Nutzer-Daten in ein personalisiertes Kleidungsstück, das mehr über dich verrät, als du denkst. Wie das funktioniert, hat sie uns im Interview verraten.

|
Nov. 10 2017, 3:16pm

“Scan Yourself” heißt es auf der Website der österreichischen Modedesignerin Flora Miranda, die mit ihrem Projekt IT Piece am diesjährigen Forecast Forum in Berlin teilgenommen hat. Die App der mittlerweile in Antwerpen lebenden Designerin versucht mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, Big Data und Mode ein individuelles Kleidungsstück zu kreieren.

Die Idee dazu kam Flora, als sie sich mehr Gedanken über den Körper als solchen gemacht hat: “Er besteht aus Atomen, man kann ihn scannen, vermessen und bewerten – auf einmal wird der Körper zur Information.” Daraus entstand der Wunsch, den umgekehrten Weg zu gehen und sich anzuschauen, wie die Informationen, die wir online über uns verbreiten, materialisiert werden können. Herausgekommen ist eine Fan-Shirt-Kollektion in Zusammenarbeit mit dem finnischen Musiker Eino Kalevi, die das eigene Online-Verhalten analysiert, Facebook-Posts scannt und sie dann einer Auswahl an Songlyrics gegenüberstellt. Wie das genau funktioniert und wie viel Persönlichkeit heutzutage überhaupt noch in einem Kleidungsstück stecken kann, hat uns Flora im Interview verraten.


Auch auf i-D: Wir waren mit Goshas Crew unterwegs in Sankt Petersburg


Jeder redet heutzutage über Big Data. Warum ist dein Zugang trotzdem davon zu unterscheiden?
Big Data ist eine Realität, die man nicht übersehen kann. Ich will aber nicht einfach zuschauen, wie sich Big Data entwickelt, sondern mit und durch meine Mode dazu beitragen. Man beobachtet, wie Regierungen und Unternehmen unsere persönlichen Daten missbrauchen, dabei sollten wir die Macht dem Individuum wieder zurückgeben und mit Hilfe von Tools wie IT Pieces verantwortungsvoll kreieren.

Was verraten Social-Media-Nutzung, Musik-Downloads und Google-Search-Anfragen über einen Menschen? Und wie übersetzt du diese Daten in einen textilen Kontext?
Für jeden Menschen gibt es einen Schwall an Information, den man erst sortieren muss. Am Anfang steht auch die Frage, welcher Teil dieser Information mich überhaupt interessiert. Wir haben gemerkt, dass die Gefahr besteht, sehr schnell in eine platte Persönlichkeitsanalyse oder Stereotypen-Einteilung zu rutschen. Wir waren aber mehr auf der Suche nach einer Anwendung, die auch auf emotionaler Ebene mit der alltäglichen Realität in Verbindung steht. Weil mir Musik und Songtexte sehr am Herzen liegen, dachte ich daran, ein "Special-Edition-Fanshirt" mit Jaakko Eino Kalevi zu entwickeln. Im ersten Schritt haben wir uns mit Texten beschäftigt und werden in zukünftigen Kollektionen, Daten mit generierter Textur, Farbe und Form übersetzen.

Wie viel Persönlichkeit steckt heutzutage überhaupt noch in einem Kleidungsstück?
Weder ein Kleidungsstück, ein Objekt oder ein Mensch steht für sich alleine, der Charakter ergibt sich immer aus dem Kontext. Insofern mag ich das Wort "Lifestyle", auch wenn es unglaublich platt klingt. Das Ergebnis ist ein Kleidungsstück, das sich auch wieder in den Lebenskontext einfügen lässt. Es spiegelt die Persönlichkeit subtil wieder und passt daher auch zu dem Rest der Dinge und Inhalte, mit denen sich die spezifische Person umgibt.

Welche Ergebnisse haben dich am meisten überrascht?
Das Neural Network Training ist für mich der spannendste Bereich. Wir haben unser Netzwerk mit 1,5 Millionen Songtexten trainiert, wissen aber nicht genau, was dabei gelernt wurde. Der Computer erkennt selbst Muster und analysiert diese. Ich bin selbst ja auch noch ganz neu in diesem Prozess und denke, dass diese Mustererkennung mich zu weiteren Design-Ideen bringen wird.

Du hast einen sehr ungewöhnlichen Zugang zur Mode, der viel Inspiration aus der Quantenphysik und Teleportation schöpft.
Meine Offenheit für dieses Thema kommt wohl aus einem persönlichen Körpergefühl – was man spürt ist viel mehr als Haut und Knochen. In der Vorstellung ist so viel möglich, das physikalisch unmöglich scheint. Als ich ein Buch von Anton Zeilinger, einem österreichischen Quanten-Physiker, in die Hand bekommen habe, war das wie eine physikalische Erklärung für Dinge, die unmessbar scheinen. Natürlich ist es frustrierend, dass in der Realität einzelne Partikel, aber kein ganzes Objekt oder Mensch tatsächlich von A nach B gebeamt werden können. Trotzdem träume ich davon, dass es etwas Ähnliches in Zukunft geben wird.

Was denkst du über die Bewegung hin zur Virtual Reality?
Virtual Reality bringt Möglichkeiten, die Gesellschaft anders zu strukturieren. Viele dieser Strukturen wurden in den letzten Jahrzehnten unreguliert aufgebaut, was politische Fragen aufwirft. Es wird vermehrt Regelungen geben, so wie es auch beim Datenschutz heute schon läuft. Dass China nun Menschen aufgrund ihrer persönlichen Daten in gesellschaftliche Schichten und Wohnregionen unterteilen möchte, dem sogenannten Social Credit System, empfinde ich dagegen als apokalyptische Seite von Virtual Reality. Natürlich leben wir in sozialen Gruppierungen, möchten mehr von dem, was wir schon haben, und umgeben uns mit ähnlichen Menschen. Insofern kann es zuträglich sein, dass unsere Wünsche durch Datenanalyse gewissermaßen erkannt werden können. Das Wichtige dabei ist aber, dass diese Einteilungen und Vorlieben flexibel bleiben – man andere Ansichten, Länder, Geschlechter, Altersgruppen besuchen, erforschen, bereisen und sich frei mit ihnen austauschen kann. Die Möglichkeit zur Vernetzung finde ich wichtig, die unfreiwillige Gruppierung dagegen weniger.

@floramiranda