Gigi Hadid: “Die Leute sagten, du hast den falschen Körper für den Laufsteg”

Wir sprachen telefonisch mit Gigi auf ihrem Landgut, wo sie sich zurückerinnert, wie sie die Fashionistas und den Rest der Welt im Sturm eroberte.

von Jack Sunnucks
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20 Februar 2020, 1:45pm

Dieses Gespräch erschien erstmals in der Icons and Idols-Ausgabe von i-D, Nr. 359, Frühjahr 2020. Bestell dein Exemplar hier.

Als wir das Supermodel—und namhafte Hadid-Clan-Mitglied—Gigi erreichen, ist sie gerade dabei, sich auf ihrem Bauernhof vom überwältigenden Luxus und Glanz der Haute-Couture-Shows zu erholen. Seit ihrem Laufsteg-Debüt vor etwas mehr als fünf Jahren haben Gigis Schönheit und—vielleicht noch wichtiger—ihre Herzlichkeit sie als ein Model der anderen Art ausgezeichnet. Sie wird in der Modewelt geliebt und darüber hinaus, für ihre Arbeit vor der Kamera ebenso wie für ihr Engagement für UNICEF, das sie unter anderem nach Bangladesch und Senegal führte.

Aber was macht Gigi, wenn sie nicht gerade von Jamie Hawkesworth für i-D fotografiert wird—oder vom Teleobjektiv der Paparazzi verfolgt? “Es ist ein Rätsel”, sagt sie. Wir sprachen telefonisch mit Gigi auf ihrem Landgut, wo sie sich zurückerinnert, wie sie die Fashionistas und den Rest der Welt im Sturm eroberte.

gigi hadid by jamie hawkesworth
Handgemachtes Kleid aus Seidensatin, durchsichtiges Plastikklebeband, Schleier. Maison Margiela Artisanal SS20 designt von John Galliano.

Hi Gigi! Wo bist du?
Auf dem Hof, so dicht wie möglich an den offenen Kamin gedrängt.

Wie war das Fotoshooting für i-D? Welche Stimmung wolltest du vermitteln?
Also zunächst einmal, ich liebe [den Stylisten] Olivier. Ich meine, er sieht so viel in Bekleidung, in Formen und in Farben, und das alles mit so wunderbarer Klarheit. Es scheint einfach, aber es springt dich richtig an! Das liebe ich so an der Arbeit mit ihm. Er zeigt dir so viele verschiedene Blickwinkel, wie man Mode sehen kann. Das ist es auch, was Couture so toll macht—es kann die ausgefeilteste Version von etwas sein, aber auch die Gelegenheit bieten, wirklich kreativ zu werden. Ich wollte die Weichheit und Stärke der Kleider spiegeln; das ist das Gefühl, dass ich an dem Tag am Set hatte.

Du warst eben für Jean Paul Gaultiers letzte Modenschau auf dem Laufsteg; kannst du ein bisschen erzählen, wie das für dich war?
Ich war so geehrt, dass ich angefragt wurde dafür, weil er für seine letzte Show nicht nur mit Leuten arbeitete, mit denen er seine ganze Karriere hindurch gearbeitet hatte—viele waren von der Straße weg gecastet. Ich meine, das sagt sehr viel darüber aus, was für ein Mensch er ist, persönlich und als Designer. Er sorgt sich um die Leute, die seinen Look tragen, und darum, etwas in ihnen zum Vorschein zu bringen.

Auf Instagram hast du geschrieben, er war der erste Pariser Modedesigner, der dich gecastet hat.
Er war der erste Designer, der mich auf den Laufsteg ließ, es war für seine letzte Prêt-à-porter-Kollektion. Ich fing damals gerade erst an mit meiner Karriere. Ich kam aus der Mittelschule und hatte immer noch meinen Volleyball-Körper. Es war ein Körper, den ich liebte. Ich weiß noch, wie hart ich daran gearbeitet habe, all die Muskeln und Kurven anzulegen—fast vermisse ich es. Aber die Leute gingen hart mit mir ins Gericht und sagten, du hast den falschen Körper für den Laufsteg.

Dass Jean Paul mich 2015 für seine letzte Konfektionsschau engagierte—nicht nur das, sondern auch, dass er mich in ein Outfit steckte, das fast nichts verbarg… Es gab schon andere Stylisten und Designer, die mich damals für ihre Shows engagierten, aber nur in Sachen, die meinen Körper stark bedeckten. Dass er mich fühlen ließ, dass ich auf diese Weise strahlen kann, bedeutete mir darum sehr viel als junges Model. Und ich weiß, dass er das für viele getan hat.

gigi hadid by jamie hawkesworth

Die Modeindustrie hat sich offensichtlich verändert, wenngleich in engen Grenzen. Im Moment bist du omnipräsent; aber wer waren die Mentoren, die dir deine ersten Chancen gaben?
Die erste war natürlich meine Mutter. Nicht nur in der Industrie—sie hat mir immer erlaubt, kreativ zu sein als ich aufwuchs, sie hatte einen so positiven Einfluss und ermutigte mich immer mich auszudrücken, auf welchem Weg auch immer—ob das Kochen war oder Zeichnen; ob sie mir das Nähen beibrachte oder mich gewähren ließ, wenn ich ihre Kameras benutzte und manchmal auch zerstörte... Später in meiner Karriere würde ich sagen, Carine Roitfeld und Stephen Gan. Ich nenne sie meine guten Feen in der Modewelt. Und mein Manager Luiz. Dass Tommy Hilfiger mir gleich vier Saisons seiner Kollektion überließ, war der Wahnsinn. So viel Vertrauen geschenkt zu bekommen—das gab mir ungemein viel Vertrauen in mich selbst und bedeutete mir sehr viel.

Du erwähnst Tommy, und es scheint dir wichtig zu sein, dich beim Modeln in eine Figur hineinzuversetzen, dich durch sie auszudrücken. Siehst du dich noch in andere Rollen in der Industrie hineinwachsen?
Ich denke, je älter ich werde… nun ja, eines Tages werde ich eine Familie gründen und ich weiß nicht, ob ich ewig modeln will. Ich liebe den kreativen Aspekt von Mode, das ist so erfüllend. Die Leute, mit denen ich arbeite, machen mich so glücklich, ich bin so froh, sie um mich zu haben. Aber wer weiß? Vielleicht werde ich Vollzeit-Köchin!

Was würdest du zum Abendessen servieren, um deine Gäste glücklich zu machen?
Das hängt von der Person ab. Ich frage gern, “Was ist dein Lieblingsessen?” Und das versuche ich dann zu machen, selbst wenn ich es nie zuvor zubereitet habe. Ich liebe die Herausforderung. Und es verrät mir etwas über die Person: Diese Speise gibt ihnen ein warmes Gefühl.

Wie gehst du mit dem Tempo der Industrie um? Wie schaltest du ab?
Ich denke, mein persönlicher Ort dafür ist der Hof. Jeder braucht einen Ort oder Raum oder Moment für sich selbst, wo du dein Ding finden kannst, tun und lassen, was du willst. Für mich ist das der Hof—Ölmalerei in der Früh, ein Puzzle am Nachmittag… Ich weiß nicht, es sind beliebige Dinge. Diesen Sommer habe ich mich sehr dafür begeistert, Kunst aus Harz zu machen. Ich fing an, Blumen zu trocknen und die Trockenblumen in Harzformen zu gießen, solche Sachen. Ich finde es wichtig, immer neue Dinge zu lernen, und sei es nur, um sie auszuprobieren. Wenn du scheiterst, kein Problem, das gehört dazu. Alle diese kleinen Dinge helfen wirklich, hinterher in einen kreativen Job oder ein kreatives Umfeld zurückzukehren.

gigi hadid by jamie hawkesworth

Hilft die Entfernung von New York? Sicher, und ich glaube, dass das Seltsame und Wundervolle dieser Erfahrung auch daher rührt, wie isoliert ich hier bin. Oft sind Freunde und Familie zu Besuch, aber es bleibt eine Menge Zeit, wo ich mit mir allein bin, wo ich schweigsam in meiner kleinen Hütte sitze und nur diese kleinen Dinge für mich selbst mache. Ich glaube, das gibt mir auch die Energie und die Liebe für das, was ich mache. Hier lade ich meine Batterien auf.

Was—außer zu schlafen—würdest du tun, wenn du eine Nacht während der Fashion Week frei hättest? Sagen wir, wir sind in Paris oder Mailand; die Zeit, wo ich wirklich Freunde sehen kann, ist am Ende des Tages, rund um eine große Tafel im Restaurant. Ich meine, normalerweise ist das nicht eine bestimmte Person, vor allem, weil alle so wahnsinnig volle Terminkalender haben. Ich reserviere also einen großen Tisch im Restaurant. Ein anregendes Gespräch während der Fashion Week: Das wäre unvergesslich. Ich will, dass alle einen glücklichen Abend verbringen, wo sie sich wie zu Hause fühlen können und ihnen warm ums Herz wird. Das sind mir die liebsten Nächte.

Was begeistert dich jenseits von Mode? Ich habe ein paar Jahre mit UNICEF zusammengearbeitet. Ich sagte ihnen, dass ich meine Zeit und meine Plattform hergeben möchte, und ich hatte das Gefühl, ich hatte ihre… Erlaubnis. Dass ich etwas beizutragen habe. Ich fand einfach, dass das meine Aufgabe war. So kam ich nach Bangladesch, wo ich Dörfer besuchte und Frauenhäuser, das gibt dir einen anderen Fokus. Ob es Bildung ist oder Hygiene oder die Ermächtigung von Frauen, oder die Arbeit mit Communities, um Menschen auszubilden und ihre Fähigkeiten zu erweitern.

Was in der Welt macht dich am glücklichsten? Was mich glücklich macht, ist mit und für andere Menschen Dinge zu schaffen. Diese wirklich besonderen Momente bei der Arbeit, wenn du nur denkst, “Wow, deshalb habe ich diesen Beruf angefangen.” Ich denke, das ist dasselbe Gefühl, das ich habe, wenn ich mit Freunden beisammensitze, oder beim Malen, oder beim Kochen für geliebte Menschen. Etwas für andere zu machen, andere glücklich zu machen. Es macht wirklich Spaß, und ich versuche die ganze Zeit, in meinem Leben kleine Momente wie diese herzustellen.

gigi hadid by jamie hawkesworth

Handgemachtes Kleid aus Seidensatin, durchsichtiges Plastikklebeband, Schleier. Maison Margiela Artisanal SS20 designt von John Galliano.
gigi hadid by jamie hawkesworth
gigi hadid by jamie hawkesworth
Handgemachtes Seidenkleid, Lederhandschuhe, Hut mit frischen Blättern und Früchten, Schleier, Geschnürte Tabi-Schuhe aus Leder. Maison Margiela Artisanal SS20 designt von John Galliano.
gigi hadid by jamie hawkesworth
gigi hadid by jamie hawkesworth
Handgemachtes Kleid aus Seidensatin, durchsichtiges Plastikklebeband, Schleier, Hut mit frischen Blättern und Brosche mit frischem Gemüse. Maison Margiela Artisanal SS20 designt von John Galliano.
gigi hadid by jamie hawkesworth
gigi hadid by jamie hawkesworth

Credits


Fotografie Jamie Hawkesworth
Styling Olivier Rizzo

Haare Anthony Turner / Streeters.
Make-up Lynsey Alexander / Streeters (Lancôme Beauty).
Nägel Anatole Rainey / Premier (CHANEL Le Vernis Ballerina & CHANEL Le Lift La Crème Main).
Foto-Assistenz Cecilia Byrne und Mickael Bambi.
Styling-Assistenz Niccolo Torelli, Letizia Maria Allodi und Lisa Breton.
Haar-Assistenz Claire Grech.
Make-up-Assistenz Phoebe Brown.
Produktion Farago Projects.
Produzentin Zara Walsh.
Produktionsassistenz Brigitte Suillivan und Benjamin Bornazzini.
Casting-Direktor Samuel Ellis Scheinman für DMCASTING.

Model Gigi Hadid / IMG.

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