Wie Helmut Lang und Margiela die sozial distanzierte Modenschau erfanden

Ein Blick in die Vergangenheit offenbart Alternativen, wie die Modeindustrie ihre Kollektionen präsentieren könnte.

von Eilidh Duffy
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18 Mai 2020, 9:00am

Wie so viele andere Veranstaltungen dieses Jahr mussten auch Fashion Weeks auf der ganzen Welt abgesagt oder verschoben werden. Vermutlich seid ihr enttäuscht, dass es euch diesmal verwehrt bleiben wird, in den endlosen Bildstrecken von Vogue Runway zu schwelgen, aber vergesst nicht: Diese Maßnahmen werden eine Menge Menschenleben retten. Außerdem hat das nicht zu bedeuten, dass es mit Mode nun aus ist. Der Online-Verkauf von alter wie neuer Kleidung hat sich unter den veränderten Umständen als erstaunlich stabil erwiesen. (Wer sucht unter Hausarrest nicht nach Ablenkung in den hintersten Ecken von eBay?) Es gibt also nach wie vor reichlich Mode zu bewundern – aber wie lässt sie sich am besten präsentieren?

Jahrzehntelang haben Modemarken Einfallsreichtum und Witz darauf verwendet, den Laufsteg neu zu erfinden. Von Alexander McQueen und Hussein Chalayan in den 90ern bis zu Molly Goddard und Martine Rose können wir von vergangenen Fashion Weeks vielleicht noch etwas lernen. Mit diesem Auftrag im Hinterkopf werfen wir einen Blick auf frühere Experimente von Modedesignern, die mit dem Format der Modenschau spielen: ob sie Models durch Schaufensterpuppen ersetzen, das Publikum loswerden oder sich ganz von der Live-Show lossagen. So könnten Modeschauen in Zeiten des Coronavirus aussehen.

Verzichte komplett aufs Publikum

Helmut Lang Herbst/Winter 98/99

Helmut Langs “séance de travail” Shows sind legendär dafür, wie sie Models aus allen Altersgruppen auftreten ließen (lange bevor wir sie “Nodels” nannten) während der herkömmliche, “erhöhte” Laufsteg (wie Lang es bezeichnet) durch ein quadratisches Design ersetzt wurde, das sich mehr wie ein öffentlicher Platz anfühlte. Die Models schlenderten lässig und alle in ihrem eigenen Tempo über das Karree, manche machten wiederholt die Runde. In Not Fashion: Photography and Fashion in the 90s (2011) beschreibt der Designer, warum er den Laufsteg anders besetzen wollte als seine Zeitgenossen: “Für mich sind diese Sessions Performances, weil ich nicht nur moderne Kleidung vermitteln möchte, sondern das Gefühl und die Stimmung der Zeit.” Im Jahr 1998 fing das Internet gerade an, sich als ein Ort für Modekonsum zu etablieren; für seine Herbst/Winter-Kollektion 98/99 ging Lang einen Schritt weiter und beschloss, das hektische Treiben rund um den Laufsteg komplett zu streichen. Stattdessen veröffentlichte er eine Aufnahme der Show online. Ihr könnt euch das als eine Art Proto-Livestream vorstellen.

Giorgio Armani Herbst/Winter 20/21

Letzten Februar – was nur zwei Monate her ist, sich aber wie aus einer anderen Zeit anfühlt – beschloss Giorgio Armani, seine Herbst/Winter-Show aus einem leeren Zimmer im Hauptquartier des Unternehmens in der Villa Bergognone live zu streamen. Armani teilte mit, dass “die Entscheidung getroffen wurde, um Gäste keiner gesundheitlichen Gefahr auszusetzen.” Im Rückblick eine ziemlich vernünftige Idee.

Oder werde die Models los

Maison Margiela Herbst/Winter 98/99

Wir können nicht über experimentelle Modenschauen reden, ohne Martin Margiela zu erwähnen, den herrschenden Champion in dieser Disziplin. Lange bevor John Galliano die Marke übernahm, verwendete Martin Margiela den Laufsteg als einen Ort, wo andere, untypische Präsentationsweisen ausprobiert werden konnten, und stellte auf diese Weise Geschichte wie Kultur der Modeindustrie infrage. Für die Herbst-Winter-Show 98/99 schickte Margiela statt lebendiger Models Marionetten von Stylistin Jane How auf den Catwalk, im Anschluss an einen kurzen Film von Mark Borthwick. Indem er Puppen statt Menschen einsetzte, spielte Margiela mit der etymologischen Herkunft des französischen Worts für “Model”: mannequin.

Alexander McQueen für Givenchy Herbst/Winter 99/00

Ein Jahr später wurde auch Alexander McQueen die Models los, für seine Couture-Show mit Givenchy basierend auf Paul Delaroches Gemälde Die Hinrichtung der Lady Jane Grey aus dem Jahr 1833. McQueen ersetzte die Models durch geisterhafte Schaufensterpuppen aus Acryl, die auf rotierenden Plattformen aus der speziell angefertigten Bühne emporstiegen. Das Scheinwerferlicht, das auf die sich drehenden Puppen fiel, erinnerte an Delaroches Gemälde, das Lady Jane Grey beleuchtet in der Bildmitte zeigt, auf dem Weg zum Richtblock gestützt von Sir Thomas Brydges. Die Journalistin Laura Craik schrieb damals: “Puppen haben noch nie so lebendig ausgesehen.” Eine schauerliche Interpretation, wenn man bedenkt, dass die Show sich vom letzten, flüchtigen Moment im Leben der unglücklichen Lady Grey inspirieren ließ.

John Alexander Skelton Collection VIII (Under Milk Wood)

Der in London ansässige Designer John Alexander Skelton überrascht sein Publikum Jahr für Jahr mit Performances, die aus ausführlichen Recherchen hervorgehen. Das Ergebnis liegt oft näher beim experimentellen Theater als bei einer typischen Modenschau. Skeltons Show der vergangenen Saison in der Zabludowicz Collection war da keine Ausnahme. Für eine Kollektion, die auf Dylan Thomas’ Under Milk Wood basierte, einem Radio-Stück aus dem Jahr 1954 über das fiktionale walisische Dorf Llareggub (lest es rückwärts), beschloss Skelton, Puppen statt Models einzusetzen. Zu Beginn des Stücks sind die Charaktere alle tief entschlummert, während der Erzähler von ihren Träume berichtet. Die Puppen waren alle unter weißen Bettdecken verborgen und wurden erst nach und nach von Johns Bruder Ryan enthüllt, der dabei die erste Zeilen des Stücks rezitierte.

Veröffentliche einfach ein Video

Maison Martin Margiela Herbst/Winter 93/94

Auf der Suche nach Alternativen zur klassischen Modenschau veröffentlichte Martin Margiela für die Herbst/Winter-Saison 93/94 einen Kurzfilm mit dem Titel Seven Women, der sieben Frauen aus verschiedenen Altersgruppen, Ländern und Berufen dabei zeigt, wie sie die Kollektion bei sich zu Hause tragen. Begleitend dazu gibt es einen Kommentar des Designers, worin Schnitte und Einflüsse der Kollektion erläutert werden. Zwar wurden die Regeln der sozialen Distanzierung hierbei wohl gebrochen, aber ihr könntet versuchen, aus zwei Metern Abstand zu filmen.

Susan Cianciolos Diadal für Run

Im Jahr 1998 brachte die Designerin und Künstlerin Susan Cianciolo Diadal heraus, die sechste Kollektion für die Marke Run – inklusive eines Do-It-Yourself-Kits, das Kunden dazu aufforderte, die Röcke selbst zusammenzunähen. Statt einer Live-Modenschau veröffentlichte sie den Film Diadal, der die Schnitte erklärt und die Konstruktion der Röcke vorführt. Im Moment ist das Video leider nicht online auffindbar: Jetzt wo Christopher Kane in Bastel-Kits für Gesichtsmasken macht, könnte es angesagter nicht sein.

Oder ein bescheidenes Selfie?

Giovanna Flores

Bist du ein/e mit attraktivem Äußeren gesegnete/r Designer/in? Dann mach doch einfach Selfies mit allen deinen Kreationen, so wie die amerikanische Designerin Giovanna Flores. Um ihre Kollektionen zu bewerben braucht sie wenig mehr als einen Selbstauslöser – vor allem keine anderen Menschen. Für Flores sind die Selfies eine sowohl praktische als auch sparsame Möglichkeit, ihre Arbeiten mit anderen zu teilen; außerdem dokumentieren die Bilder Ort und Zeit ihrer Entstehung.

back ss18

Ann Sofie Back Frühjahr/Sommer 18

Vor der Kamera zu stehen behagt euch nicht so? Okay, dann findet eben ein paar coole Leute, die die Selfies an eurer Stelle machen, so wie die Designerin Ann Sofie Back in Stockholm.

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