Unterm roten Regenschirm: Deutschlands Sexarbeiter kämpfen für ihre Rechte

In Berlin gehen Sexarbeiter auf die Straße, um gegen einen Gesetzentwurf zu protestieren, der sie gefährden wird.

von Anna Tehabsim
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09 März 2020, 8:00am

Unter der dichten Wolkendecke, die sich über Berlin legt, bekommt das Brandenburger Tor eine dringend notwendige Farbspritze. Überall am Pariser Platz, auf dem Bürgersteig vor dem historischen Baudenkmal, klappen rote Regenschirme auf. Darunter drängt sich eine kleine Gruppe Protestierender. Auf ihren Schildern steht: “Fuck the patriarchy—but not for free!”; “No bad whores, just bad laws”. Touristen spazieren vorbei und blinzeln unverbindlich; einige unterbrechen ihren Stadtrundgang für einen kurzen Boxenstopp. Auf dem Boden aufgereihte Regenschirme im Zentrum der Demo tragen ihre eigenen handgeschriebenen Botschaften: “Sexarbeit ist auch Arbeit”, und “My body is my choice”.

Sie sind mehr als ein Schild gegen den nachmittäglichen Niederschlag: Der rote Regenschirm ist ein Symbol der Sexarbeiter-Bewegung. Es wurde 2001 infolge eines Protests auf der 21. Kunstbiennale von Venedig inauguriert—ein Demonstrationszug von internationalen Sexarbeitern, die sich unter diesem Symbol einer dringend erforderlichen Absicherung tummelten. Die Farbe—ein wollüstiges Stiletto-Rot—ruft Klischees in den Sinn, die lange mit der Community assoziiert sind. Heute, am 3. März 2020, umklammern die Demonstrierenden ihre Regenschirme anlässlich des Internationalen Tags für Rechte von Sexarbeitern. Der Tag trifft mit einem für Sexarbeiter in Deutschland entscheidenden Moment zusammen. Die Leute hier sprechen sich gegen eine drohende Beschneidung ihrer Rechte aus: Berichten zufolge erwägt Deutschland, das so genannte schwedische oder nordische Modell einzuführen, das den Kauf von Sexarbeit zur strafbaren Handlung erklärt.

Ron Hades arbeitet seit zwei Jahren als Dom (ein professioneller Dominator in der Sexindustrie) in Berlin. Zur Zeit kann er legal in einem Studio in der Stadt arbeiten und ist als Sexarbeiter nach dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) gemeldet, dem umstrittenen deutschen Gesetz, dass am 1. Juli 2017 in Kraft trat. Unter diesem Gesetz sind Sexarbeiter verpflichtet, sich bei der örtlichen Behörde zu melden und regelmäßige Beratungsgespräche sowie Gesundheitsuntersuchungen zu absolvieren. Das Gesetz wurde eingebracht mit dem Ziel, Sexarbeiter zu schützen, aber die Community hier erlebt es anders. “Das Stigma ist ein großes Problem”, sagt Ron auf der Demo. “Es ist eine Form von Diskriminierung, wir müssen alle unsere Angaben bekannt geben, und man kann uns verhaften, wenn wir uns nicht ausweisen können. Es ist wirklich ungerecht.”

berlin sex workers march 2020

Sexarbeitern zufolge tut das Gesetz wenig, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern, noch hat es dazu beigetragen, Sexarbeit in bestehendes Arbeitsrecht zu integrieren, um so ihre Rechte denen anderer Arbeitnehmer anzugleichen. “Allein die Idee, dass du eine Lizenz brauchst, um in einem Berufsfeld zu arbeiten, für das du keine besonderen Fähigkeiten brauchst, anders als ein Anwalt oder Arzt, ist für mich komplett bizarr”, sagt Ron. “Wir müssen jedes Jahr unsere Lizenz erneuern und eine Gesundheitscheck durchmachen. Den Hurenausweis [eine umgangssprachliche Bezeichnung für den Meldeschein für Prostituierte] müssen wir alle zwei Jahre erneuern lassen. Der Amtstermin, wo ich wieder und wieder gefragt werde, wie ich Kondome verwende, wie ich mich schütze, ist widersinnig. Sexarbeiter wissen in der Regel besser über sicheren Sex Bescheid als alle anderen.”

Das ProstSchg ist unter Sexarbeitern als bürokratischer Albtraum bekannt—das heißt, sofern sie die gesetzlichen Erfordernisse einhalten. Wie Aya Velázquez, eine in Berlin tätige Hostess, Anthropologin und Startup-Gründerin mir erklärt: “Viele Frauen haben sich nicht angemeldet, weil sie Angst hatten, die Daten könnten bekannt werden.”

Weil das aktuelle System dafür kritisiert worden ist, Sexarbeiter weiterhin zu kontrollieren und zu marginalisieren, ist Aya eine von vielen, die sich sorgen, dass die Situation von Sexarbeitern in der Stadt sich noch verschlimmern könnte unter dem schwedischen Modell, für das sich Gegner von Sexarbeit und einige Stimmen innerhalb der CDU-SPD-Regierungskoalition ausgesprochen haben.

berlin sex workers march 2020

Zentrales Merkmal des Modells, das zur Zeit in Schweden, Norwegen, Island, Nordirland, Kanada, Frankreich, Irland und Israel gilt, ist die Kriminalisierung von Klienten, nicht der Sexarbeiter. Fürsprecher beschreiben das Modell als eine Verschiebung des Stigmas von denen, die Sex anbieten, zu jenen, die ihn kaufen—mit dem ausdrücklichen Ziel, die den Menschenhandel antreibende Nachfrage abzuschwächen. Das Modell ist jedoch weithin dafür bekannt, nach hinten loszugehen; es fällt auf Sexarbeiter zurück und setzt sie zunehmenden Bedrohungen aus. “Stell dir vor, jemand besitzt eine Bäckerei und darf Brot verkaufen, aber es gibt niemanden, der es kaufen darf”, sagt Aya. “Die gleiche Logik greift im vorgeschlagenen schwedischen Modell. Wir wehren uns dagegen, weil es unsere Geschäftsgrundlage zerstören würde.”

“Die Einführung des Gesetzes in Deutschland wäre eine schwerwiegende Verletzung der Rechte von Sexarbeitern”, sagt die aus Schweden gebürtige, aber in Berlin lebende Miranda (ein Pseudonym). Timotheus, auch er ein Sexarbeiter, der in Schweden aufgewachsen ist, spricht von dem feindlichen Klima, das aus dem Modell resultiert—er erwähnt Fälle von Leuten, denen ihre Kinder weggenommen wurden, oder die ihre Wohnungen verloren haben, weil die Polizei den Vermieter über ihren Beruf informiert hat. “Das Argument für das schwedische Modell ist, dass es nicht uns kriminalisiert, sondern den Klienten”, sagt Miranda, “was lächerlich ist, weil wir sowieso in Kollektivhaftung genommen werden. Selbst wenn der Klient verhaftet wird, kriegen sie einen Strafzettel oder eine Ordnungsstrafe. Als Sexarbeiter hingegen bist du am Tatort. Dein ganzes Zeug kann als Beweismittel beschlagnahmt werden.”

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Während die Situation unter dem schwedischen Modell für alle Sexarbeiter schwierig ist, sind es die am meisten marginalisierten, migrantischen und Trans-Sexarbeiter, die seine nachteiligen Auswirkungen besonders zu spüren bekommen. “Am stärksten betroffen”, sagt Timotheus, “sind Menschen, die ohnehin an den Rändern der Gesellschaft leben, die keine Papiere haben. Ihre ‘Rettung’ besteht oft darin, dass sie deportiert werden, ohne irgendwelche Hilfe zu erhalten”.

Ron unterstreicht seine privilegierte Position als Sexarbeiter mit Studio zu unterstreichen, tut zugleich aber sein Bestes, um die besonders Schutzlosen vor weiterer Verfolgung zu bewahren. Er leitet eine Gruppe für migrantische Sexarbeiter in Europa, wo er die Auswirkungen des bestehenden ProstSchG, das keinen Schutz vor Gewalt bietet, intensiv spürt. “Ich organisiere eine Gruppe asiatischer Sexarbeiter”, sagt er. “Du siehst, dass es manchmal gefährlich ist. Viele arbeiten von zu Hause, oder an einem gefährlichen Ort. Niemand würde erfahren, wenn ihnen etwas zustößt—weil das Gesetz verlangt, dass du eine Ausweis hast, haben sie große Angst, die Polizei zu verständigen, selbst wenn es nötig wäre. Zudem müssen sie um ihr Visum bangen, dass sie nicht in Deutschland bleiben dürfen. Du kannst dich zwar als Sexarbeiter melden, aber du kannst als Sexarbeiter kein Visum bekommen. Es ist total scheinheilig.”

Einstellungen zur Sexarbeit sind weltweit stark an Fragen der Migration gebunden. Für Salomé Balthus, eine in Berlin aufgewachsene Hostess, nimmt dieser Gedanke heute eine neue Dimension an. Sie sieht das geplante harte Vorgehen gegen die Rechte von Sexarbeitern als Teil eines umfassenden Gentrifizierungsvorhabens, das Minderheiten weiter an den Rand drängt. Mieterhöhungen und Intoleranz wachsen auf Drängen einer “selbsternannten Mehrheit, die eine Art Disney Deutschland errichten will, mit ihren eigenen moralischen Vorstellungen; die nicht anerkennen will, dass Menschen verschieden sind, und verschieden lieben—und dass sie ein Recht dazu haben.”

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“Ich glaube, dass die Berliner nach wie vor sehr offen und tolerant sind”, sagt Salomé. “Prostitution ist Teil der Großstadt. Aber die Leute, die Sexarbeiter viktimisieren, sind oft dieselben, die von Eigentum profitieren und gegen Einwanderung kämpfen. Es ist wichtig zu begreifen, dass das eine laute Minderheit ist, die gegen eine multikulturelle Stadt kämpft—gegen die Armen, für die Reichen.”

Doris Achelwilm, Sprecherin für Gleichstellungs-, Queer- und Medienpolitik für Die Linke, wendet sich an die Menge der Protestierenden. “Sexarbeiter müssen von diesen Gesetzen geschützt und nicht von ihnen verfolgt werden”, sagt sie. “Wir müssen mit Sexarbeitern und Organisationen sprechen, und nicht einfach Gesetzgebung gegen ihren Willen machen. Wir müssen zuhören und Gesetzesentscheidungen treffen, die Sexarbeitern das Leben einfacher, nicht schwerer, machen.”

Während der bescheidene Menschenauflauf sich auflöst und das Berliner Grau wieder überhandnimmt, betont Ron, dass er, falls das schwedische Modell sich in Berlin durchsetzt, nicht länger imstande sein wird, seiner Arbeit nachzugehen: “Niemand wird Sexarbeiter aufsuchen, aus Angst, verhaftet zu werden.”

“Wenn das schwedische Modell kommt”, sagt Salomé, “werden wir unsere Arbeitsplätze verlieren und es wird fast unmöglich sein, in Sicherheit zu arbeiten. Ich empfinde eine Mischung aus Angst und Liebe für einer Gemeinschaft, die bald verschwinden könnte. Es ist wie die letzte Party, bevor der Vorhang fällt.”

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Credits


Fotos Carys Huws
Assistenz Shauna Summers

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